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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 05.04.2012

Das Phänomen Sarkozy

Staatsmann oder Karikatur seiner selbst?

Von Ursula Welter

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Nicolas Sarkozy will Präsident Frankreichs bleiben.   (picture alliance / dpa / Ian Langsdon)
Nicolas Sarkozy will Präsident Frankreichs bleiben. (picture alliance / dpa / Ian Langsdon)

Nicolas Sarkozy polarisiert. Der französische Präsident gilt als Liebling der Reichen und Schönen, aber er hat auch linke Politiker ins Kabinett geholt und Frankreich auf die große Weltbühne zurückgebracht. Nun treibt er seinen Wahlkampf voran, so energiegeladen wie schon 2007.

"Mein Ehemann ist ein Mann, der alles gibt."

"Er unterbricht nie, er arbeitet die ganze Zeit, 20 Stunden am Tag, ich hatte Angst, er stirbt."

"Ich möchte den Franzosen sagen, dass ich alles getan habe, um sie nicht zu ent-täuschen."

"Sarkozy ist eruptiv, will eins und dann bald wieder das Gegenteil, und ich glaube, er hat nicht viel Gutes angerichtet",

sagt der renommierte Politologe Alfred Grosser.

""In der Nacht der Wahl, das Volk wartete auf dem Place de la Concorde, und er verbrachte anderthalb Stunden mit seinen Freunden im vornehmen Restaurant Fouquet.".

"Fouquet’s Brasserie" an den Champs-Elysée. Im Nobellokal feiert der frisch-gebackene Staatspräsident 2007 seinen Wahlsieg. Bis heute wird ihm das vor-geworfen. Das Etikett "Präsident der Reichen" haftet an ihm.

"Sarkozy ist auf der Seite der Reichen und Mächtigen."

Auch im ersten großen Fernsehinterview außerhalb des Elysée-Palastes muss sich der frisch gebackene Kandidat Sarkozy dem Thema stellen. Wo er denn diesmal feiern werde, sollte er die Wahl gewinnen?

"Diesmal habe ich eine Familie. Eine solide Familie."

Eine Anspielung auf sein Privatleben. Die Ehe mit Cecilia stand, was am Wahlabend 2007 nicht öffentlich bekannt war, auf der Kippe. Auch ihr zuliebe, so hieß es später, habe Sarkozy das Restaurant Fouquet’s für seine Wahlparty ausgesucht. Privates aus dem Leben eines Präsidenten, in Frankreich ist das heikle Ware, Diskretion wird bevorzugt. So musste Sarkozy vorsichtig sein, als er, um sein Image aufzupolieren, aus dem Nähkästchen plauderte und zum Besten gab, was da war, am Abend des Wahlsiegs 2007:

"Ich habe darüber nie gesprochen, weil ich glaube, das ist Teil meines Privat-lebens… unter den Millionen Zuhörern heute Abend gibt es sicher viele, die erlebt haben, was ich erlebt habe… die Seite ist umgeblättert, aber ich will fragen, wenn man so was durchlebt hat, will man das noch einmal erleben? Diese enorme Ehre, gewählt worden zu sein und meine Familie, die auseinander brach."

"Wahltaktik" ruft die Opposition umgehend, und Francois Hollande, der Kandidat der Sozialisten und starke Herausforderer Sarkozys, meint, derart entblättern dürfe man sich als Staatspräsident nicht, auch nicht im Wahlkampf:

Sarkozy habe das Amt beschädigt, Mitterrand, Chirac, sie alle hätten Schwächen gehabt, auch Frauengeschichten, aber Sarkozy sei zu weit gegangen. Niemand nehme den Mann mehr ernst, dessen Porträt in jedem Rathaus hänge, sagt nahezu jeder, den man in Paris um eine Meinung zu Sarkozy bittet. Mit Ausnahmen:

"Das ist doch eher sympathisch",

sagt André Glucksmann zu den Charakterschwächen des Präsidenten und bürstet damit gegen den Strich der veröffentlichten Meinung. 2007 hatte Glucksmann, zum Ärger seiner Philosophen-Kollegen, Sarkozy im Wahlkampf unterstützt. Sarkozy widerspreche eben dem Weltbild der Franzosen, nimmt er ihn bis heute in Schutz:

"Er ist nicht konform mit der großen Idee, dass das Französische Weltklasse ist, und dass an der Spitze Frankreichs der weltbeste Franzose stehen muss. Nein, er verkörpert diese Zerbrechlichkeit der Dinge. Das heißt nicht, dass er immer Recht hat, weit entfernt!"

Nicolas Sarkozy, Sohn ungarischer Einwanderer, Wirtschaftsanwalt, Bürgermeister des noblen Pariser Vorortes Neuilly, Innenminister, Staatspräsident, einer, der sich hochgearbeitet hat, ein Vollblutpolitiker. Als Präsident wird er zum Fall für die Karikaturisten: In Europa spricht man über seine erhöhten Absätze, über seine Art, das Gesicht zu einem Grinsen zu verziehen, bei noch so ernsthaften Frage-stellungen. Sarkozy habe sich zuweilen nicht im Griff, sagen nicht nur die politischen Gegner. Und als Beleg wird gerne daran erinnert, dass er einen Mann mit Vokabeln aus der Gosse beschimpfte, als dieser ihm auf der Landwirtschaftsmesse einen Händedruck verweigerte. Seinen Wahlkampf 2012 beginnt Sarkozy deshalb mit Reue:

"Das hätte ich nicht sagen dürfen, da auf der Landwirtschaftsmesse",

räumt der Staatspräsident ein. Er habe erst in die Rolle des Präsidenten hinein-wachsen müssen.

Manche möchten auch gar nicht, dass er sich ändert. Sie sind mit der Bilanz ihres Präsidenten zufrieden. Ein Markt an der Küste östlich von Marseille. Pascal verkauft hier bunte T-Shirts, Hemden. Er gehört zu dem Drittel der französischen Wähler, das schon jetzt entschlossen ist, Sarkozy wieder zu wählen. Bei allen objektiven Problemen, die das Land hat:

"Ich bin dennoch für Präsident Sarkozy",

sagt Pascal, der lässig auf seinem Hocker zwischen den Kleiderständern kauert, die Kappe tief ins Gesicht gezogen, zum Schutz gegen die grelle Mittagssonne.

"Hier kommen keine Reichen hin, das sind einfache Leute, die haben nichts mehr im Portemonnaie, selbst die Mittelklasse ist geschwächt."

Die Arbeitslosigkeit ist deutlich gestiegen, das Wachstum der französischen Wirtschaft stagniert, die Menschen klagen über zu teuren Wohnraum, die Kaufkraft schwindet, viele Wahlversprechen des Nicolas Sarkozy sind unerfüllt geblieben.

"Sicher, es muss sich etwas ändern, die Menschen brauchen einen Wechsel, aber sie wollen nicht extrem wählen, das macht ihnen Angst, aber als Händler kann ich auch nicht die Sozialisten wählen, oder noch weiter links. Ich bin einer, der viel arbeitet, um mein Auskommen zu haben; Leider arbeitet man heute viel, um wenig zu verdienen."

Wenn die Bilanz so schlecht ist, warum also will er Sarkozy wieder wählen?

"Es ist richtig, was er zu Schengen gesagt hat. Wir leben doch in Europa, um es gut zu haben. Jetzt rede ich ein bisschen wie Marine Le Pen. Wir können hier nicht die ganze Welt aufnehmen."

"Wenn nach einem Jahr nichts geschehen ist, wird Frankreich den Schengenraum verlassen."

Einwanderung, Immigration. Mit diesen Themen punktet Sarkozy. Kaum, dass er in das Gewand des Kandidaten geschlüpft ist, bedient er zentrale Punkte seiner politischen Konkurrenten: Fancois Hollande von den Sozialisten will den Europäischen Fiskalpakt nicht akzeptieren und will nach verhandeln – Sarkozy stellt den Schengen-Vertrag infrage und stellt Brüssel ein Ultimatum; der rechte und radikale Front National klagt, Frankreich ächze unter der Zuwanderung – Sarkozy verspricht, die Asylantenzahlen zu halbieren; der linke Front de Gauche wettert gegen Globalisierung und Arbeitsplatzabwanderung – Sarkozy fordert Vorfahrt für europäische Waren und sagt besseren Schutz für französische Unternehmen zu.

"Mein ganzes Leben war ich ein überzeugter Europäer."

Europa à la francaise, das ist seine Devise in diesem Wahlkampf, bevor die anderen damit punkten können.

Im Hafen geht es auf Mittag, die Netze sind eingeholt, die Fischer verabreden sich in den Kneipen rund herum zum Essen. Auch dieser hier hat es eilig, nur eines will er loswerden, wenn es Probleme gebe in Frankreich, dann wegen Europa. Die da in Paris sind doch unter sich, in ihrem Mikrokosmos, nutzt eine gut gekleidete Frau die Gelegenheit, da der Fischer seiner Wege zieht. Wir existieren doch für die in Paris gar nicht.

Die italienische Grenze ist nicht weit. Als der arabische Frühling die Flüchtlinge auf das europäische Festland spülte, war der Druck in dieser Gegend besonders zu spüren. Auch in Marseille, sechzig Kilometer weiter im Westen, im größten Hafen, dem Tor zu Afrika, ist die Stimmung schlecht. Finanzkrise, Arbeitslosigkeit, alles dreht sich darum. Nicolas Sarkozy, seine Versprechen zu Europa, zur Einwanderung, zur Wirtschaftspolitik – der Imbissbesitzer ist nicht überzeugt, dass die Rechnung aufgeht:

"Nicolas Sarkozy ist seit zehn Jahren an der Macht. Jetzt, wo er wiedergewählt werden will, sagt er, ich mache dies, ich mache jenes, wo war er denn in den letzten zehn Jahren, erst als Innenminister und dann als Präsident?"

Die Leute hier haben die Nase voll, sagt er, das Fleischmesser in der Hand, die Mieten steigen, die Löhne stagnieren, die Jugend hat keine Perspektive.

Gleich nebenan die Stammkneipe von Olympique Marseille. An der Theke geht die Rotweinflasche rum, die Stimmung ist deshalb nicht besser:

"Jetzt spüren die auch in Nordfrankreich, was wir hier schon seit dreißig Jahren spüren, seit unserem Hafen, der Lunge dieser Region, die Luft ausgeht."

An der Theke gibt es nur einen, der Nicolas Sarkozy unterstützen will und es offen zugibt. Viele hier sprechen vom "Wechsel", dem zentralen Schlagwort im Wahlkampf der Sozialisten, viele deuten an, dass sie rechts außen ihr Kreuzchen machen werden, weil sie von den großen Parteien enttäuscht sind. Der Süden tickt anders, als der Norden.

In Nordfrankreich strömen Tausende in die Turnhalle eines Gymnasiums ,
viele, meist ältere, Paare, aber auch junge Leute. Nicolas Sarkozy ist der Redner an diesem Samstagnachmittag:

"Ich denke, er kann am besten auf die Herausforderungen von heute antworten, auf die Lage Frankreichs in dieser globalisierten Welt. Francois Hollande mag ja im Innern einiges bewirken können, aber für die Rolle Frankreichs in der Welt, ist Sarkozy der Bessere."

Francois Hollande, alles Gerede, sagt diese Frau, der Spitzenkandidat der Sozialisten habe doch keine Erfahrung auf der internationalen Bühne, sei nur Regionalpräsident in der Corrèze gewesen. Es brauche einen, der das Land führen könne, gerade jetzt, sagt die Dame, die wie alle hier auf den Einzug des Wahl-kämpfers Sarkozy wartet.

Er kommt durch den Seiteneingang, die Saaldiener haben den Spalier von Studenten in Sarkozy-T-Shirts sorgfältig platziert, Hände werden geschüttelt, zwei junge Frauen, deren Familien aus dem Senegal eingewandert sind, jubeln dem Präsidenten zu, schießen Fotos mit dem Handy, "die schicken wir in den Senegal" rufen sie. Ein Samstagnachmittag im Departement Hauts-de-Seine, nördlich von Paris.

Eine halbe Stunde lang wird Nicolas Sarkozy reden, kraftvolle Worte fallen, die An-schläge von Toulouse und Montauban mit sieben Opfern liegen erst wenige Tage zurück, Sarkozy tummelt sich auf seinem Lieblingsfeld, der "Inneren Sicherheit". Seine Rede handelt von Frankreich, von den Werten der Republik, vom Stolz eines Landes, das sich vom Terrorismus nicht in die Knie zwingen lässt. Und wieder geht es um Europa, das unter ihm, Sarkozy, ein neues Gesicht, neue Einwanderungs-regeln bekomme. "Alle Macht den Regierungschefs" ist seine Devise. Die Halle tobt, das Publikum ist auf Sarkozys Seite und singt aus voller Brust zum Abschied die Hymne.

Nicolas Sarkozy wird vor allem für eines bewundert. Für seine Energie. Er sei schon als Junge, als Jugendlicher, so gewesen, er sehe das als Geschenk, sagt er selbst. Viel Sport, vor allem: kein Alkohol, auch das gehört zur Personenbeschreibung. Mancher Winzer im Weinland Frankreich beklagt die strenge Abstinenz des Präsidenten.

In seinem beruflichen Umfeld heißt es, er sei stets exzellent vorbereitet, stecke tief in den Themen, arbeite unermüdlich. Unermüdlich auch sein Taten- und Ideendrang. Das Rezept seines Sieges 2007.

Eine exzellente Kampagne, sagt Vincent Giret. Journalist beim links-liberalen Blatt "Libération". Sarkozy habe die Themen, habe den Rhythmus vorgegeben. Mit einem Feuerwerk an Ideen wurde die Opposition unter Druck gesetzt, die Aufmerksamkeit war groß und die Wahlbeteiligung hoch. 2012 läuft es ähnlich ab. Sarkozy bestimmt das Tempo. Auch Vincent Roquette von der konservativen Zeitschrift Valeurs sagt, es sei einer der großen Vorteile Sarkozys, ideologisch beweglich, anpassungsfähig zu sein.

Keiner könne das so, wie er, Sarkozy sei extrem anpassungsfähig, ideologisch be-weglich, fähig, viele Themen zu bedienen. Dass er linke Minister in sein Kabinett holte, sei nur ein Beispiel.

Entscheidet also am Ende die Charakterfrage? Die Umfragen sehen den Kandidaten Sarkozy für den zweiten Wahlgang am 6. Mai nach wie vor hinten. Meinungsforscher haben in Frankreich häufig daneben gelegen, aber diesmal könnten sie Recht behalten. Sarkozys Herausforder, Francois Hollande, werde vermutlich nicht gewählt, weil er überzeuge, sondern weil die Abneigung gegen den Amtsinhaber zu groß sei .

Behielten sie Recht, so wäre Nicolas Sarkozy am Ende nicht der Präsident, der Frankreich durch die Finanzkrise steuerte, der das Land in die Strukturen der NATO zurückbrachte oder der sich auf der Weltbühne für seinen Libyen-Einsatz feiern ließ. Er wäre der Präsident der Fünften Republik, der an sich selbst gescheitert ist. Wenn die Meinungsforscher Recht behalten! Nicolas Sarkozy selbst kokettiert allenfalls mit dem Gedanken an Niederlage und an die "Zeit danach".

"Ich würde etwa anderes machen, was, weiß ich noch nicht. Glauben Sie wirklich, wenn mir die Franzosen das Vertrauen nicht aussprechen, dass ich Politiker bleibe?"

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