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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.07.2010

"Das ungebaute Berlin"

Ausstellung zeigt nicht realisierte Bauentwürfe für die Hauptstadt

Von Dirk Fuhrig

Die Berliner Gedächtniskirche im Oktober 1957. (AP)
Die Berliner Gedächtniskirche im Oktober 1957. (AP)

Hitlers Architekt Albert Speer wollte Berlin in ein gigantomanisches Germania verwandeln. Auch zahlreiche weitere Stadtplaner hätten der Spreemetropole gerne ein anderes Gesicht verpasst. Die Schau "Das ungebaute Berlin" blickt auf 100 Jahre nicht realisierte Entwürfe zurück.

Die berühmteste Stadt-Utopie zu Berlin ist die von Albert Speer. Hitlers Architekt wollte Berlin zu "Germania" veredeln und plante dafür eine monumentale Achse von Norden nach Süden. Hunderte Gebäude hätten abgerissen werden müssen. Die große Kuppelhalle sollte alles überragen.

Es ist bei weitem nicht der einzige Masterplan, der nicht verwirklicht wurde. Die von Carsten Krohn entwickelte Ausstellung "Das ungebaute Berlin" blickt zurück auf 100 Jahre nicht realisierte Entwürfe.

"Wahrscheinlich wird es vielen so gehen, dass wenn man diese Planung sieht, dass man instinktiv bei vielen Projekten denkt, dass es ein Glück ist, dass das nicht realisiert wurde. Aber so utopisch diese Entwürfe anmuten: Die gebaute Stadt reflektiert das, was gedacht war."

Gedacht wurde zum Beispiel: Ein Ensemble gigantisch breiter Hochhausriegel zwischen Gendarmenmarkt und Brandenburger Tor, eine Art Trabantenstadt mitten im Zentrum – 1928 entworfen von Hugo Häring.

Groß gedacht wurde auch von Le Corbusier – 1958, als man im Westen noch nicht an eine baldige Vereinigung der Stadthälften dachte:

"Das ist ein Entwurf von Le Corbusier im Rahmen eines Wettbewerbs Hauptstadt Berlin. Das Interessante an diesem Wettbewerb ist, dass er vom Westen ausgelobt wurde, aber für das Gebiet, das sich größtenteils im Osten befindet. Und in den Vorgaben wurde gesagt, dass man von einer Tabula Rasa ausgehen kann. Also es gibt wenige Bauten, die auf jeden Fall erhaltenswert sind: Universität, die Bibliothek, Gendarmenmarkt, Zeughaus. Aber in diesem ganzen Bereich sieht man, dass hier eine komplett neue Stadt gebaut wurde. Anstelle des Schlosses ein 300 Meter hohes Hochhaus."

Ein weiteres Hochhaus sollte am Bahnhof Friedrichstraße stehen. Davor ein monströser Parkplatz für all die Pkw, die auf wenigen Magistralen heranrollen sollten. Im Gegenzug wäre der Boulevard Unter den Linden eine Fußgängerzone geworden. Le Corbusier träumte von einer Trennung des Verkehrs und einer Gartenstadt mitten in der City. Wie viele andere Architekten der Moderne glaubte er an ein besseres Leben durch bessere Architektur.

"Was viele Projekte hier verbindet, ist der Glaube an die Möglichkeit der Neuerfindung der Stadt. Das ist ein interessanter Gedanke, den es vor dem 20. Jahrhundert nicht so ausgeprägt gab. Diese Überzeugung, das man die Stadt besser bauen kann als die alte Stadt, zieht sich wie ein roter Faden von 1900 bis 2000."

Die in den 20ern aus allen Nähten platzende, nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend verwüstete, dann geteilte und schließlich wieder zusammen geflickte Metropole bot schon immer eine Projektionsfläche für architektonische Utopien.

Carsten Krohn hat für seine Ausstellung rund 100 Entwürfe gesammelt – bei weitem kein reines Horrorkabinett mit Allmachtsfantasien à la Speer oder Stadtautobahnen im Geist des Wirtschaftswunders.

Vom legendären Hochhaus Mies van der Rohes für den Bahnhof Friedrichstraße über die kuriose Idee, den Kurfürstendamm zu überdachen von 1966 - bis zur "Topographie des Terrors" von Peter Zumthor, dessen Umsetzung an politischen Querelen scheiterte.

Vieles ist einem erspart geblieben – einiges aber könnte heute aber besser aussehen. Weniger Mittelmaß wie so vieles, was in Berlin seit 1989 an Gebäuden entstanden ist. Beeindruckend der Entwurf von Daniel Libeskind für den Potsdamer Platz. Der heute für sein Jüdisches Museum bejubelte Architekt hatte 1991, als es um den Wettbewerb für die größte Wunde in Berlins Stadtkörper ging, noch kein einziges Gebäude tatsächlich gebaut. Seine Idee für den Potsdamer Platz wirkte wie ein Geflecht aus Fäden, mit denen Ost und West symbolisch zusammengenäht worden wäre – womöglich eine brillante Alternative zu dem, was heute dort steht.

"Diese ganze Debatte um Stadtplanung, um Wiederaufbau nach der Wende war sehr ideologisch in Berlin. Und die unterschiedlichen Auffassungen prallten so aufeinander, dass wir eigentlich mit dieser Ausstellung zeigen wollen, dass es eine unglaubliche Bandbreite im 20. Jahrhundert gibt."

Stadtutopien von Architekten aus der DDR werden kaum berücksichtigt.
Das liegt auch daran, dass die Neukonzeption Berlins als Hauptstadt der DDR viel radikaler umgesetzt wurde. "Ungebaut" blieb weniger.

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