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Musikfeuilleton | Beitrag vom 08.01.2021

Das Staatliche Institut für Musikforschung Berlin auf dem PrüfstandAusgeforscht?

Von Matthias Nöther

Blick auf die Häuser mit ihren gelben, bewegten Fassaden. (imago images / Günter Schneider)
Hinter den großen Fenstern befindet sich auch die große Bibliothek des Staatlichen Institutes für Musikforschung Berlin. (imago images / Günter Schneider)

Das Staatliche Institut für Musikforschung Berlin gehört zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Nun steht es nach nach fast 60 Jahren durch ein Gutachten des Wissenschaftsrats zur Disposition.

Das goldene Gebäudeensemble zwischen Tiergarten und Potsdamer Platz kennt in Berlin jeder: Mittelpunkt ist die Berliner Philharmonie. Der unscheinbarste Teil ist das Staatliche Institut für Musikforschung. Auch dieses Institut wurde vom Architekten Hans Scharoun und seinen Nachfolgern als Teil dieses kulturellen Knotenpunkts konzipiert.

Neubewertung nach 60 Jahren

Das Musikforschungsinstitut gehört zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die nach fast sechzig Jahren Bestehen nun durch ein Gutachten des Wissenschaftsrats zur Disposition steht: Zu groß sei sie, zu wenig reformfähig. Es soll Änderungen geben – die einschneidendsten an jenem Institut für Musikforschung, das genau wie sein Museum zu den größten seiner Art weltweit zählt.

Immer wieder macht das Museum durch Ausstellungen auf sich aufmerksam, die Musikgeschichte hör-, sicht- und fühlbar werden lassen. Die Diskussion holt nun ein rund hundertdreißig Jahre altes Institut ins grelle Licht der kulturellen Öffentlichkeit.

Eintritt in eine andere Welt 

Wenn man das Musikinstrumentenmuseum Berlin vom Potsdamer Platz mit seinen Shopping-Malls und  Kinos kommend betritt  befindet man sich hier unvermittelt in einer anderen Welt. Einen so riesigen Ausstellungsraum mit nur einem Geschoss und einer Empore könnte sich heute kaum ein Museumsarchitekt der Welt erlauben – zumal nicht im Berliner Zentrum, wo die Immobilienpreise seit Jahren in astronomische Höhen steigen.

Blick in einen hohen modernen Raum mit Treppen zu Galeriegängen, in dem zahlreiche Tasteninstrumente aufgestellt sind. (mago images / ZUMA Wire / Sergi Reboredox)Der zentrale Ausstellungsraum des Musikinstrumentenmuseums wird für Ausstellungen und Konzerte genutzt. (mago images / ZUMA Wire / Sergi Reboredox)

Zwischen Tiergarten und Philharmonie aber war im Westberlin des Jahres 1984 noch Platz für eine der größten Musikinstrumentensammlungen der Welt. Und das ist längst nicht alles. Denn das Museum bildet nur den öffentlich zugänglichen Teil eines weltweit einzigartigen Instituts: des Staatlichen Instituts für Musikforschung, in Fachkreisen kurz SIM genannt.

Seit 1984 sind Institut und Museum in diesem extra für sie errichteten Flachbau untergebracht. Edgar Wisniewski, einst der Büropartner des berühmten Architekten Hans Scharoun, hatte das Haus als Erweiterungsbau für das goldene Ensemble aus Philharmonie und Kammermusiksaal konzipiert. Auch vergessene automatische Musikinstrumente waren von Anfang an in den Ausstellungsräumen dabei.

Ahnvater - der Musikethnologe Curt Sachs

Neben den Museumsräumen enthält das Staatliche Institut für Musikforschung einen Lesesaal mit freiem Blick auf die Philharmonie, ein Tonstudio, einen Raum mit besonders starkem und einen mit besonders schwachem Hall, die Büros der Mitarbeiter sowie den Curt-Sachs-Saal, einen Vortragssaal mit 200 Plätzen.

Der Saal ist nach dem einstigen Direktor der Berliner Instrumentensammlung benannt: dem berühmten Musikethnologen Curt Sachs. Er wird heute als Ahnvater des Instituts für Musikforschung gesehen. Tausende von Musikinstrumenten erfasste Curt Sachs gemeinsam mit seinem Instrumentenkundler-Kollegen Erich Moritz von Hornbostel in seiner "Systematik der Musikinstrumente".

Instrumentenkunde als Geisteswissenschaft

In der Tradition von Curt Sachs selbst betont auch Thomas Ertelt, Direktor des Staatlichen Instituts für Musikforschung, dass es nicht darum geht, Schätze auszustellen. Instrumentenkunde ist auch für ihn Geisteswissenschaft. Sie muss im Austausch mit anderen Fachdisziplinen stehen – nicht zuletzt mit der übrigen Musikforschung des Instituts, die beträchtlich ist.

Hohe Fensterfronten eines Gebäudes öffnen sich zu einer Grünfläche mit moderner Figur. (imago images / Günter Schneider)Blick ins Grüne soll den Mitarbeitern des Musikinstitutes Ruhe für Forschung bieten. (imago images / Günter Schneider)

Denn seit vielen Jahren ist das Musikinstrumentenmuseum nur eine von insgesamt drei Abteilungen des Instituts. In einer zweiten Abteilung wird zu Musiktheorie und Musikgeschichte geforscht, seit Jahrzehnten wird hier etwa der Briefwechsel der Wiener Schule um Arnold Schönberg herausgegeben.

Aufteilung nach Sparten

Das Gutachten des Wissenschaftsrates hatte eigentlich die Gesamtheit der "Stiftung Preußischer Kulturbesitz" untersucht. Unter ihrem Dach befindet sich das Staatliche Institut für Musikforschung, kurz SIM genannt, seit den 1960er Jahren. Der Wissenschaftsrat gab im Sommer des vergangenen Jahres eine Empfehlung ab, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz aufzulösen und ihre unzähligen Bestandteile neu aufzuteilen.

Die Stiftung nach ihren Sparten zu ordnen, soll in den Augen des Wissenschaftsrats für das Musikforschungsinstitut folgendes bedeuten: "Das Staatliche Institut für Musikforschung sollte als Musikinstrumenten-Museum mit sammlungsbezogenen Forschungsanteilen in die Staatlichen Museen eingegliedert werden."

Blick auf den schwarzen Schriftzug des Institutes auf dem hellen Stein über dem Eingangsbereich. (ZB)Der weithin sichtbare Schriftzug weist Vorbeigehende hin, woran hier gearbeitet wird: das Staatliche Institut für Musikforschung. (ZB)

Dieser Satz ist für Außenstehende erstmal unverfänglich. Weshalb sollten nicht diejenigen Teile des Musikforschungsinstituts, die sowieso dem Museum zuarbeiten, nicht auch dem Museum als einer Institution zugeordnet werden?

Beunruhigende Zeichen

In der Szene der Musikwissenschaft wird allerdings gewittert, dass alle Teile des Musikforschungsinstituts außer dem Museum mittelfristig geschlossen werden sollen, wenn sie nicht unmittelbar dem Musikinstrumentenmuseum dienen. Deshalb ist der Aufruhr unter internationalen Musikwissenschaftlern groß.

Im September letzten Jahres unterzeichneten rund 80 renommierte Musikforschende aus der ganzen Welt einen offenen Brief an die Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die das Gutachten des Wissenschaftsrats in Auftrag gegeben hatte.

Neue Perspektiven

Das neue Humboldt-Forum, also das neu aufgebaute Berliner Stadtschloss, als möglichen Partner für das Staatliche Institut für Musikforschung ins Gespräch zu bringen, ist für Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ein naheliegender Schachzug. Er könnte aber dem SIM tatsächlich zu neuen Perspektiven verhelfen – die dazu noch eigentlich uralte sind.

Das legendäre Berliner Phonogrammarchiv ist zwar Teil des Ethnologischen Museums, aber eigentlich Gegenstand von Musikforschung pur. Hier sind alte Phonografen-Aufnahmen der Jahre 1893 bis 1954 versammelt. Einer der Initiatoren im Jahr 1904: der Musikforscher Erich Moritz von Hornbostel – Kollege von Curt Sachs und damit auch ein Ahnvater des Staatlichen Instituts für Musikforschung, des heutigen SIM.

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