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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.03.2007

Das rätselhafte Leben

Leonhard Frank: "Fremde Mädchen", Aufbau, Berlin 2007, 320 Seiten

Der fast vergessene Leonhard Frank gehörte in den 20er-Jahren zu den erfolgreichsten Autoren der Weimarer Republik, schon sein Debüt "Die Räuberbande" von 1914 brachte ihm den Fontane-Preis ein. Jetzt wurden seine Erzählungen vollständig herausgegeben, bildsichere Geschichten über das rätselhafte Leben.

Leonhard Frank ist einer jener halbvergessenen Autoren, die nur in Liebhaberzirkeln überleben, wenigstens das. Der Paderborner Literaturwissenschaftler Dieter Sudhoff ist ein solcher Liebhaber, nun hat er Franks Erzählungen und Kurzgeschichten wieder in Erinnerung gebracht und vollständig herausgegeben. Frank gehörte in den 20er Jahren mit Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und Hans Fallada zu den erfolgreichsten Autoren der gesellschaftskritischen, sozialen Richtung. Er wurde 1882 in Würzburg geboren, besuchte die Volksschule, machte eine Schlosserlehre, ging mit 22 nach München, um Kunstmaler zu werden, und verkehrte in der dortigen Boheme, seiner - wie er sagte - "Universität". 1910 zog es ihn nach Berlin.

Gleich sein erster Roman "Die Räuberbande" von 1914 (der erste Band seiner Würzburger Trilogie) war ein großer Erfolg und brachte ihm den Fontane-Preis, und für den 1917 in Zürich erschienenen Erzählungsband "Der Mensch ist gut" bekam er von Heinrich Mann den Kleist-Preis zuerkannt. 1933 emigrierte er nach Paris, dann in die USA, 1950 kehrte er nach Deutschland und München zurück, wo er 1961 starb. Frank hat dies alles in seinem autobiographischen Roman von 1952 "Links, wo das Herz ist" (ein Titel, der zum geflügelten Wort geworden ist) dargestellt.

Franks Erzählungen, die trotz des hübschen Titels keine erotischen sind, wenn auch einige Liebesgeschichten dabei sind, umspannen ein halbes Jahrhundert, von seinem Debüt 1912, einer markant expressionistischen Erzählung mit dem Titel "Der Hut" (deren Hintergrund der tragisch-frühe Tod des vielversprechenden Dichters und Erzählers Georg Heym ist, der beim Schlittschuhlaufen auf der Havel durchs Eis brach und ertrank), bis zu der späten Kurzgeschichte "Besuch im Kloster". Damit schlägt er auch thematisch einen Bogen über fünfzig Jahre, weil er damit das Mysteriöse seiner frühen Erzählung "Gotik" von 1913 wieder aufnimmt; im Vergleich zu seinen Romanen, die das Soziale in den Mittelpunkt stellen, behandeln die Erzählungen meist das Rätselhafte und Unheimliche des Lebens.

Der Herausgeber hat sich in dieser Gesamtausgabe von Franks Kurzprosa, die teilweise Passagen aus späteren längeren Texten vorausnimmt, teilweise ganz unbekannt war, bemerkenswerterweise nicht an die End-, sondern gerade an die Erstfassungen gehalten. So können wir den ursprünglichen, erfrischenden Ton wiederfinden, den Frank selbst im Laufe seines Lebens für spätere Neuveröffentlichungen geglättet, geputzt und wegredigiert, dadurch leider aber auch seelenlos gemacht hatte. Zuweilen sind seine Texte etwas pointenschwach, aber immer bildsicher, mitreißend führt uns sein Stil alle Variationsmöglichkeiten des Deutschen vor Augen, dieses Ausreizen der Sprache bleibt sein Kennzeichen, es ist ein geradezu pathetisch-lapidarer Ton, mit dem er die meist einfachen Milieus schildert und der, weil Frank von Anfang an die wilden Übersteigerungen mied, natürlich und glaubwürdig wirkt.

Rezensiert von Peter Urban-Halle

Leonhard Frank: Fremde Mädchen. Geschichten der Leidenschaft
Herausgegeben von Dieter Sudhoff
Aufbau Verlag, Berlin 2007
320 Seiten, 18,95 Euro

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