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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.03.2013

Das Monster heißt Unersättlichkeit

Robert & Edward Skidelsky: "Wie viel ist genug", Antje Kunstmann Verlag, München 2013, 319 Seiten

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Glück und Freude machen auch ein gutes Leben aus, sagen die Autoren.  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Glück und Freude machen auch ein gutes Leben aus, sagen die Autoren. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

In dem kapitalismuskritischen Buch von Robert & Edward Skidelsky "Wie viel ist genug" stehen nicht das Ende der Ressourcen und Umweltzerstörung im Mittelpunkt der Argumentation. Sie führen vielmehr einen ethisch-moralische Diskurs über Gier und Neid aber auch über Glück und Lebensfreude.

"Das Monster wieder an die die Kette zu legen", haben sich diese beiden englischen Autoren vorgenommen. Und ihr Monster heißt Unersättlichkeit: Die ist ihrer Ansicht nach verantwortlich dafür, dass der Kapitalismus jegliche Scham verloren hat und nur noch der hemmungslosen Bereicherung einiger weniger dient.

An drastischen Worten fehlt es Vater und Sohn, dem Ökonomen Robert Skidelsky und dem Philosophen Edward Skidelsky nicht. Allerdings gehen sie das Problem der Wachstumsideologie von einer ungewöhnlichen Perspektive an. Nicht das Ende der Ressourcen, Umweltzerstörung oder Klimawandel stehen im Mittelpunkt ihrer Argumentation, wie man dies üblicherweise von Wachstumskritikern kennt und erwartet.

Die beiden setzen viel grundsätzlicher an und fragen: Was ist ein gutes Leben? Wann ist genug genug? Es ist eine ethisch-moralische Diskussion, die die beiden anregen wollen. Wie viel braucht es, um glücklich zu sein? Sind Gier, Neid und Geiz positive Eigenschaften, die ein Gedeihen der Wirtschaft erfordert? Sind Reichtum und Arbeit gerecht verteilt?

Ohne Wirtschaftschinesisch oder Philosophenlatein bauen die Autoren ihre Argumentation auf. Sie holen weit aus, gehen bis in die Antike zurück, um Antworten zu finden. Frühere Gesellschaften haben durchaus eine Idee davon besessen, wie ein gutes Leben aussieht und was ein Mensch dafür braucht. Selbst moderne Wirtschaftswissenschaftler wie Milton Keynes konnten sich ein Genug vorstellen. Erst die Befürworter eines entfesselten Kapitalismus ohne staatliche Reglementierungen, so die Skidelskys, kennen keine Grenzen mehr. Die Ideologie eines uneingeschränkten Individualismus, dem das Gemeinschaftswohl egal ist, führt zur Unersättlichkeit dieser Tage.

Ein gutes Leben sieht für die Autoren anders aus. Sieben Bedingungen müssen dafür erfüllt sein, sieben Basisgüter, die jeder Mensch braucht, um glücklich zu sein. Das sind Gesundheit, Respekt, Sicherheit, Harmonie mit der Natur, Freundschaft, Muße und Persönlichkeit. Viele dieser Basisgüter kann man nicht kaufen, aber um sie zu erlangen, muss die Gesellschaft für eine gerechte Verteilung des Eigentums und der Arbeit sorgen, so die Autoren.

Sie plädieren zudem zumindest in den reichen Staaten für ein Grundeinkommen, dass jedem Bürger zusteht. Das könnte unter anderem durch eine Ausgabensteuer finanziert werden. Den Konsumwahn möchten sie durch Werbeeinschränkungen bekämpfen. Zudem sollte die Arbeitszeit so verringert werden, dass jeder mehr Zeit für Muße findet. Darunter verstehen sie nicht Fernsehkonsum oder Computerspiele, sondern aktive Selbstverwirklichung eigener Interessen.

In den Industriestaaten lassen sich diese Basisgüter auch ohne Wirtschaftswachstum erreichen. Sie sind reich genug, um ihren Bürgern ein gutes Leben zu ermöglichen. Die Vision der Skidelskys knüpft an sozialistische Utopien ebenso an wie an kirchliche Sozialtheorie. Sie zeigt, dass die Wirtschaftswissenschaften eine Frage der Moral sind.

Besprochen von Rezensent: Johannes Kaiser

Robert & Edward Skidelsky: Wie viel ist genug – Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens
Aus dem englischen Thomas Pfeiffer und Ursel Schäfer
Antje Kunstmann Verlag, München 2013
319 Seiten, 19,95 Euro

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