Jüdisches auf der Berlinale 2022

Der Spion, der bereute

07:27 Minuten
Ein Mann steht mit einer gezückten Pistole in einem dunklen Raum
"Yosi, the Regretful Spy", sei der Serien-Stoff seines Lebens, sagt der Regisseur Daniel Burman. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit. © Gustavo Bassani
Von Igal Avidan · 18.02.2022
Audio herunterladen
In der Berlinale-Serie "Yosi, the Regretful Spy" wird ein Spion in die jüdische Gemeinde in Buenos Aires eingeschleust, leistet unwissentlich Vorarbeit für antisemitischen Terror. Außerdem auf der Berlinale: ein Film über den Fotografen Micha Bar-Am.
My real name is David Ben Lea!”, scherzt der argentinische Regisseur Daniel Burman. Der 48-Jährige hat Verwandte in Israel und verbrachte in seiner Jugend viel Zeit in der jüdischen Gemeinde AMIA in Buenos Aires. Und er weiß er noch genau, wo er am 17. März 1992 war:
“Ich gehe zu Fuß zum Haus meiner Mutter im jüdischen Stadtteil Once. Und auf einmal höre ich das Heulen von Sirenen. Als ich ankomme, mache ich den Fernseher an und bin total schockiert“.
An jenem Nachmittag fuhr ein mit Sprengstoff beladener kleiner Lieferwagen, gesteuert von einem Selbstmordattentäter, in das Gebäude der israelischen Botschaft in Buenos Aires. Bei der Explosion wurden 29 Menschen getötet und 242 verletzt. Das Botschaftsgebäude wurde komplett zerstört.
1994 erlebte Daniel Burman einen weiteren Terroranschlag – auf das Gemeinde-Zentrum für argentinische Juden AMIA:
„Ich wohne nur fünf Wohnblocks von der AMIA entfernt. An dem Tag komme ich vom Flughafen mit dem Taxi. Nur 20 Minuten nach der Detonation bleiben wir in einem enormen Stau stecken, sodass ich aussteige und nach Hause zu Fuß gehe. Ich sehe Menschen, die hin und her rennen, der Strom fiel aus in der ganzen Nachbarschaft.“

Der Film des Lebens

Dieser schwerste Terroranschlag in der Geschichte Argentiniens belastete Daniel Burman jahrelang. Aber eine Verfilmung lehnte er damals ab. Diese Terroranschläge sind bis heute nicht vollständig aufgeklärt und daher in Argentinien ein heikles Thema. Daniel Burman dazu:
“2018 stieß ich in einem Buchladen auf die Neuerscheinung ‚Yosi, der reuige Spion‘. Ich habe begriffen, dass dies die wahre Geschichte eines Spions ist, der in die jüdische Gemeinde eingeschleust wurde. Ich konnte das kaum glauben, habe die Autoren des Buches angerufen und gesagt: Diese Geschichte wartet auf mich. Erst als ich mit der Film-Arbeit begann, begriff ich, dass dies das Projekt meines Lebens ist.“

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige jederzeit wieder deaktivieren.

Der echte Spion erzählte seine Geschichte den beiden Buchautoren und lebt inzwischen im sicheren Ausland mit einer neuen Identität. Daniel Burman sagt über seinen Protagonisten José Peretz alias Yosi:
“Die Figur von Yosi basiert auf der Geschichte eines Beamten der föderalen Polizei, der in die jüdische Gemeinde eingeschleust wurde – 20 Jahre lang. Er sollte wohl einen jüdischen Plan vereiteln, Süd-Argentinien in einen jüdischen Staat zu verwandeln. Diese antisemitische Legende wurde in den 1980er-Jahren von den argentinischen Geheimdiensten propagiert. Erst als Yosi die Folgen seiner geheimen Tätigkeit versteht, beginnt er einen Prozess der Reue.“

Friedhof schänden ohne Reue

Im Film lernt Yosi zu Hause fleißig Hebräisch und die jüdischen Bräuche. Der junge Mann aus der Provinz beginnt als Assistent in einem jüdischen Textilgeschäft und ist aktiv in der jüdischen Studentenbewegung. Yosi findet sogar den Weg zum jüdischen Chor, mit dem er an Israels Nationalfeiertag in der israelischen Botschaft munter Hatikwa mitsingt. Obwohl er in seiner Funktion als Spion die Schändung des jüdischen Friedhofs einfädelt, kann er das Vertrauen des mächtigsten Mannes in der jüdischen Gemeinde in Buenos Aires gewinnen. Allein der Sicherheitschef der israelischen Botschaft verdächtigt Yosi, kein Jude zu sein. Aber kann er das beweisen?
Die Antwort findet man in der achtteiligen Serie über den reuigen Spion, die noch in diesem Jahr auf „Amazon Prime“ laufen wird.

Vom Hakenkreuz zum „Sohn des Volkes“

In einem anderen israelischen Film, „1341 Framim Mehamatzlema Schel Micha Bar-Am“, auf Deutsch: „1341 Bilder von Krieg und Liebe“ posiert ein blonder Junge vor der Kamera. Er trägt einen Anzug mit einem weißen breiten Kragen, Handschuhe und wedelt mit einem kleinen Schwert. In einer anderen Szene läuft er mit Schlittschuhen im Schnee und wirft einen Schneeball in Richtung der Kamera. So sah die heile Welt des deutsch-jüdischen Kindes Michael Anguli in Ulm um 1935 aus, erzählt er im Film.

Wir waren eine ziemlich wohlhabende Familie. Ich habe keine schlechten Erinnerungen aus meiner Kindheit in Deutschland. Ich dachte, ich werde ein deutscher Junge und ich kann mich an nichts Wichtiges erinnern, weswegen ich Deutschland verlassen habe.

In der letzten Szene dieses Familienstreifens aus dem Jahr 1936 posiert der sechsjährige Michael mit seinen Schwestern vor einem Denkmal, an dem ein Hakenkreuz prangt. Seinen sechsten Geburtstag feiert er bereits im Land Israel.
Sehr schnell lernt Michael Hebräisch – ohne einen Hauch von deutschem Akzent. Mit 13 Jahren beschließt er, den hebräischen Nachnamen ‚Bar-Am‘ oder ‚Sohn des Volkes‘ anzunehmen. Im jungen Staat Israel galt das als ein patriotischer Akt. Micha Bar-Am wird Fotograf und dokumentiert Israels Kriege, die Einwanderungswellen, die Kibbutzim und 1961 den Eichmann-Prozess in Jerusalem.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige jederzeit wieder deaktivieren.

Kurz danach ziehen Micha Bar-Am und seine Frau Orna in die Bundesrepublik. Hier fotografiert er nur privat. Und zum ersten Mal in seinem Leben rasiert er seinen Bart ab. Denn das Paar hilft bei der geheimdienstlichen Jagd nach deutschen Wissenschaftlern, die Raketen für Ägypten entwickeln.
In Ran Tals wunderbarer Film über Israels berühmtesten Fotografen geht es auch um die Bedeutung der Fotografie. Micha Bar-Am musste seine Hoffnung begraben, mit seiner Kamera die Welt zu verbessern. Und damit leben, dass sein erster Sohn Barak heute in seiner Geburtsstadt Berlin lebt.
Mehr zum Thema