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Zeitfragen | Beitrag vom 28.04.2021

Das Links-rechts-SchemaDie alte Kategorie politischen Denkens ist überholt

Von Arno Orzessek

Historische Porträts von Karl Marx, um 1875 und Richard Wagner, um 1882. (imago / glasshouseimages, imago / United Archives International )
Für Marx und Wagner hatte Geld eine geradezu göttliche Macht, die sie kritisch sahen. Was aber beide nicht hinderte, zeitlebens mit wechselndem Erfolg hinter Geld her zu sein. (imago / glasshouseimages, imago / United Archives International )

Ist Sahra Wagenknecht eine Linke oder eine Rechte? Ist Marx mit seiner Judenfeindlichkeit links und Wagner mit seinem Nationalismus rechts? Die alte Einteilung in politische Lager taugt nicht mehr viel, meint Arno Orzessek in seiner Kolumne.

Vor einigen Wochen war die Tageszeitung taz empört. Und zwar derart empört, dass sie ihre gesamte Titelseite für ein Foto freiräumte. Es zeigte Sahra Wagenknecht eine Treppe hinab absteigend. "Fast ganz unten angekommen", lautete die bissige Bild-Unterschrift.

"Ganz link... und immer weiter rechts" – so verortete die taz Sahra Wagenknecht. 

Der Anlass: Die Publizistin und Politikerin der Links-Partei hatte in ihrem neuen Buch "Die Selbstgerechten" Teile der Linken und namentlich die linksliberale Wohlstandsschicht hart angegriffen. So hart, dass die taz Wagenknecht umstandslos in die rechte Ecke drückte.

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'Rechts' oder 'links': Die Einordnung nach diesem schlichten Schema übt bis heute eine große suggestive Kraft aus. Sie befriedigt unseren politischen Ordnungssinn, unser Verlangen nach schneller, scheinbar klarer Orientierung.

Denn das 'Rechts-links-Schema', das auf die Sitzordnung in der französischen Nationalversammlung nach der Revolution von 1789 zurückgeht, verspricht Übersichtlichkeit. Dass die taz Sahra Wagenknechts Buch als "Liebeserklärung an die Rechte" bezeichnet, kommt tatsächlich einer Exkommunikation der Vordenkerin der Kommunistischen Plattform gleich.

Aber man kann den Spieß auch umdrehen – wie Bernd Stegemann. Der Berliner Dramaturg beharrt darauf, ein Linker zu sein. Und er unterstellt den moralisch argumentierenden Aktivisten, die sich selbst ebenfalls als Linke verstehen und 'woke' genannt werden, eine "moralistisch-regressive Politik, die mit links gar nichts zu tun hat".

Stegemanns Buch trägt den polemischen Titel "Die Öffentlichkeit und ihre Feinde".

Offenbar ist das 'Links-rechts-Schema' aufgeladen mit jener berühmten Unterscheidung von Freund und Feind, die auf den umstrittenen Staatsrechtler Carl Schmitt zurückgeht:

"Politisches Denken und politischer Instinkt bewähren sich theoretisch und praktisch an der Fähigkeit, Freund und Feind zu unterscheiden. Die Höhepunkte der großen Politik sind zugleich die Augenblicke, in denen der Feind in konkreter Deutlichkeit als Feind erkannt wird."

Die NSDAP verstand sich nicht als rechte Partei

Allerdings herrscht heute eine Asymmetrie. Sich öffentlich als links zu bekennen, ist in der Regel unproblematisch – anders das Bekenntnis, rechts zu stehen. Für ein solches bezahlt man in weiten Teilen der Öffentlichkeit mit Stigmatisierung.

Wofür es die bekannten historischen Gründe gibt. Obwohl sich die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei selbst nicht als rechte Partei verstanden hat, ihr Name deutet es an, haben der NS-Staat und die Verbrechen der Nazis den Begriff 'rechts' nicht nur für Linke auf immer vergiftet.

Dass der mörderische Stalinismus den Begriff 'links' in der hiesigen Öffentlichkeit weniger stark kontaminiert hat, liegt nicht zuletzt daran, dass die Nazis Deutsche waren, Stalin und Stalins Schergen nicht.

Zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde selten von 'rechts' und 'links' gesprochen, wohl aber von 'völkisch' und 'nationalistisch' einerseits und von 'marxistisch' und 'kommunistisch' andererseits.

Denn auch damals neigten viele dazu, die Gegenwart im Wesentlichen als Konflikt zweier Weltanschauungen zu deuten – die keineswegs an rein politische Inhalte gebunden sein mussten.

Bevor sich Thomas Mann zur Demokratie bekehrte, ließ er in den "Betrachtungen eines Unpolitischen" 1915 seinen anti-westlichen Ressentiments die Zügel schießen.

"Der Unterschied von Geist und Politik enthält den von Kultur und Zivilisation, von Seele und Gesellschaft, von Freiheit und Stimmrecht, von Kunst und Literatur; und Deutschtum, das ist Kultur, Seele, Freiheit, Kunst und nicht Zivilisation, Gesellschaft, Stimmrecht, Literatur."

Ist Marx wirklich linker als Wagner?

Weniger bekannt ist Peter Struve. Der ursprünglich marxistische Philosoph und Ökonom schrieb 1933, dem Jahr der sogenannten Machtergreifung durch Hitler, das zugleich der 50. Todestag von Karl Marx und Richard Wagner war:

"Der geistige Kampf, den das heutige Deutschland, bewusst oder unbewusst, ausficht, ist wirklich ein Kampf zwischen Richard Wagner und Karls Marx."

Das klingt so, als wären die Frontlinien klar: Hier Wagner, der Nationalist, der im "Ring des Nibelungen" nordische Mythen verarbeitet und, wie man sagt, typisch deutsche Gefühlswelten evoziert hat; dort Marx, der klassenbewusste Anti-Kapitalist, der die Proletarier aller Länder zur Revolution aufrief und Geschichte als rational durchschaubaren Prozess ansah.

Doch jenseits der groben Vorsortierung gibt es Gemeinsamkeiten. Wie jüngst das Symposion "Marx und Wagner. Der Kapitalismus und das deutsche Gefühl" im Deutschen Historischen Museum gezeigt hat.

Beide, Marx wie Wagner, beklagten die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit und mussten wegen ihrer Aktivitäten während der 1848er-Revolution ins Exil flüchten. Für beide hatte Geld eine geradezu göttliche Macht, die sie kritisch sahen. Was aber beide nicht hinderte, zeitlebens mit wechselndem Erfolg hinter Geld her zu sein.

Wagner hat die Situation der Arbeiter in den Fabriken und die stumpfe Tätigkeit an den Maschinen kaum weniger heftig beklagt als der Wüterich Marx. Beide haben ihre Judenfeindlichkeit in berüchtigte hasserfüllte Schriften gegossen. Hinter den rassistischen Ausfällen von Marx gegenüber Schwarzen bleibt Wagner sogar zurück.

Ist Marx wirklich linker als Wagner, Wagner rechter als Marx? Aufs Ganze gesehen ist es wohl so. Aber wem nützen solche Etikette? Gewiss nicht denen, die genau wissen wollen, wie Marx und Wagner zu den einzelnen Konflikten ihrer Zeit standen.

Und heute nicht anders. Wer den Zoff mehr liebt als das Argument, kann über die ´Rechts-links-Unterscheidung` rasch Freund und Feind identifizieren und in die immer gleichen Kämpfe ziehen. Wer jedoch seiner politischen Urteilskraft traut und sich für die anstehenden Probleme im Detail interessiert, kann die Begriffe 'rechts' und 'links' zumeist... links liegenlassen.

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