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Interpretationen | Beitrag vom 10.05.2020

Das Requiem von Gabriel FauréTod ohne Stachel

Michael Stegemann im Gespräch mit Olaf Wilhelmer

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Der französische Komponist Gabriel Fauré (1845-1924) (Imago / Collection Taponier)
Meister der Sanftmut: Der französische Komponist Gabriel Fauré (1845-1924) (Imago / Collection Taponier)

Dieses Requiem ist anders als alle anderen: Kein dramatisches "Dies Irae" steht hier im Mittelpunkt, sondern Trost und Hoffnung. Mit seiner Vertonung der lateinischen Totenmesse schuf Gabriel Fauré ein Werk von elegischer Sanftheit.

In vielen Vertonungen der lateinischen Totenmesse bildet das "Dies Irae" (Tag des Zorns) einen Höhepunkt, wenn nicht das Zentrum des ganzen Werkes. Der französische Komponist Gabriel Fauré dagegen umging in seinem Requiem den Jüngsten Tag. Eine schöne, aber auch gefährliche Musik – denn sie kann schön langweilig geraten.

Ohne Künstlichkeit

Dirigenten müssen zu feinsten Differenzierungen fähig sein, um Faurés Requiem mit Ausdruck erfüllen zu können. Gleiches gilt für die beiden Gesangssolisten: Die Musik muss gestaltet werden, nichts darf gekünstelt oder übertrieben wirken.

Fauré wünschte sich eine unschuldige (Knaben-)Stimme für das Sopransolo und eine Kantorenstimme für das Baritonsolo. Das Requiem, so Fauré, sei wie er selbst: "von durchweg sanfter Stimmung".

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

In Deutschland ist das Requiem das einzige halbwegs bekannte Werk dieses durch und durch französischen Komponisten, der von 1845 bis 1924 lebte und aus dessen Kompositionsklasse am Pariser Conservatoire unter anderem Maurice Ravel hervorging. Doch so zugänglich sich Faurés Requiem dem Hörer öffnet, so komplex ist seine Entstehungsgeschichte – und damit verbunden die Frage nach der authentischen Gestalt des Werkes.

Gedenken und Vergnügen

1887 schrieb Fauré, Kapellmeister der Madeleine-Kirche in Paris, eine erste Kammerorchester-Fassung seines Requiems, die er bis 1893 ausweitete. Dies übrigens ohne besonderen Anlass – "zum Vergnügen", wie Fauré geradezu provokant formulierte.

In den folgenden Jahren wurde diese "kleine Fassung" für groß besetzte Aufführungen erweitert; die Premiere der "großen Fassung" dieses intimen Werkes fand 1900 auf der Pariser Weltausstellung vor nicht weniger als 5.000 Zuhörern statt.

Die Pariser Pfarrkirche La Madeleine. (Mathieu Menard / Imago)Gigantischer Arbeitsplatz für einen Komponisten intimer Musik: Die Pariser Pfarrkirche La Madeleine, einst Wirkungsstätte von Gabriel Fauré. (Mathieu Menard / Imago)

In dieser Version ging das Werk ins Repertoire ein, bis Philippe Herreweghe 1988 erstmals die Kammerfassung einspielte und damit die Frage nach der von Fauré intendierten Werkgestalt aufwarf.

Trauer und Textkritik

Unser Studiogast Michael Stegemann, Professor für Musikwissenschaft in Dortmund mit dem Schwerpunkt Interpretationsforschung, hat gemeinsam mit seiner Frau Christina M. Stahl in jahrelanger Arbeit den Notentext von Faurés Requiem erforscht und im Rahmen der Fauré-Gesamtausgabe als kritische Edition neu herausgegeben – in einem Prachtband mit faksimiliertem Autograph und in einer von Bärenreiter veröffentlichten Arbeitsausgabe.

Diese Sendung war erstmals 2012 zu hören und wird nun anlässlich des 175. Geburtstages von Gabriel Fauré am 12. Mai wiederholt. Der ursprünglich für diesen Platz vorgesehene Beitrag über den Liederzyklus "La bonne chanson" von Gabriel Fauré wird zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.

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