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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.10.2012

Das Lehrerpult als Bühne

Das Deutsche Theater geht mit seinen "Klassenzimmerstücken" in die Schulen

Von Gerd Brendel

Mit den "Klassenzimmerstücken", die in den Schulen gespielt werden, will das DT Schüler ans Theater heranführen. (picture alliance / dpa)
Mit den "Klassenzimmerstücken", die in den Schulen gespielt werden, will das DT Schüler ans Theater heranführen. (picture alliance / dpa)

Seit 2009 inszeniert das Deutsche Theater Berlin "Klassenzimmerstücke", die eine Schulstunde füllen. In diesem Jahr wurde aus Sybille Bergs Jugendbuch "Hab ich Dir eigentlich schon erzählt – ein Märchen für alle" ein Zweipersonenstück, das die Truppe in Berliner Schulen wie der Oberschule in Marzahn präsentiert.

Eine achte Klasse der Rudolf Virchow-Oberschule in Marzahn im ehemaligen Osten Berlins erlebt das Wunder des Theaters, wie eine fremde Geschichte zu meiner Geschichte als Zuschauer wird.

Szene: "Egal, ich heiße Anna und werde bald 14."

- behauptet die fremde erwachsene Frau vorne am Lehrerpult und weil die Katharina Schenk heißt und eine sehr gute Schauspielerin ist, glauben ihr das alle sofort. "Hab ich Dir eigentlich schon erzählt", beginnt sie und erzählt dann vom tristen Alltag in der späten DDR, der Langeweile und der ständig betrunkenen Mutter. Der Vater hat sich schon längst aus dem Staub gemacht.

"Hab ich Dir eigentlich schon erzählt", fängt jetzt Phillip Richardt an. Er spielt Max, auch er ein Einzelgänger wie Anna. Auch er lebt allein mit seinem Vater. Der ist Volkspolizist und spricht kein Wort mit seinem Sohn. Als er Annas Mutter bewusstlos auf der Straße findet, kommen die beiden Jugendlichen zusammen und fassen einen Beschluss wegzulaufen.

Szene: "Und dann klingelt es. Ich erzähle Anna, dass wir wegmüssen, weil alles so nervt."

Bis dahin war ihre Welt die reale DDR-Welt, Aber jetzt beginnt eine wilde Abenteuerfahrt durch einen surrealen Ostblock. Max und Anna erleben erste Liebe und erste Eifersucht und der Lehrerschreibtisch wird zum LKW, der Klassenraum zur Autobahn oder einer Jugendherberge in Budapest. Katharina Schenk und Phillip Richardt spielen ihr vor-pubertäres Publikum direkt an, sie bewegen sich zwischen den Stuhlreihen, aber sie versuchen keine aufgesetzte Frage-Antwort Kommunikation.

Niemand muss sich melden, niemand irgendetwas leisten. Theater als Freiraum von Alltagszwängen – auch das erfahren die Zwölfjährigen vielleicht zum ersten Mal. Das Nachgespräch verläuft im übrigen schnell im Sande.

"An dem Stück war gut, dass es auch Spannungsmomente gab, dass man sich richtig selbst erschrocken hat und gleich Gänsehaut bekommen hat."

- sagt Leo, seine Klassenkameraden nicken und Schluss. Kein Wunder, wenn ich gerade als Zwölfjähriger mit Max und Anna ans schwarze Meer getrampt wäre, um endlich als blinder Passagier auf einem Dampfer zu landen, hätte ich auch keine Lust auf typische Erwachsenenfragen, sondern würde die Geschichte viel lieber für mich nachspielen oder weiterträumen.

Das Gespräch zum Thema mit der Dramaturgin Kristina Stang können Sie mindestens bis zum 31.11.2011 als MP3-Audio in unserem Audio-on-Demand-Player nachhören.

Mehr bei deutschlandradio.de

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Deutsches Theater: Klassenzimmerstücke

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