Das Prager Chamäleon
Mode hat Mimi Nguyen Hoang Lan schon immer fasziniert. So abwechslungsreich wie ihre Kollektionen ist auch ihr Leben bisher verlaufen. Hanoi, Prag, und eine eigene Boutique in Amsterdam sind nur einige der Stationen der jungen Modeschöpferin.
Ein Gründerzeithaus im Prager Stadtteil Dejvice. Im zweiten Stock öffnet eine zierliche Frau mit pechschwarzen schulterlangen Haaren, Jeans und Pailletten besetztem grauen Oberteil die Tür. Nguyen Hoang Lan lächelt und bittet herein. Im geräumigen Wohnzimmer steht der grüne Tee schon auf dem Tisch. Ihr kleiner Sohn spielt auf dem gewienerten Holzboden. Hinter der halb geöffneten Flügeltür zum Schlafzimmer brabbelt das vier Monate alte Töchterchen vor sich hin.
Nguyen Hoang Lan setzt sich, gießt Tee ein und sagt: alle nennen mich nur Mimi, kleines Kätzchen. Punkt. Eine Frau ohne Attitüde, aber dafür mit Charme. Folgerichtig heißt auch ihr überaus erfolgreiches Designer-Label "La Femme Mimi":
"Mir kommt es nicht darauf an, dass meine Stücke auf der Straße sofort ins Auge fallen. Aber pfiffige Details und Farben sind mir wichtig. Sportliches mag ich nicht, Dresscodes spielen bei mir keine Rolle – eben bunt-elegant."
Vor allem extravagant sind Mimi Nguyen Hoang Lans Entwürfe: Etwa die azurblaue knielange Jacke. Der Schnitt ist streng, fast wie ein Kimono. Oder die luftige Seidenbluse mit Vogelmuster - kombiniert mit breitem Stoffgürtel und einer hautengen Jeans. Asiatisch aufwendig und zugleich gradlinig europäisch – das ist ihr Stil. Mode hat Mimi schon immer fasziniert.
"Als ich noch mit meinem Vater zusammengelebt habe, da konnte ich mich morgens nie entscheiden, was ich anziehen soll. Das fing schon im Kindergarten an! Und so kam ich natürlich immer zu spät und habe dafür von Papa eins hinter die Ohren bekommen, weil ich mich an dem Morgen schon zum fünften Mal umgezogen habe."
Mimis Vater - ein Maler und Boheme - war jedoch alles andere als streng. Bis zu ihrem achten Lebensjahr ist sie bei ihm in Hanoi aufgewachsen, erzählt sie lachend.
"Er hat mich überall mit hingenommen. Als ich fünf bis sechs Jahre alt war, saß ich manchmal bis elf Uhr abends in einer Kneipe umringt von seinen Künstlerkollegen. In irgendeiner dunklen, dreckigen Kneipe in Hanoi. Da wurde viel getrunken und debattiert. Und ich bin dann oft auf seinem Schoß eingeschlafen. Aber mir hat das Spaß gemacht; ich habe ziemlich früh etwas über die Welt der Kunst erfahren."
Auch Mimis Mutter ist eine Malerin. Anfang der 80er-Jahre war sie allerdings nach Prag gegangen, um an der dortigen Akademie der Künste zu studieren. Die Tochter ließ sie anfangs beim Vater, dann aber missfiel ihr dessen laxer Lebenswandel: Mit neun Jahren wurde Mimi zu ihren Großeltern nach Saigon geschickt. Dort waren schon eine Reihe anderer Kinder von Verwandten in Pflege. Von heute auf morgen änderte sich alles, die Tage waren streng geplant.
Plötzlich musste Mimi gemeinsam mit ihrer Cousine den Haushalt erledigen und auf die Kleineren aufpassen, während die Großmutter als Rektorin die Universität leitete und der Großvater als Finanzminister unterwegs war. Das hieß: Noch vor der Schule auf den Markt, Essen für den ganzen Tag einkaufen und nach der Schule kochen – Mittag- wie Abendessen.
"Wenn Großmutter aus der Uni kam, dann hat sie alles kontrolliert und das Essen probiert. Und wenn es zu salzig war, hat sie uns gezeigt, wie man eine Soße macht, die das neutralisiert. Das war ein richtiges Erziehungssystem. Und es war ein tägliches Abenteuer."
Ein Abenteuer, das sich auszahlen sollte: Die Disziplin hilft der jungen Modemacherin bis heute. Auch als sie mit 16 Jahren schließlich von ihrer Mutter nach Prag geholt wurde. Wieder ein Umbruch, der Kraft brauchte. Dazu noch die fremde Sprache.
All das meistert die junge Vietnamesin wie es scheint problemlos. Einem Chamäleon gleich taucht sie ein. Auf Geheiß der Mutter studiert Mimi Hoang Lan Politologie, Diplomatie und europäische Kultur. Sie soll etwas "Ordentliches" lernen. Nebenher beginnt Mimi zu schneidern.
Da es in Prag kaum Kleider in Größe 34 gibt, näht sich die zierliche Frau alles selbst. Ihr Stil kommt an. Mit der Zeit werden ihre Kommilitoninnen zu Kundinnen. 2002 machte sie ihren ersten kleinen Laden in der Nähe des Wenzelsplatzes auf und verkaufte neben Keramik und grünem Tee ihre selbstentworfenen Kleider. Ein Wagnis, das sich gelohnt hat:
"Das hat auch deshalb funktioniert, weil ich in dem kleinen Lädchen zugleich verkauft, entworfen, genäht und studiert habe. Ich habe permanent gearbeitet."
Drei Jahre später, 2005, bringt Mimi Hoang Lan ihre erste Kollektion heraus. La Femme Mimi schlägt ein wie eine Bombe. Namhafte Modezeitschriften in Tschechien, Frankreich und Belgien machen sie über die Prager Grenzen bekannt. Heute gibt es sogar schon eine eigene Boutique in Amsterdam. Zeit zum Nähen hat die 32-Jährige schon lange nicht mehr, das machen jetzt andere:
"Ich habe immer irgendwelche Ideen im Kopf, Sachen, die ich entwerfen möchte. Wenn ich das alles selber nähen müsste, dann würde mich das schrecklich aufhalten."
Eine Hälfte ihres Lebens hat Mimi in Vietnam verbracht, die andere in Prag. In Vietnam kauft sie immer noch ihre Stoffe ein, mehr aber nicht:
"Vom Wohnen bis hin zum Denken ist bei mir alles anders. Ich muss frei denken können. Unter den vielen Vietnamesen, die hier in Prag leben, gelte ich als schwarzes Schaf."
Nach Vietnam zurückkehren? Nein, allein schon wegen der Kinder und ihres Mannes, dem tschechischen Fotografen Jakub Pelnar, nicht. Prag ist ihr Zuhause. Weg will sie nicht. Auch wenn Berlin sie reizt. Dorthin, sagt die Modemacherin lachend, lockt es sie schon. Allein ihres Lieblinsfilmes wegen: "Der Himmel über Berlin" sei großartig. So großartig jedenfalls, dass La Femme Mimi Lust auf mehr hat.
"Ganz bestimmt werde ich eines Tages meine Kollektion in Berlin haben."
Nguyen Hoang Lan setzt sich, gießt Tee ein und sagt: alle nennen mich nur Mimi, kleines Kätzchen. Punkt. Eine Frau ohne Attitüde, aber dafür mit Charme. Folgerichtig heißt auch ihr überaus erfolgreiches Designer-Label "La Femme Mimi":
"Mir kommt es nicht darauf an, dass meine Stücke auf der Straße sofort ins Auge fallen. Aber pfiffige Details und Farben sind mir wichtig. Sportliches mag ich nicht, Dresscodes spielen bei mir keine Rolle – eben bunt-elegant."
Vor allem extravagant sind Mimi Nguyen Hoang Lans Entwürfe: Etwa die azurblaue knielange Jacke. Der Schnitt ist streng, fast wie ein Kimono. Oder die luftige Seidenbluse mit Vogelmuster - kombiniert mit breitem Stoffgürtel und einer hautengen Jeans. Asiatisch aufwendig und zugleich gradlinig europäisch – das ist ihr Stil. Mode hat Mimi schon immer fasziniert.
"Als ich noch mit meinem Vater zusammengelebt habe, da konnte ich mich morgens nie entscheiden, was ich anziehen soll. Das fing schon im Kindergarten an! Und so kam ich natürlich immer zu spät und habe dafür von Papa eins hinter die Ohren bekommen, weil ich mich an dem Morgen schon zum fünften Mal umgezogen habe."
Mimis Vater - ein Maler und Boheme - war jedoch alles andere als streng. Bis zu ihrem achten Lebensjahr ist sie bei ihm in Hanoi aufgewachsen, erzählt sie lachend.
"Er hat mich überall mit hingenommen. Als ich fünf bis sechs Jahre alt war, saß ich manchmal bis elf Uhr abends in einer Kneipe umringt von seinen Künstlerkollegen. In irgendeiner dunklen, dreckigen Kneipe in Hanoi. Da wurde viel getrunken und debattiert. Und ich bin dann oft auf seinem Schoß eingeschlafen. Aber mir hat das Spaß gemacht; ich habe ziemlich früh etwas über die Welt der Kunst erfahren."
Auch Mimis Mutter ist eine Malerin. Anfang der 80er-Jahre war sie allerdings nach Prag gegangen, um an der dortigen Akademie der Künste zu studieren. Die Tochter ließ sie anfangs beim Vater, dann aber missfiel ihr dessen laxer Lebenswandel: Mit neun Jahren wurde Mimi zu ihren Großeltern nach Saigon geschickt. Dort waren schon eine Reihe anderer Kinder von Verwandten in Pflege. Von heute auf morgen änderte sich alles, die Tage waren streng geplant.
Plötzlich musste Mimi gemeinsam mit ihrer Cousine den Haushalt erledigen und auf die Kleineren aufpassen, während die Großmutter als Rektorin die Universität leitete und der Großvater als Finanzminister unterwegs war. Das hieß: Noch vor der Schule auf den Markt, Essen für den ganzen Tag einkaufen und nach der Schule kochen – Mittag- wie Abendessen.
"Wenn Großmutter aus der Uni kam, dann hat sie alles kontrolliert und das Essen probiert. Und wenn es zu salzig war, hat sie uns gezeigt, wie man eine Soße macht, die das neutralisiert. Das war ein richtiges Erziehungssystem. Und es war ein tägliches Abenteuer."
Ein Abenteuer, das sich auszahlen sollte: Die Disziplin hilft der jungen Modemacherin bis heute. Auch als sie mit 16 Jahren schließlich von ihrer Mutter nach Prag geholt wurde. Wieder ein Umbruch, der Kraft brauchte. Dazu noch die fremde Sprache.
All das meistert die junge Vietnamesin wie es scheint problemlos. Einem Chamäleon gleich taucht sie ein. Auf Geheiß der Mutter studiert Mimi Hoang Lan Politologie, Diplomatie und europäische Kultur. Sie soll etwas "Ordentliches" lernen. Nebenher beginnt Mimi zu schneidern.
Da es in Prag kaum Kleider in Größe 34 gibt, näht sich die zierliche Frau alles selbst. Ihr Stil kommt an. Mit der Zeit werden ihre Kommilitoninnen zu Kundinnen. 2002 machte sie ihren ersten kleinen Laden in der Nähe des Wenzelsplatzes auf und verkaufte neben Keramik und grünem Tee ihre selbstentworfenen Kleider. Ein Wagnis, das sich gelohnt hat:
"Das hat auch deshalb funktioniert, weil ich in dem kleinen Lädchen zugleich verkauft, entworfen, genäht und studiert habe. Ich habe permanent gearbeitet."
Drei Jahre später, 2005, bringt Mimi Hoang Lan ihre erste Kollektion heraus. La Femme Mimi schlägt ein wie eine Bombe. Namhafte Modezeitschriften in Tschechien, Frankreich und Belgien machen sie über die Prager Grenzen bekannt. Heute gibt es sogar schon eine eigene Boutique in Amsterdam. Zeit zum Nähen hat die 32-Jährige schon lange nicht mehr, das machen jetzt andere:
"Ich habe immer irgendwelche Ideen im Kopf, Sachen, die ich entwerfen möchte. Wenn ich das alles selber nähen müsste, dann würde mich das schrecklich aufhalten."
Eine Hälfte ihres Lebens hat Mimi in Vietnam verbracht, die andere in Prag. In Vietnam kauft sie immer noch ihre Stoffe ein, mehr aber nicht:
"Vom Wohnen bis hin zum Denken ist bei mir alles anders. Ich muss frei denken können. Unter den vielen Vietnamesen, die hier in Prag leben, gelte ich als schwarzes Schaf."
Nach Vietnam zurückkehren? Nein, allein schon wegen der Kinder und ihres Mannes, dem tschechischen Fotografen Jakub Pelnar, nicht. Prag ist ihr Zuhause. Weg will sie nicht. Auch wenn Berlin sie reizt. Dorthin, sagt die Modemacherin lachend, lockt es sie schon. Allein ihres Lieblinsfilmes wegen: "Der Himmel über Berlin" sei großartig. So großartig jedenfalls, dass La Femme Mimi Lust auf mehr hat.
"Ganz bestimmt werde ich eines Tages meine Kollektion in Berlin haben."