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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 25.05.2011

Das tägliche Pfingstwunder

Über die Pflege der deutschen Sprache

Von René Weiland

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Sprache ist mehr als ein Transportmittel (Wolgang Noekle)
Sprache ist mehr als ein Transportmittel (Wolgang Noekle)

Es geht nicht nur um die Behauptung der deutschen Sprache als Wissenschaftssprache neben dem Englischen, sondern um die Frage, wie nah oder fern wir uns selbst sind, wenn wir sprechen oder schreiben.

Wenn Norbert Lammert, wortmächtiger Präsident des Deutschen Bundestages, darauf verweist, dass die Muttersprache der Nährboden präzisen Denkens sei, so betrifft das nicht bloß die Wissenschaften, sondern uns alle. Es reicht nicht, Deutsch als Sprache der Wissenschaften zu rehabilitieren, ohne, wie Lammert betont, die eigene Sprache zu pflegen. Was aber bedeutet "Pflege"? Zeugt nicht noch selbst solch Appell von einem instrumentellen Umgang mit Sprache, und sei es auch in bester konservativer Absicht, die Muttersprache als Integral unserer eigenen Kultur in Stand zu halten?

Sprache findet überall dort statt, wo wir uns als Wesen innewerden, die nicht schon sich und die Welt auswendig kennen, die vielmehr ihr Denken und Fühlen, ihren Weltbezug im Ganzen erst noch ausdrücken müssen. Unser Selbstverständnis als denkende Wesen ist nicht zu trennen von unserem Sprachvermögen. Diese Selbstverständlichkeit droht uns abhanden zu kommen in einer Weltmonokultur, die auf einem technoiden pidgin-english basiert. Immer wieder neu müssen wir uns als sich selbst ausdrückende Wesen wiedergewinnen. Dies geschieht jedoch nicht über sprachhygienische Regulierungen, als schlicht mit jedem subjektiven Denkakt.

Wenn wir denken, fassen wir die Wirklichkeit nämlich nicht nur sprachlich auf, wir fassen sie selber als sprachliche Wirklichkeit auf. Denkend wird uns alles unwillkürlich zu Sprache, selbst das, was nicht unmittelbar sprachlichen Charakter aufweist: Wir entziffern Mienenspiele und Gesten, lassen uns von Landschaften und Musik ansprechen, lesen nicht nur Zeitungen, sondern auch Aufbau und Züge eines Fußballspiels. Zu Sprache geworden, wird uns etwas Äußeres erst verständlich. Wir verstehen etwas, indem wir dieses Etwas unserem Inneren assimilieren.

Denkend ermitteln wir ein Verbindendes von Außen und Innen. Diese Ermittlung findet nicht nur in Sprache statt als einem x-beliebigen Medium, sie findet überhaupt erst dank Sprache statt. Die Sprache selbst ist nämlich das Verbindende von Außen und Innen. So verstanden, ist Sprache und Denken ein und dasselbe. Die Alten nannten diese Einheit den Logos. Er lässt uns unseren Weltbezug formulieren, wie er zugleich unser Selbstverhältnis klärt. Sprechend und denkend vermitteln wir sowohl unsere Erfahrungen mit der Welt als auch uns selbst in unseren Empfindungen und Ansichten, immer in der Hoffnung, sie auch Anderen nachvollziehbar machen zu können. Eben dies aber leisten wir nicht über Austauschmarken einer pragmatischen Lingua franca wie dem heutigen Allerweltsenglisch, sondern im Vertrauen auf das Verbindende innengeleiteten, authentischen Sprechens.

Ehe wir uns also, sei es aus wissenschaftspolitischen, sei es aus kulturpatriotischen Gründen für die deutsche Sprache stark machen, sollten wir unser Zutrauen in unser eigenes Sprachvermögen stärken. So meint Muttersprachlichkeit nicht nur die Sprache einer Nation, ihre kulturelle Identität, sondern vielmehr unsere persönliche Integrität als immer schon in Sprache Denkende und Fühlende. Dass wir prinzipiell über diese Integrität verfügen, davon erzählt die biblische Erzählung vom so genannten Pfingstwunder. Man könnte ihre Pointe dahingehend ins Alltagssprachliche übersetzen, dass wir den Anderen der Andersheit seiner Sprache zum Trotz verstehen können, wo wir ganz bei uns selbst sind - dass wir, je inniger wir uns selber auszudrücken verstehen, auch Anderen umso verständlicher werden. Wenn wir unsere Sprache pflegen, so pflegen wir nicht diese selber, wir pflegen unsere Fähigkeit, uns als geistig-emotionale Wesen zu artikulieren.

René Weiland (privat)René Weiland (privat)René Weiland, geboren 1957 in Berlin, ist langjähriger Mitarbeiter der RIAS-Funkuniversität. Letzte Buchveröffentlichungen: "Das Äußerste, was ein Mensch sein kann. Betrachtung und Gespräch über Thomas von Aquin" , sowie (zusammen mit Matthias Eckoldt): "Wozu Tugend? Über den Gebrauch eines missbrauchten Begriffs".

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