"Das Leben zeichnet die Menschen noch"

Frank Gaudlitz war für seine Fotos unter anderem in Ungarn unterwegs. © AP Archiv
Frank Gaudlitz im Gespräch mit Joachim Scholl · 05.11.2009
In osteuropäischen Regionen präge noch das Tun der Menschen ihr Aussehen, sagt der Fotograf Frank Gaudlitz, dessen Ausstellung "Casa Mare" mit Porträts von Menschen aus Osteuropa ab heute in Cottbus zu sehen ist.
Joachim Scholl: Wissen Sie, wo die Marmarosch liegt, die Dobrudscha oder die schwäbische Türkei? Letztere ist keine Touristenzone in Antalya, sondern eine entlegene und kaum bekannte Region in Ungarn. Gleiches gilt für die Marmarosch und Dobrudscha, das sind Gegenden in Rumänen, und dort und noch in etlichen weiteren fernen europäischen Zonen hat der Fotograf Frank Gaudlitz Menschen porträtiert. Zu Hause in ihren Wohnungen, ganz privat, in der guten Stube sozusagen, "Casa Mare", mein Haus, hat Frank Gaudlitz sein Projekt genannt. Morgen eröffnet in Cottbus eine große Ausstellung, und heute ist Frank Gaudlitz bei uns zu Besuch. Willkommen im "Radiofeuilleton".

Frank Gaudlitz: Herzlichen guten Tag!

Scholl: Sie sind Jahrgang 1958, Herr Gaudlitz, mit vielen Preisen inzwischen ausgezeichnet. Sie haben als Fotograf sich erstmals einen Namen gemacht, als Sie den Abzug der sowjetischen Truppen aus der ehemaligen DDR dokumentierten. Osteuropa und seine Kulturen wurde dann Ihre Hauptbeschäftigung, Ihre berufliche. Und zuletzt erschien das Buch "Warten auf Europa", eine fotografische Reise entlang der Donau. Und jetzt für "Casa Mare" sind Sie noch weiter vorgedrungen, könnte man sagen. Was hat sie an der Marmarosch, der Dobrudscha, der schwäbischen Türkei und ihren Menschen so gereizt?

Gaudlitz: Na, ich bin schon durch die Arbeit an "Warten auf Europa" in diese Gegenden gekommen. Und wie das oftmals in Osteuropa ist, wenn man jemanden fotografiert, kann man kaum vermeiden, dass man auch eingeladen wird zu einem Glas Schnaps oder wenigstens zu einem Kaffee. Und so bin ich also auch in die Stuben verschiedener Menschen geraten sozusagen, ohne das eigentlich beabsichtigt zu haben. Und schon während dem Projekt "Warten auf Europa" hat sich da bei mir im Kopf etwas herausgebildet, was ich dann versucht habe, fotografisch mit "Casa Mare" einzulösen.

Scholl: Sie haben schlicht und einfach Menschen porträtiert, in ihren Wohnungen, ihrer privaten Umgebung, an die 80 Aufnahmen finden sich jetzt einem großformatigen Bildband "Casa Mare". Ich wollte schon gerade fragen, wie haben Sie diese vielen Menschen kennengelernt. Ich meine, man kann nicht einfach ankommen und irgendwo klingeln und fragen: Darf ich Sie mal fotografieren? Das waren also private Kontakte, die sich dann über längere Zeit entwickelt haben?

Gaudlitz: Nicht ausschließlich oder eher weniger. Man muss vielleicht voranstellen, dass in Osteuropa es um vieles einfacher ist als in unseren Regionen, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Es ist eine Offenheit, die uns leider verloren gegangen ist. Also es gab Situationen, vor allem in der Dobrudscha, wo ich einfach zum Bürgermeisteramt kleinerer Orte gegangen bin und hatte zehn Minuten später eine Sozialassistentin bei der Hand, die mit mir durchs Dorf gefahren ist, an jeder Tür geklingelt hat und mich den Leuten vorgestellt hat. Und dann kam man ins Gespräch und dann entstanden auch schon die ersten Fotos.

Scholl: Was waren denn die Vorgaben bei diesen Fotos? Wir sehen auf diesen Porträts Menschen jeden Alters, kann man sagen, aller Schichten, ja, manche in Alltagskleidung, manche sehr fein zurechtgemacht, manchmal in westlich-modernem Outfit, dann wieder ganz in traditionellen Trachten. Und zur Information erfahren wir aber beim Bild erst mal nur den Namen und den Ort, den man zunächst aber gar nicht lokalisieren kann. Also wo ist Deronje, wo ist Rosalewa, da muss man dann ganz hinten nachschauen. Was war da die Absicht?

Gaudlitz: Also im Prinzip habe ich alle Menschen gebeten, ihre Feiertagskleidung anzulegen. Also im Gegensatz zu "Warten auf Europa", wo ich die Menschen porträtiert habe, so wie ich sie auf der Straße angetroffen habe, habe ich Wert drauf gelegt, dass dieses Bewusstsein, dass der Fotograf kommt und jetzt ein Foto macht, auch bei den Leuten ankommt, dass sie sich vielleicht schminken, wenn sie das möchten, vielleicht auch noch mal die Haare kämmen – oder es gab auch Termine, die dann einfach einen Tag später lagen, wo der sich noch zurechtmachen wollte oder diejenige. Und dann … Vor allem die zivile Feiertagskleidung war mir nämlich wichtig, also nicht so sehr die Tracht an sich, sondern also wo es Regionen gab in der schwäbischen Türkei, also in Südungarn, wo alle Deutschen natürlich gern in Tracht posiert hätten, davon gibt es genug Bilder. Also mir war so der Umgang – Wie gehe ich zur Hochzeit, wie ist mein Selbstverständnis von Schönheit, wie kleide ich mich? – so die grundlegende Idee dafür.

Scholl: Bei jüngeren Leuten sieht man aber durchaus dann auch mal einen Mann mit Tätowierungen und Jogginghose, das war dann nicht unbedingt die Feiertagskluft, oder?

Gaudlitz: Es war ihm wichtig, sich so darzustellen, weil ich habe den am Tag später getroffen, da saß er dann auf dem Kutschbock in einer ganz normalen Arbeitskleidung, und ich habe ihm gesagt, also das wirkt jetzt nicht sehr feierlich, aber das war eben die Kleidung, die ihm für das Foto wichtig war.

Scholl: Ganz wichtig und für den Betrachter auch spannend sind die Interieurs, in denen die Menschen stehen. Also man sieht Küchen, Wohnzimmer, Schlafzimmer, zum Teil bäuerlich-karg, dann wieder opulent-großbürgerlich auf eine Weise. Wie haben Sie diese Häuser, diese guten Stuben wahrgenommen? Sie haben ja die ganze Wohnung dann vermutlich auch gesehen?

Gaudlitz: Na ja, das führt dann wieder in die Offenheit der Menschen zurück. Wenn man dann erst mal drin ist, dann darf man auch schauen, darf man sich auch die Räume angucken. Und vielleicht ist, diesen Ort zu finden, eine quantitative Arbeit, weil die Qualität der Arbeit an sich ist natürlich durch sehr viele Besuche. Also man findet nicht in jeder Stube einfach den Ort und vor allem die Symbiose zwischen der Person und dem Hintergrund. Es war mir sehr wichtig, dass das beides zusammen ein zusammenhängendes Bild ergeben, dass ich nicht irgendjemand wahllos vor eine Wand stelle, sondern dass es farblich, strukturell irgendwie was Gemeinsames ist, was dann auch zu einer glaubhaften Authentizität führt, meiner Meinung nach.

Scholl: "Casa Mare", Porträts von Menschen aus osteuropäischen Regionen. Wir sind hier im Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Fotografen Frank Gaudlitz. Zwei Jahre lang waren Sie für das Projekt unterwegs, Herr Gaudlitz. Sie sind nun selbst schon länger ein Kenner osteuropäischer Kulturen und der Länder und der Menschen. Was haben Sie von dieser Reise Besonderes mitgenommen an Erkenntnissen, Einsichten, was haben Sie gelernt?

Gaudlitz: Es ist sicherlich biografisch bei mir begründet, warum ich Osteuropa oder eh überhaupt den Osten bereise, da ich in der DDR sozusagen sozialisiert bin, also interessieren mich diese Regionen. Und ich find mich auch immer in der Kindheit, also meiner eigenen Kindheit, dann wieder. Dass da Veränderungen stattfinden und dass die viel spannender für mich sind, ist einfach so, aber ich kann in den Gesichtern etwas erkennen, was ich in der Region, also in Deutschland, wo ich lebe, oftmals nicht mehr erkennen kann, nämlich das, was der Mensch tut, prägt noch sein Aussehen. Bei uns ist alles ziemlich von Trends oder Moden überschattet, und da [Anm. d. Red.: Auslassung, da unverständlich] komme ich noch vielleicht so ein bisschen, wenn man August Sander kennt, da kann ich auch, wenn ich mir jemand anschaue, ungefähr einschätzen, was dieser Mensch tut, was dieser Mensch gelebt hat, also das Leben zeichnet die Menschen noch. Und das ist, als Fotograf ist das, glaube ich, sehr dankbar, dort Fotos machen zu können.

Scholl: Das Vorwort zu Ihrem Band hat der österreichische Publizist Karl-Markus Gauß beigesteuert, ebenfalls ein engagierter Vermittler osteuropäischer Kultur. Und er beschreibt diese Region als Orte permanenter Wanderung, ständiger Migration und auch Integration. Ich meine, das ist natürlich gleichzeitig das zentrale Thema der gesamten Europäischen Union. Welches Verhältnis haben diese Menschen eigentlich, die Sie getroffen haben, jetzt jenseits ihrer Region, zu so einer Einheit wie Europa? Ist das für sie ein Begriff, reden die über so was?

Gaudlitz: Sicherlich kommt es da an, obwohl teilweise die Orte sehr abseits von den europäischen Verkehrslinien liegen. Oftmals habe ich es einfach auch als Unsicherheit, vielleicht sogar als Bedrohung erlebt, dieses Europa, was da hinkommen soll, das ist ja auch Europa. Also bloß, dass Europa eben so aussehen soll, wie das dann Brüssel mehr oder weniger versucht zu organisieren, das ist oftmals da unten auch nicht ganz verständlich, würde ich sagen.

Scholl: Wird es als Bedrohung empfunden? Also ich meine, Ungarn und Rumänien sind inzwischen Teil der EU, Moldawien und Serbien werden es eines Tages vielleicht auch mal sein. Hat diese europäische Entwicklung dann auch Einfluss auf diese Region, wird sie die haben?

Gaudlitz: Die wird sie ganz sicher haben, also zumindest so – und das ist deutlich spürbar –, dass kulturelle Werte, zumindest wenn sie nicht ganz wegbrechen, gefährdet sind. Man kann hoffen, das es ist vielleicht die Stärke, und das ist ja gerade in diesen verschiedenen Ethnien, also sie leben vor allem über ihre kulturelle Identifikation miteinander, und dass das sozusagen das Besondere des Einzelnen oder der Region eben erhalten bleibt.

Scholl: Was war für Sie spannendste Begegnung, die Sie hatten?

Gaudlitz: Eine, die mir sehr nahegegangen ist, war die Begegnung mit Eginald Schlattner, das ist auch ein Autor, ein Siebenbürger Sachse, kann man auch hier lesen, kaufen. Der ist Gefängnispfarrer, war also auch im Gefängnis während der Zeit der Sekuritate. Er hat mir erzählt – wir waren in seiner Kirche gewesen –, in dem Ort gibt es keine Deutschen mehr, aber er hält den Gottesdienst jeden Sonntag vor leerem Kirchenschiff. Das hat mich sehr, sehr beeindruckt, das ist seine Arbeit an Gott. Und dann haben wir uns danach – er sammelt Kutschen – in eine Kutsche gesetzt, die wir zu zweit rausgezerrt haben aus dem Schuppen und mit der er normalerweise mit Romakindern rumfährt, was natürlich die Akzeptanz bei den Deutschen noch weniger aufrechterhält ihm gegenüber. Und dann haben wir drei Stunden in dieser Kutsche gesessen und haben uns unterhalten. Und am Ende hat er mich gesegnet, und ich war völlig beeindruckt, obwohl ich nicht ein sehr religiöser Mensch bin.

Scholl: Auch dieses Porträt ist abgebildet in "Casa Mare", dem neuen Band von Frank Gaudlitz. Ich danke Ihnen für den Besuch, alles Gute für Sie und Ihre weitere Arbeit. Die Ausstellung mit den Porträts von Frank Gaudlitz ist ab morgen in Cottbus zu sehen, bis 9. Januar im Galeriehaus läuft die Ausstellung. Im nächsten Jahr wandert sie dann nach Berlin. Und der Bildband zur Ausstellung ist im Verlag Hatje Cantz erschienen.