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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.03.2020

Das Literarische QuartettScham und unfreiwillige Komik

Von Matthias Dell

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Vea Kaiser, Thea Dorn, Jakob Augstein und Marion Brasch in der Sendung "Das Literarische Quartett". (ZDF/Svea Pietschmann)
Die Schriftstellerin und Publizistin Thea Dorn (2.v.li.) ist die neue Gastgeberin des "Literarischen Quartetts". (ZDF/Svea Pietschmann)

Das "Literarische Quartett" stellt sich mit Thea Dorn als Gastgeberin neu auf. Sie ist die einzige Konstante im ständig wechselnden Kritiker-Salon. Unser Redakteur Matthias Dell erlebte eine Premierensendung, bei der Quantität vor Qualität stand.

"Beim Alten geblieben ist, dass wir in den kommenden 45 Minuten zu viert über vier Bücher reden werden", sagt die Neue zu Beginn, die im Grunde ja auch eine alte Bekannte ist. Thea Dorn, die seit diesem Jahr Gastgeberin im "Literarischen Quartett" ist, saß seit 2017 schon als Nachfolgerin von Maxim Biller in der Neuauflage der ZDF-Literatursendung unter Volker Weidermann. Bei der war, verglichen mit dem Original von 1988, nicht alles beim Alten geblieben.

Elf Bücher in 45 Minuten

Nahm man sich ursprünglich 75 Minuten Zeit für die Diskussion, sind es seit 2015 eben nur noch 45. In denen werden nun nicht mehr nur vier Bücher besprochen, sondern letztlich elf in die Kamera gehalten oder empfohlen (zählt man das amerikanische Original von Vicki Baums "Vor Rehen wird gewarnt" mit).

Außerdem verweist Dorn am Ende auf eine Internetseite namens dein-buch.zdf.de, auf der noch mehr Bücher zu finden seien als die vier, die eh schon nicht gebührend diskutiert werden können. Quantität statt Qualität, könnte man mit einer beliebten Alliteration sagen.

Unverbindlichkeit im Literarischen Salon

Wirkte der Streit bei Weidermann etwas angestrengt – wie die Pflicht, die aus der Tradition folgt, gibt es ihn nun kaum mehr, weil Dorn die Runde als "Salon" begreifen will. Das bedeutet vor allem: Unverbindlichkeit.

Es wechselt nicht mehr der eine Gast, sondern Dorn allein ist die Konstante unter Menschen, die nicht zwingend Literaturkritikerinnen sein müssen, wie die Premierenbesetzung bewies. Es diskutierten: Die Schriftstellerinnen Marion Brasch und Vea Kaiser sowie Verleger Jakob Augstein.

Ein schöner Ausdruck dieser Such-dir-was-aus-Haftigkeit ist der Satz von Vea Kaiser: "Genau darum geht's in diesem Roman, dass jeder von uns den anders lesen kann und wird."

Dorns simples Verständnis von Geschlechterverhältnissen

Auch wenn hier und da versucht wurde, über künstlerische Phänomene zu sprechen, so regiert in der Wahrnehmung der Literatur zum einen "Inhaltismus" und zum anderen eine Art, die literarische Texte wie Reportagen liest.

Dann landet man beim Gespräch über Moritz von Uslars "Nochmal Deutschboden" und Ingo Schulzes "Die rechtschaffenen Mörder" plötzlich bei Diskussionen über Nazis, mit denen man auch bei Sandra Maischberger auflaufen könnte.

"Obwohl er die echten Nazis getroffen hat, zeigt er sie, ohne sie diskreditieren", sagt Augstein über Uslar. Oder Thea Dorn begreift die ihre scheinbare Schwäche geschickt einsetzende Heldin von Vicki Baums "Vor Rehen wird gewarnt" von 1951 als "Gegenschuss" zur #MeToo-Bewegung – was doch ein simples Verständnis von Geschlechterverhältnissen offenbart.

Zwischen Dating-Show und Buchkritik

Am spannendsten ist das neue "Literarische Quartett" deshalb als Fernsehen, das eben auch Scham oder unfreiwillige Komik produziert. Dorns um Ausdrucksfülle und Perfektion bemühter Tonfall, der Wunsch, gedrechselt zu sprechen, als wäre Theo Lingen noch am Start, führt mitunter zu eigenartigen Momenten.

Etwa wenn die Moderatorin zu Beginn ihre Gäste in einer Mischung aus Angeben mit dem Bekanntenkreis, Antanzen zum Morgenappell und Zeugnisvergabe vorstellt. Oder wenn Jakob Augstein, dessen Mimik neben dem Genervt-Gelangweilten ins Lausbübisch-Flirtyhafte schalten kann, Thea Dorn "ancharmt" (und ein bisschen auch Vea Kaiser).

Dann, denkt man, könnte die Sendung auch in eine Dating-Show kippen, bei der die Bücher nur der Vorwand fürs Anklampfern wären. "Herzblätter" oder so. Aber auch in dieser Hinsicht ist die Aussicht, dass bei der nächsten Runde drei neue Gäste bei Thea Dorn über Bücher vorsprechen dürfen, wenig aufregend. Man wird nicht erfahren, wie es weitergeht.

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