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Musikfeuilleton | Beitrag vom 24.03.2019

Das ProgrammheftEin Radioessay über eine Übung am Rande der Kunst

Von Georg Beck

(Georg Beck)
Der Komponist Juan Allende-Blin vor der Ankündigung seines Orgelstücks "Sons brisés": Wandplakat, Paris 1968 (Georg Beck)

Manche bekommen einen Ehrenplatz, andere landen umstandslos im Papierkorb. Was darüber entscheidet, scheint klar. Das herausragende Theaterereignis, das uns mitreißt oder leiden lässt - das soll bleiben. Jahre später aufgeschlagen, staunen wir über Tiefe und Weite, die ein Thema, die ein Theaterabend einmal hatten. Andere wiederum, weil mit Liebe gemacht, sind einfach schön anzuschauen, haben Stil, Handschrift, Charakter. Eine radiophone Hommage für eine Kunst am Rande der Kunst.

Musik-Unternehmer wie Georg Philipp Telemann, wie Haydn und Händel in ihrer späten, in ihrer englischen Zeit, hatten es vorgemacht. Besonders findig unter den Pionieren eines bürgerlichen Konzertbetriebs unabhängig von Kirche und Hof war ein junger Tausendsassa. Zur Aufführung seiner Brockes-Passion lässt Georg Philipp Telemann Textbücher drucken, die gleichzeitig zum Eintritt berechtigen; für eine Hamburger Aufführung 1729 bringt er Textbuch und Eintrittskarte dann schon getrennt unter die Leute, womit zum ersten Mal jene Organisationsmittel in Umlauf gesetzt sind, die bis heute zur Ausstattung von Konzerten gehören. Ein revolutionärer Schritt wie Schnitt: das Billett abgetrennt von der Broschüre!

Mit jeder Konzertsaison ist an den Programmheften der großen etablierten Häuser aufs neue ablesbar, wie leicht man der Faszination der blendenden Außenhaut erliegen kann. Die Kunst mag arm sein (viele Künstler waren und sind es), ihre Präsentation (sagen die Präsentatoren) darf es nicht sein, muss ans Licht drängen, soll glänzend sein (wie die Farbe des Geldes).

Seitdem die Programmbroschüre ihre Eigenständigkeit proklamiert hat, seitdem sie zugelegt hat an Gewicht, an Bedeutung, seitdem sie mehr ist und sein will als bloß reklamemäßige Ankündigung, seitdem die lobredende Anpreisung der konzertierenden Akteure als Livestyle-Reportage getarnt wird – seitdem ist der mehr oder minder leise Spott der Kenner nicht verstummt.

Wo der Blick auf die Wirklichkeit fokussiert ist – ist er auch, und zwar ganz zwangsläufig, fokussiert auf das Sprechen, das Schreiben über Kunst. Man spürt es dann – an der Musik, am Konzert, am Konzertprogramm und damit letztlich auch an den program notes, den notes de programme, am Programmheft. Die Kunst, meinte Kurt Schwitters, das ist dieses "Spiel mit ernsten Dingen". 

Ein Radioessay mit O-Tönen des Komponisten und Kurators Juan Allende-Blin und des Klangkünstlers Bernd Bleffert.

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