Das Lied der Lieder

Von Arne Reul · 23.10.2010
Das sogenannte Hohelied Salomos ist Teil der jahrhundertealten jüdischen wie christlichen Theologie. Der Einfluss des Hohenlieds auf unsere Kulturgeschichte ist ebenfalls enorm, denn Dichter, Maler und Komponisten haben sich immer wieder mit dieser erotischen Lyrik auseinandergesetzt.
Ich bin eine Blume in Scharon und eine Lilie im Tal.

Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen.

Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß.
Er führt mich in den Weinkeller, und die Liebe ist sein Zeichen über mir. Er erquickt mich, mit Traubenkuchen und labt mich mit Äpfeln, denn ich bin krank vor Liebe.


"Die Liebe wird verglichen mit Milch, Honig und Wein. Und damit soll zum einen – wenn man jetzt die Milch nimmt, Sanftheit – und mit Wein das Rauschhafte ausgedrückt werden. Also, die, sagen wir, Erscheinungsformen und Ausdrucksformen von Liebe, die sanft, zart aber dann auch exstatisch sein kann. Und da ist wieder zu bedenken, dass der Wein ein Rauschgetränk ist und ein Liedvers im hohen Lied ist: 'Berauscht euch an der Liebe, werdet Volltrunken an der Liebe.' Also der Wein signalisiert das rauschhafte, exstatische Element. "

Deine Liebe ist lieblicher als Wein, und der Geruch deiner Salben übertrifft alle Gewürze. Von deinen Lippen, meine Braut, träufelt Honigseim. Honig und Milch sind unter deiner Zunge, und der Duft deiner Kleider ist wie der Duft des Libanon.

Steh auf, Nordwind, und komm, Südwind, und wehe durch meinen Garten, dass der Duft seiner Gewürze ströme! Mein Freund komme in seinen Garten und esse von seinen edlen Früchten.

"Dieses hohe Lied erweckt eben nicht nur die sexuell erotische Beziehung zu dem anderen Partner, sondern nimmt dieses Bedürfnis - und durch die metaphorische Bezeichnung erweitert es dieses Bedürfnis in ganz viele andere Bereiche hinein, die ursprünglich gar nichts damit zu tun haben. Weder Weizen, noch Tauben, noch Trauben haben mit der Liebe zu tun. Aber die Metapher schafft jetzt das eben Doppelte, sie erweitert den Bereich des Erotisch-sexuellen und gleichzeitig wird plötzlich die Welt farbiger."

Für Stephan Weyer-Menkhoff, Professor für praktische Theologie an der Gutenberg-Universität Mainz, liegt der Reiz der Auseinandersetzung mit dem Hohelied darin, die vielen Bilder und Metaphern der biblischen Poesie sich so anzueignen, dass sie zum Bestandteil der eigenen Welterfahrung werden. Der damit verbundene Prozess des Verstehens wäre somit Teil einer religiösen Praxis. Vielleicht erklärt sich hieraus auch die Frage, warum diese erotische Lyrik Eingang in die Bibel gefunden hat.

Kaum eine Schrift des Alten Testaments hat so viele Auslegungen und Interpretationen erfahren wie das Hohelied und nur wenige Texte waren für die Kultur des Abendlandes derart prägend. Künstler haben immer wieder Motive aus diesem "Lied der Lieder" in Bilder verwandelt und hunderte von Komponisten fanden in dieser Poesie Inspiration für ihre Musik.

Woher stammt diese Dichtung? Ist der legendäre König Salomo wirklich ihr Verfasser? Und wie kam es dazu, dass diese poetischen Lieder des Judentums auch bei den Christen eine so große Bedeutung erlangten?
Wer hier nach Antworten sucht, muss zunächst zu den Wurzeln der abendländischen Kultur gehen.

"Das Hohelied fügt sich in Liebespoesie des östlichen Mittelmeerraumes und dazu gehört der griechische Raum, aber schon sehr viel früher der ägyptische. Und man hat gerade im ägyptischen Bereich schon seit dem 13. Jahrhundert vor Christus Liebesdichtung ähnlich wie im hohen Lied, was die Metaphorik anbelangt, aber auch, was den Dialog zwischen den zwei Liebenden anbelangt."

Markus Witte, Professor für Exegese und Literaturgeschichte des Alten Testaments an der Humboldt Universität Berlin. Auch wenn nicht ganz klar ist, wie groß der jeweilige Einfluss tatsächlich ist, fest steht, dass vor allem die Liebesdichtung des Alten Orients und insbesondere Ägyptens das biblische Hohelied geprägt hat. Textliche Überlieferungen und Bilder aus der Pharaonenzeit, 1500 Jahre vor Christus, beweisen das. Eine weitere Blüte erlebte die Liebesdichtung in der griechischen Antike zu Zeiten Homers, also im 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Die Dichtung Israels profitierte von beiden. In Palästina, insbesondere im Gebiet um Jerusalem wurden bei Tanz und Feierlichkeiten Liebeslieder nach den genannten Vorbildern gesungen. Daraus entwickelte sich schließlich eine hochstehende Kunstdichtung.

"Wenn Weisheit verstanden wird als ein umfassende Auflistung von Phänomenen, dann ist das Hohelied natürlich auch ein weisheitliches Buch, indem es tatsächlich alle Lebensbereiche, sei es in Flora, Fauna, Stadt auch Kosmologie mit einbezieht. Also, es wird tatsächlich der gesamte Lebens- und Vorstellungskreis des alten Orients abgeschritten, aber in eine so kunstvolle und sprachlich so schwierige Form, dass tatsächlich nur ein kleiner Kreis von Weisheitsdenkern oder Weisheitsdichtern oder auch Dichterinnen – das ist nicht ausgeschlossen, dass auch Frauen an diesen Texten mitgeschrieben haben – stammen kann."

Mein Freund ist weiß und rot, auserkoren unter vielen Tausenden. Sein Haupt ist das feinste Gold. Seine Locken sind kraus, schwarz wie ein Rabe. Seine Augen sind wie Tauben an den Wasserbächen, sie baden in Milch und sitzen an reichen Wassern. Sein Mund ist süß, und alles an ihm ist lieblich. – So ist mein Freund; ja mein Freund ist so, ihr Töchter Jerusalems!

Aus der Geliebten, die hier so bildreich ihren Freund beschreibt, spricht also auch die Klugheit einer welterfahrenen Frau. Doch Weisheit verbunden mit der wunderschönen erotischen Lyrik sind bei Weitem nicht die einzigen Gründe, warum das Hohelied im Judentum so bewundert wurde. Ein weiteres für die Theologie wesentliches Element kommt hinzu: Die Allegorese. Etwas allegorisch deuten, das heißt so viel wie etwas anderes meinen als sagen, etwas "Höheres" versteht sich. So entstand eine jahrhundertealte Auslegungsgeschichte, in der immer wieder neue religiöse Zuordnungen gefunden wurden.
Das im Hohelied beschriebene Liebesverhältnis zwischen Mann und Frau meint in der allegorischen Deutung des Judentums die Beziehung Gottes zu seinem Volk Israel. Diese Interpretation war durchaus nicht abwegig, sie begegnet einem im Alten Testament immer wieder. So verkündete zum Beispiel im 8. vorchristlichen Jahrhundert der Prophet Jesaja den Juden.

Man soll dich nicht mehr nennen "Verlassene" und dein Land nicht mehr "Einsame", sondern du sollst heißen "Meine Lust" und dein Land "Liebe Frau"; denn der HERR hat Lust an dir, und dein Land hat einen lieben Mann. Denn wie ein junger Mann eine Jungfrau freit, so wird dich dein Erbauer freien, und wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so wird sich dein Gott über dich freuen.


Vor allem der jüdische Gelehrte Rabbi Akiba legte dann im ersten Jahrhundert den Grundstein für die religiöse Deutung des Hohelieds. Wenn schon Jesaja von einem lustvollen Braut-Bräutigam Verhältnis spricht, um das Verhältnis Gottes zu Israel zu beschreiben, dann könne man bestimmte Stellen aus dem Hohelied, so Akibas Schlussfolgerung, ähnlich betrachten.

Meinem Freund gehöre ich und nach mir steht sein Verlangen. Komm, mein Freund, lass uns aufs Feld hinausgehen und unter Zyperblumen die Nacht verbringen.

Für Rabbi Akiba, dem Begründer des traditionellen jüdischen Lehrsystems, waren die Worte des Hohelieds also spirituell gemeint, sie glorifizieren die Vereinigung des Gläubigen mit Jahwe, dem Gott der Juden. Nur dadurch lässt sich Akibas große Wertschätzung des Hohelieds verstehen.

Gott behüte, es hat niemand in Israel daran gezweifelt, dass das Hohelied heilige Schrift sei. Die ganze Welt wiegt den Tag nicht auf, an dem Israel das Hohelied empfing. Alle Schriften sind ein Heiliges, aber das Hohelied ist das Allerheiligste.

Einzelne Aussagen des Hohenlieds wurden auf geschichtliche Ereignisse bezogen. Populär wurde zum Beispiel die Deutung des Geliebten als Moses. Wenn die Juden mit dem Pessachfest den Auszug aus Ägypten feiern, wird nicht selten auch das Hohelied verlesen, meist steht es in einer eigenen, wertvollen Schriftrolle.
Die jüdische Hermeneutik, also die Art und Weise, wie Texte ausgelegt werden können, wurde dann von den Christen übernommen. Markus Witte.

"Von der Struktur der Hermeneutik her ist es identisch mit der jüdischen Deutung, nur wird eben jetzt das Gottesvolk mit der Kirche identifiziert. Man muss bei antiker jüdischer Hermeneutik und frühchristlicher Hermeneutik bedenken, dass die Abstände zwischen beiden Religionen nicht so groß sind. Die eigentliche, wesentliche Ausdifferenzierung beider Religionen ist erst im 4. Jahrhundert nach Christus manifest, über die großen Konzilien - aber bis dahin läuft strukturell innerhalb der Hermeneutik das parallel."

Die zunächst enge Zusammenarbeit von jüdischen und christlichen Gelehrten macht vor allem eines deutlich: Judentum und Christentum schöpfen aus den gleichen Quellen! In den folgenden Jahrhunderten bekommt das jüdische Hohelied im Christentum eine herausragende Bedeutung.

Eine der ersten christlichen Kommentare des Hohelieds stammt von dem Kirchenlehrer Hippolyt aus dem 3. Jahrhundert. In Anlehnung an das Hohelied betrachtete er Christus als den Bräutigam, dieser trete in einen Dialog mit den Menschen, die schließlich als seine Braut zum Teil der Gemeinde Christi würden. Auf diese Weise wurde das Hohelied mit seiner Braut-Bräutigam-Symbolik zur wirkungsmächtigen Referenz der neuen christlichen Kirche. In der Folgezeit entstanden immer mehr Auslegungen, insbesondere die allegorische Deutung der geliebten Braut steht dabei im Mittelpunkt.

"Wenn es dann um die Seele des Glaubenden geht, der sich in der Liebe, in der mystischen Vereinigung mit Gott verbindet. Also die Anima, die Seele ist dann der Garten und Christus ist der Bräutigam. Und die Sehnsuchtslieder beispielsweise, die man im Hohelied hat, die von der Frau gesprochen werden, werden nun verstanden als Sehnsuchtslieder der religiösen Seele, die ihren Bräutigam, Christus, herbeiwünscht."

Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte; aber ich fand ihn nicht. Ich will aufstehen und in der Stadt umhergehen auf den Gassen und Straßen und suchen, den meine Seele liebt.

So wurde der Geliebte des Hohelieds zur Verkörperung Jesu Christi. In Bezug auf die Frau entstanden bald weitere Deutungen.
Die im Christentum vielleicht wichtigste Auslegung der Braut ist die Übertragung auf die Figur der Jungfrau Maria. Findet sich doch im Hohelied der markante Satz:

Du bist wunderbar schön meine Freundin, und kein Makel ist an dir.

Allein diese Worte wurden seit dem 8. Jahrhundert unzählige Male vertont, sie sind zentral für den im Christentum so bedeutenden Marienkult. In der Poesie des Hoheliedes ist mit Makellosigkeit sicherlich vor allem die makellose Schönheit der Geliebten gemeint. In der christlichen Deutung wurde die Freundin zu Maria, der jungfräulichen Gottesmutter. Davon abgeleitet erreichte im 12 Jahrhundert der Marienkult unter Nonnen einen Höhepunkt. Insbesondere in den Frauenklöstern spielte dabei die sogenannte "unio mystica", also die geheimnisvolle Vereinigung der Seele mit Gott bzw. Jesus Christus eine großen Rolle. Als Bräute Christi vollzogen zum Beispiel Hildegard von Bingen und ihre jungfräulichen Schwestern in rituellen Zeremonien die Vereinigung mit Jesus. Hildegards Musik versetzt dabei die Nonnen in exstatische Verzückung.


Angeregt durch Martin Luthers Bibelübersetzung unternimmt im 17. Jahrhundert der deutsche Barockdichter Martin Opitz eine kunstvolle Umdichtung des Hohelieds. Dem literarisch rückständigen Deutschland will Opitz auf dem Gebiet der Dichtung dadurch neue Impulse geben. Die Poesie, so sein Ideal, darf nun nicht mehr antiken Vorgaben folgen, sondern allein die Silbenfolge der deutschen Sprache soll das Versmaß bestimmen.

Ich bleib und bin des Liebsten für und für
Dann seine lust beruhet gantz auff mir.
Komm Hertze komm; lass uns zu Felde bleiben
Im feister Rhue und da die Zeit vertreiben.


Mit solchen Versen, 1627 im Erstdruck erschienen, wurde Opitz zum Mitbegründer einer eigenständigen deutschen Dichtung.
Und auch Goethe fühlte sich gut 150 Jahre später in seiner Sturm und Drangzeit vom Hohelied angezogen und übersetzte es neu.
Das wohl bekannteste Beispiel eines originellen Umgangs mit dem Hohelied heute dürfte im Roman "Der Name der Rose" von Umberto Eco zu finden sein.

Als der Mönch Adson von Melk eine Liebesbeziehung mit einem Bauernmädchen eingeht, verwendet Adson zur Beschreibung des Mädchens fast in wörtlicher Entsprechung die Sprache des Hohenlieds.

"Was geschah mir? Was fühlte, was sah ich? Da trat sie noch einen Schritt näher zu mir, warf das Bündel, das sie bisher an ihre Brust gedrückt, in eine Ecke und hob von neuem die Hand, mir die Wange zu streicheln. Und während ich noch zögerte, ob ich nun fliehen oder näher herantreten sollte, und es mir in den Schläfen dröhnte, als bliesen alle Posaunen Josuas, um die Mauern Jerichos krachend zusammenstürzen zu lassen, löste sie die Bänder die ihr Kleid über der Brust zusammenhielten, und streifte es ab und stand vor mir, wie Eva einst vor Adam gestanden sein musste im Garten Eden. Ihre Brüste erschienen mir wie zwei junge Rehzwillinge, die unter Lilien weiden, ihr Nabel war wie ein runder Becher dem nimmer mangelt würziger Wein, und ihr Bauch wie ein Weizenhaufen, umsteckt mit Rosen."

"'Dein Schoß ist wie ein runder Becher, dem nimmer Getränk mangelt.' Das ist das Besondere des hohen Liedes, dieses kunstvolle, poetischen Sprachgebilde schafft einen Raum, in dem etwas – Sexualität – einen viel weiteren Horizont bekommt, als wenn man dieses etwas als rein in seinem Vorhandensein, in seiner objektiven Gegebenheit, in seiner Funktionalität belassen würde. Das heißt, die Poesie schafft eine Vielfalt von Bezügen, eben Metaphern, wo die verschiedenen Bereiche des Lebens plötzlich zusammen kommen, die sonst nichts miteinander zu tun haben."

Für den Theologen Stephan Weyer-Menkhoff darf heute das Hohelied wieder in seiner erotischen Bedeutung verstanden werden. Denn das Hohelied vermittelt mit seinen vielen Metaphern und seiner kunstvollen Sprache einen Zugang zur Sexualität, der unserem Leben zugleich einen tieferen Sinn verleihen kann.

Bereits der Theologe und Dichter Johann Gottfried Herder plädierte im 18. Jahrhundert für einen unvoreingenommenen Zugang zum Hohelied. Der häufig peinlich berührte Umgang damit, der eben jegliches tiefere Verständnis vermissen lässt, war ihm ein graus.

"Schämest du dich des Hohenlieds, Heuchler, so schäme dich auch des Weibes, die dich empfangen, und des Kindes, das dir dein Weib geboren, am meisten aber deiner selbst, Deiner!"

Was bei Herder mitschwingt ist auch eine Kritik an der über Jahrhunderte bestehende Herabwürdigung der Frau, insbesondere von Seiten der offiziellen Kirche.

Wesentliche Impulse hierzu setzte bereits im 3. Jahrhundert der Kirchenschriftsteller Tertullian, auf den sich dann die abendländische Theologie immer wieder berufen konnte. Seine Meinung über die Frauen drückte er, in Anlehnung an die Schöpfungsgeschichte, äußerst polemisch so aus:

"Du bist das Tor zum Teufel. Du hast das Siegel jenes verbotenen Baumes gebrochen. Du hast dich als erste außerhalb des göttlichen Gesetzes gestellt. DU bist diejenige, die den überredet hat, dem der Teufel nichts anhaben konnte. Es war dir ein Leichtes, das Ebenbild Gottes zu zerstören. Aufgrund DEINES Abfalls, der den Tod nach sich zog, musste sogar Gottes Sohn sterben."

Dies war der geistige Boden, auf dem dann später im Namen der Kirche Exorzismus und Hexenverbrennung stattfinden konnten. Dabei entbehrt das noch heute verbreitete Bild der Frau als die Urheberin der Sünde jeglicher Grundlage. Es lässt sich vor allem so auch nicht in der Schöpfungsgeschichte nachlesen. Die amerikanische Theologin Phyllis Trible hat sich intensiv mit dem hebräischen Originaltext des Alten Testaments auseinandergesetzt und zeigt ganz im Gegenteil den besonderen Status, den die Frau in der Schöpfungsgeschichte einnimmt. Mehr noch: der Sündenfall des ersten Paares der Bibel, vom Baum der Erkenntnis gegessen zu haben, passierte im gegenseitigen Einverständnis von Mann und Frau. Aber was hat dies alles mit dem Hohelied zu tun?
Die Schöpfungsgeschichte endet schließlich mit einer Art Unterordnung der Frau, denn der Mann hat das Recht, ihr einen Namen zu geben: Eva. Im Hohelied aber wird die vollständige Harmonie von Frau und Mann wieder hergestellt.

Mein Freund ist hinabgegangen in seinen Garten, zu den Balsambeeten, dass er weide in den Gärten und Lilien pflücke. Mein Freund ist mein und ich bin sein, der unter den Lilien weidet.

Der Garten ist sozusagen das neue Paradies, denn hier kann die Liebe im harmonischen Einvernehmen stattfinden, ohne jeglichen Herrschafts- oder Besitzanspruch auf den anderen. Dadurch bekommt die Liebe im Hohelied sogar die Kraft, den Tod zu überwinden.

Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Deine Liebe ist stark wie der Tod und die Leidenschaft unbeugsam wie das Totenreich. Ihre Glut ist Feuerglut, eine Gottesflamme.

Im Neuen Testament wird das Bild des Gartens und der Überwindung des Todes durch die Liebe wieder aufgegriffen.

"Es wäre riesig interessant, das Johannesevangelium mal auf der Folie des Hohen Liedes sich anzugucken. Zu sehen, wie das Hohelied Themen gebend ist für das Johannesevangelium. Nur ein Stichwort Garten Gethsemane, gibt es nur bei Johannes! Der Garten ist natürlich aus dem Hohelied genommen - und die Auferstehung findet auch im Garten statt; ein Gärtner begegnet da noch – mit Händen zu greifen, wie das Johannesevangelium hohes Lied nachmacht, interpretiert, aufnimmt, rezipiert. Also das Hohelied als Vorlage eines Evangeliums."
Das Hohelied hat im Laufe der Jahrhunderte sowohl in der jüdischen als auch der christlichen Religion ungeahnte Perspektiven des Glaubens eröffnet.
Seine Poesie und Bildhaftigkeit hat zu allen Zeiten die Menschen magisch angezogen. Und auch im Islam lassen sich Ideen des Hohelieds finden. Die arabische Liebespoesie ist genauso vom Hohelied beeinflusst wie fast alle kulturellen Bereiche im Abendland. Die Idee, dass das Sein eines Menschen erst durch einen anderen, geliebten Menschen zur Entfaltung gebracht wird, stellt das Hohelied auf einmalige Weise dar. Und schließlich kann – wie der Theologe Helmut Gollwitzer meinte - das Hohelied dazu beitragen, dass die Kirchen ein bejahendes und unvoreingenommenes Verhältnis zur Sexualität entwickeln. Sie müssen nur in ihre eigene Schrift schauen!


Das sogenannte Hohelied Salomos ist Teil der jahrhundertealten jüdischen wie christlichen Theologie. Der Einfluss des Hohenlieds auf unsere Kulturgeschichte ist ebenfalls enorm, denn Dichter, Maler und Komponisten haben sich immer wieder mit dieser erotischen Lyrik auseinandergesetzt.