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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.08.2010

"Das sind ja überwiegend Altfälle"

Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie über sexuellen Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche

Norbert Leygraf im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

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Die katholischen Bischöfe stehen vor einer schwierigen Bewährungsprobe (AP)
Die katholischen Bischöfe stehen vor einer schwierigen Bewährungsprobe (AP)

Heute beraten die katholischen Bischöfe über Richtlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch. Der Psychiater Norbert Leygraf würdigt das geschärfte Bewusstsein der Kirche für diese Problematik. Es gebe keinen Zusammenhang zwischen Zölibat und Pädophilie.

Jan-Christoph Kitzler: Heute kommen die Bischöfe der katholischen Kirche in Deutschland mal wieder zusammen. In Würzburg geht es auch um ein Thema, das in den vergangenen Monaten für ziemlich viel Ärger gesorgt hat – die Missbrauchsfälle. Um es gleich klarzustellen: Missbrauchsfälle sind in der katholischen Kirche vermutlich nicht häufiger als in anderen Einrichtungen oder auch in Familien, wo die weitaus meisten Opfer, wo die weitaus meisten Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch werden.

Aber bei einer Einrichtung wie der katholischen Kirche liegt die Latte eben besonders hoch und auch deshalb wollen die Bischöfe ihre Leitlinien für den Umgang mit solchen Vergehen, die schon seit acht Jahren gelten, noch einmal verschärfen. Sie wollen mehr dafür tun, dass solche Fälle nicht wieder passieren. Darüber spreche ich jetzt mit Professor Norbert Leygraf, dem Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen. Guten Morgen, Herr Leygraf!

Norbert Leygraf: Ja guten Morgen, Herr Kitzler!

Kitzler: Die katholische Kirche will ihre Leitlinien verschärfen. Was bringen denn solche Leitlinien überhaupt?

Leygraf: Ja, sie können zumindest das Bewusstsein schärfen und das haben die alten Leitlinien ja schon getan, die es seit 2002 gab. Also das Bewusstsein innerhalb der Kirche, dass man auf solche Fälle ganz besonders achten muss und dass man sehr darauf achten muss, dass zumindestens dann, wenn ein solcher Fall bekannt wird, man so damit umgeht, dass es keine Rückfalltaten gibt.

Kitzler: Das heißt, der Hauptzweck solcher Leitlinien ist, dass eine Kultur des Hinschauens entsteht?

Leygraf: Eine Kultur des Hinschauens und eine Kultur des Rückfallvermeidens. Und indem man ziemlich genau hinguckt, was kann man dann mit dem Betroffenen überhaupt noch machen, wenn er so was schon mal getan hat, oder was hat er jetzt eigentlich wirklich getan und wie groß ist die Gefahr, dass er in ähnlichen Situationen wieder übergriffig werden könnte.

Kitzler: Wie sieht das denn ganz konkret aus, was muss praktisch getan werden?

Leygraf: Also ganz konkret sieht es aus, dass man natürlich mit dem Opfer spricht, mit dem Täter spricht, das Opfer ermutigt, eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft zu machen oder notfalls eben auch selber die Staatsanwaltschaft informiert. Und wenn denn dann überhaupt der Gedanke ist, dass der Betroffene noch weiter in der Kirche tätig sein könnte, dass man dann eine Begutachtung bei einem Spezialisten durchführen lässt mit der Frage, was kann man tatsächlich noch mit dem machen?

Kitzler: Seit acht Jahren hat die Kirche schon Leitlinien gegen sexuellen Missbrauch. Haben die in Ihren Augen funktioniert?

Leygraf: Ja sie müssen ja offenbar funktioniert haben, weil es in den letzten Monaten ja eine sehr offensive Kampagne der Kirche gegeben hat, dass Opfer sich melden sollen. Und auch da haben sich ja kaum mehr Leute gemeldet, die in den letzten acht Jahren irgendwie Opfer eines sexuellen Missbrauchs gewesen sind. Das sind ja überwiegend Altfälle, die sich gemeldet haben. Also muss sich in den letzten Jahren einiges geändert haben.

Kitzler: Trotzdem, bei den Missbrauchsfällen, über die zuletzt ja sehr viel berichtet wurde, war der Fokus in den meisten Medien vor allem auf die Kirche gerichtet. Ist das in Ihren Augen gerechtfertigt?

Leygraf: Also zahlenmäßig ist es ganz sicherlich nicht gerechtfertigt, denn alles das, was man bislang weiß, spricht dafür, dass derartige Handlungen von Priestern weitaus seltener begangen werden als von anderen Männern. Aber die Fallhöhe ist natürlich ganz anders. Also ein Mensch, der eine derartige, einen derartigen Anspruch, vor allen Dingen im Moralischen Anspruch ausstrahlt wie ein Priester, wenn der Derartiges tut, ist das natürlich umso schrecklicher.

Kitzler: Es wird ja oft ein Zusammenhang hergestellt zwischen den Missbrauchsfällen und dem Zölibat, der in der katholischen Kirche für Priester verpflichtend ist. Sehen Sie denn als Psychiater diesen Zusammenhang?

Leygraf: Nein, also pädophile Sexualität entwickelt sich während der Pubertät und Zölibat kommt sehr viel später. Also durch das Zölibat wird kein Mensch irgendwie pädophil veranlagt. Also das … Und Zölibat heißt ja oder hat, erhebt ja den Anspruch, dass man auf ausgelebte Sexualität verzichten soll. Also warum das dazu führen soll, dass dann jemand sexuelle Handlungen an Kindern begeht, ist nicht sehr sonderlich einleuchtend.

Kitzler: Das heißt, es gibt keinen Zusammenhang: Sexualität wird unterdrückt und die könnte sich dann an anderer Stelle in anderen Formen entladen. – Das stimmt so nicht, ja?

Leygraf: Nein, also das ist seit Sigmund Freud bekannt, dass das Unterdrücken von Sexualität natürlich zu Problemen führen kann und zu neurotischen Störungen, aber pädophil wird man dadurch mit Sicherheit nicht.

Kitzler: Wie sehen Sie die Diskussion über die Missbrauchsfälle in der vergangenen Zeit? Sollte es mehr um die Ursachen von Pädophilie gehen?

Leygraf: Ja die Ursachen sind nun mal ziemlich unbekannt. Also man weiß, dass man in der Pubertät so wird, warum man so wird, weiß man nicht. Man kann allenfalls eben versuchen, Rückfalltaten möglichst stark zu vermeiden, und es gibt mittlerweile ja auch Versuche, schon primärprophylaktisch einzuwirken auf potenziell gefährdete Menschen. Aber das ist natürlich das Schwierigste überhaupt.

Kitzler: Kann man überhaupt Priester sein mit solchen Neigungen? Ein Priester hat ja immer auch mit Gemeinden zu tun in der Regel.

Leygraf: Ja wenn jemand zölibatär lebt, dann ist es eigentlich ziemlich egal, welche Art von Sexualität er hat, er lebt sie dann ja nicht aus. Wenn aber ein Priester eine solche Gefahr hat, pädophile Handlungen auszuleben, Neigungen auszuleben, dann kann er natürlich nicht in der Gemeinde arbeiten.

Kitzler: Sondern was müsste er sonst machen, was müsste die katholische Kirche da für Mechanismen entwickeln, um das zu verhindern?

Leygraf: Ja sie hat ja auch schon Mechanismen entwickelt, um in den Priesterseminaren sozusagen vorzuselektieren und mit den Leuten diese Probleme doch stärker zu besprechen. Ganz gefeit ist die Kirche nicht davor und ganz gefeit ist kein Sportverein davor und ganz gefeit ist keine Schule davor, dass eben auch pädophil orientierte Menschen bei ihnen arbeiten.

Kitzler: Wer Priester werden will, der weiß, worauf er sich einlässt, der weiß, dass er zölibatär leben muss. Sind das überdurchschnittlich viele Menschen, die eine sag ich mal abnorme Form der Sexualität haben?

Leygraf: Nein, also das ist auch so eine Vermutung, die immer wieder geäußert worden ist, weil es offenbar für uns sehr schwer zu verstehen ist, dass Leute ganz auf Sexualität verzichten von sich aus. Irgendwelche Studien, die belegen würden, dass das nun besonders häufig Leute mit einer abnormen Sexualität werden, gibt es nicht.

Kitzler: Heute treffen sich die katholischen Bischöfe in Würzburg und wollen die Leitlinien zum Umgang mit Missbrauchsfällen verschärfen. Darüber sprach ich mit Professor Norbert Leygraf, dem Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen. Vielen Dank und Ihnen einen schönen Tag!

Leygraf: Ja, Ihnen auch!

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