Das Rätsel der Zeit

11.03.2012
Sie sagt, wann wir aufstehen sollen oder wann wir uns verabredet haben. Doch was ist Zeit eigentlich? Welches Konzept von Zeit haben so unterschiedliche Disziplinen wie Physik, Philosophie oder Religion? Adam Hart-Davis beleuchtet in diesem reich illustrierten Band eines der unerklärlichsten und zugleich spannendsten Phänomene des Universums.
"Zeit ist, was geschieht, wenn sonst nichts geschieht", munkelte der Amerikaner Richard Feynman. Der dunkle Spruch des großen Physikers offenbart: Selbst für naturwissenschaftliche Autoritäten bleibt die Zeit ein Rätsel.

Ein neues Buch - das "Buch der Zeit" - will dennoch ein wenig Licht ins Dunkel des geheimnisvollen Phänomens bringen. Auf 256 mit klugen Texten und wunderschönen Bildern randvoll gepackten Seiten lädt der britische Autor Adam Hart-Davies auf eine "Zeit-Reise" ein, die in ihrer Fülle kaum einen Wunsch am Thema offen lässt.

Den Einstieg wählt der Autor philosophisch. Ist die Zeit eine rein menschliche Konstruktion, oder besitzt sie eine Existenz jenseits der Chronometer? Für Aristoteles hatte die Zeit etwas mit Bewegung und Veränderung zu tun - im Lichte der Relativitätstheorie ein höchst aktueller Gedanke. Die Idee, dass die Zeit aus einer unendlichen Abfolge gegenwärtiger Momente bestehen könnte, hielt der Philosoph für verkehrt. Sein schlagendes Argument: Wie soll ein Moment in die Vergangenheit entschwinden können? Das ist weder jetzt möglich (da ist er schon vorbei), noch zu seinen Lebzeiten (da existierte er). Ist das Jetzt also nur ein gedachter Trennstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft? Dann aber löst sich die Zeit vollends in Luft auf, denn die Vergangenheit ist nicht mehr, die Zukunft noch nicht, und wenn auch das Jetzt nur eine hypothetische Trennlinie darstellt - was bleibt dann von der Zeit?

Weg philosophieren kann man sie vielleicht, dennoch bleibt die Zeit ein lebendiges Phänomen der Erfahrung. Sogar die Natur baut Uhren, erklärt Adam Hart-Davies. Der zentrale Zeitgeber des Menschen sitzt als reiskorngroßes Drüsenpaar hinter dem Nasenrücken und sendet kontinuierlich Nervenimpulse aus. Sie schicken uns abends ins Bett und treiben uns morgens wieder hinaus. Auch die Lebenszyklen der Pflanzen sind tief eingeflochten in die Rhythmen der Natur. Bio-Gärtner, die ihr Saatgut nur bei Voll- oder Neumond ausbringen, wurden lange als Esoteriker verlacht. Der Autor revidiert das Bild und verweist auf die Forschung der modernen Chronobiologie. Danach können Erträge um mehr als zwanzig Prozent steigen, wenn ein Bauer Brokkoli, Sellerie und Spinat bei Neumond oder Karotten und Zwiebeln bei Vollmond anpflanzt.

Philosophie, Biologie, Schichtarbeit, Uhrmacher-Handwerk, Lichtgeschwindigkeit, Reisen durch die Raumzeit - so vielfältig das Buch inhaltlich angelegt ist, so einfallsreich kommt es optisch daher. Jede Seite besticht mit Grafiken, historischen Abbildungen und leuchtender Naturfotografie. Die Gesamtschau macht deutlich: Zeit, Rhythmus, Werden und Vergehen grundieren das gesamte Leben. Vielleicht aber gibt es einen Augenblick, in dem alle Zeit endet: wenn das Universum im "Big Crunch" in sich zusammenfällt. Wir Menschen werden die letzte aller Zeiten nicht mehr erleben, erklärt Adam Hart-Davies. In fünf Milliarden Jahren kühlt die Sonne zum Roten Riesen ab. Dann wird sie die Erde verschlingen.

Besprochen von Susanne Billig

Adam Hart-Davis: "Das Buch der Zeit"
Aus dem Englischen von Michael Haupt und Anna Schleizer
Primus Verlag, Darmstadt 2012
250 Seiten, 29,90 Euro