Das Leiden von Minderheiten im Irak

Straßenszene in Bagdad © AP
28.03.2011
In "Engel des Südens" erzählt Najem Wali die Lebensgeschichte eines Irakers, der sich von ethnischen Säuberungen nicht aus seiner Heimat vertreiben ließ und 1970 als "letzter Jude" öffentlich hingerichtet wurde. Wali ist der Chronist der systematischen Entrechtung von Juden, Christen und Sabäern im Irak – und als Autor Erfinder von Freundschaften, die die Politik nicht zu untergraben vermag.
"Der Weg ist lang, um zur Geschichte zu gelangen", sagt der Großvater von Harun Wali, dem Ich-Erzähler von "Engel des Südens". Harun Walis Biografie deckt sich ziemlich genau mit der des Schriftstellers Najem Wali. Harun, das alter ego des Autors, beschreitet den langen Weg: Er schildert in 193 "Entwürfen" den Terror gegen die Minderheiten im Irak nach dem Sturz der pro-britischen Monarchie von Faisal II. im Jahr 1958. Erst zwischen den beiden Weltkriegen hatte das Land international mehr Beachtung gefunden. Die 1941 an Juden begangenen Pogrome –geschürt von einer nationalsozialistischen Bewegung in Bagdad, die Heiratshandel mit arischen Bräuten trieb - waren der Auftakt für Schauprozesse und die darauf folgende Repression gegen Minderheiten und politisch Andersdenkende. Zum Alltag unter Saddam Hussein und seiner Baath-Partei gehörte es, dass ideologische Fehden zahllose Familien zerrissen.

Najem Wali gelingt eine poetische Gratwanderung. Sein episodisches Erzählen hat etwas Tastendes. Jedes der 193 Kapitel vergegenwärtigt eine Begebenheit aus der Geschichte des Irak im 20. Jahrhundert, doch überfrachtet Wali den Roman keinesfalls mit historischen Details. Drei Personen stehen im Zentrum von "Engel des Südens": der Muslim Naim, der Sabäer Nûr und die Jüdin Malaika. Sie ist die Tochter des landesweit bekannten jüdischen Arztes Dawud Gabbay und seiner christlich-kommunistischen Frau. Naim geht ins Exil, Malaika heiratet den Goldschmied Nûr.

Eine Jüdin und ein Sabäer können im Irak der 60er-Jahre nur unter falscher Identität an ständig wechselnden Orten überleben. Und so nimmt der Ich-Erzähler den Leser mit auf eine Odyssee durch Basra, Bagdad, Mossul, Uzir und Amaria. Er macht uns vertraut mit der Goldschmiedekunst, die im Irak traditionell von Sabäern ausgeübt wurde, mit den Bräuchen an Pilgerorten und ihrer Aura. Walis Protagonisten werden seelisch hart geprüft, der Autor errichtet in "Engel des Südens" der Furchtlosigkeit und Treue einen Tempel. Dass das Lob dieser Tugenden nicht kitschig gerät, ist Figuren geschuldet, die sich in moralischen Grauzonen bewegen – Lalla etwa, die den Tod ihres Mannes durch britische Soldaten rächen will. Sie eröffnet ein Bordell mit syphilitischen Huren, um britische Militärangehörige gezielt zu infizieren. Nebenbei organisiert die reuelose Frau Fluchtrouten für Juden.

Malaika ist die alles überstrahlende Figur des Romans, der auf verschlungenen Wegen von den Erinnerungen eines ins Exil gezwungenen Schriftstellers wie vom Untergang einer Gesellschaft erzählt. Malaikas Gesicht hatte Nûr einst für eine Fabrik gemalt, die in Konservendosen "Dattelsirup für die Braut" produzierte. Die Jüdin war die "konkurrenzlose Braut des ganzen Landes", und – so erkennen wir nach der Lektüre dieses vielschichtig komponierten Romans - Malaika war die unerreichbare Liebe des Kindes Najem Wali. Es brauchte das alter ego Harun Wali, um dieses zärtliche Gefühl zu beschwören und zu bewahren.

Besprochen von Sigrid Brinkmann

Najem Wali: Engel des Südens
Aus dem Arabischen von Imke Ahlf-Wien,
Carl Hanser Verlag, München 2011,
544 Seiten, 24,90 Euro