"Das Leben ist noch weit von der Normalität entfernt"

Moderation: Jürgen König |
In der Stadt Srebrenica haben serbische Truppen ab dem 11. Juli 1995 innerhalb weniger Tage bis zu 8000 Männer ermordert. Nach Ansicht der Balkanwissenschaftlerin Marie-Janine Calic wäre die Tragödie mit einer anderen Politik zu verhindern gewesen.
Jürgen König: Srebrenica liegt in Bosnien-Herzegowina, nordöstlich von Sarajewo, nahe der Grenze zu Serbien. Traurige Berühmtheit erlangte die Stadt im Juli 1995, als bosnische Serben unter der Führung des Generals Radko Mladic in einem generalstabsmäßigen Einmarsch Srebrenica eroberten und bis zu 8000 Männer ermordeten. Zwar stand die Stadt unter dem besonderen Schutz der Vereinten Nationen, aber die niederländischen Blauhelmsoldaten unter dem Kommando des französischen UNO-Generals Janivier beschützten die Einwohner nicht vor den serbischen Truppen. Der Angriff auf Srebrenica begann am 6. Juli. Am 11. Juli, also heute vor zehn Jahren, geschah das Massaker von Srebrenica. Wir wollen daran erinnern im Gespräch mit Marie-Janine Calic, Professorin für ost- und südosteuropäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie berät Bundesregierung und Bundestag, sie schrieb Gutachten zum Beispiel für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, wie auch für die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe. Frau Calic, guten Morgen.

Marie-Janine Calic: Guten Morgen.

König: Lassen Sie uns zunächst noch einmal die Ereignisse rekapitulieren. Fangen wir mit der Vorgeschichte an: Der UN-Sicherheitsrat hatte mit der Resolution 824 im Mai 93 als eine von mehreren Städten auch Srebrenica zur UN-Sicherheitszone erklärt. Diese Schutzzusage wurde später auch noch einmal bekräftigt. Die Bürger von Srebrenica konnten sich sicher fühlen. Fühlten sie sich sicher? Was war das für eine Situation damals?

Calic: Die Situation war sehr problematisch, denn nach dem Beginn des Krieges im April 1992 sind in sehr kurzer Zeit sehr viele Menschen vertrieben worden. Die UNO hat versucht, darauf zu reagieren, hat einige Städte zu Schutzzonen erklärt, um die Menschen besser mit Hilfsgütern versorgen zu können, einen militärischen Schutz hat sie damals allerdings nicht versprochen.

König: Was genau passierte in Srebrenica zwischen dem 6. und dem 11. Juli 1995?

Calic: Am 6. Juli begannen die serbischen Truppen, also die bosnisch-serbische Armee mit gewisser Unterstützung aus Serbien durch die jugoslawische Volksarmee diese Schutztruppe militärisch zu erobern. In der Stadt befand sich eine sehr große Zahl von Flüchtlingen, - 30.000 bis 40.000 Menschen in einer Stadt, die normalerweise nur 6.000 bis 7.000 Einwohner hat, die Zivilisten wurden dann getrennt, die Frauen und Kinder wurden in sehr großer Zahl mit Bussen deportiert. Die Männer sind dann, was man heute sagt, verschollen. Bis zu 7500, 8000 Männer höchstwahrscheinlich sind ermordet worden, ganz gezielt erschossen, exekutiert und dann in Massengräbern verscharrt worden.

König: Nun hatten ja die Serben zunächst gesagt, es habe sich dabei um unkontrollierte Exzesse einzelner Soldaten gehandelt, dann kam es zum Prozess gegen Slobodan Milosevic, da gab es Zeugenaussagen, die dann immer eindeutiger darauf hinwiesen, dass das Massaker nicht nur von oben befohlen war, sondern auch von langer Hand vorbereitet wurde. Nun taucht auch noch jenes Video auf, dass die Vorstellung vieler Angehöriger durch die grausamen Bilder der Hinrichtung aufs Fürchterlichste bestätigte. Die Beweislage ist jetzt eindeutig. Weiß man, was genau da geschehen ist?

Calic: Man kennt den Ablauf der Ereignisse relativ genau. Was weniger klar ist, ob diese Massenexekutionen tatsächlich von ganz langer Hand geplant gewesen sind oder in welchem Maße sie sich im Zuge der militärischen Ereignisse entfaltet haben.

König: Dieses Video, das jetzt auch bei uns zu sehen war, das zeigt paramilitärische, serbische Einheiten, die Zivilisten erschießen. Dieser Film wurde auch in Bosnien und in Serbien gezeigt. Das muss doch für die Öffentlichkeit dort ein absoluter Schock gewesen sein, zu sehen zum Beispiel, wie einer ihrer Priester die Täter segnet, bevor sie kaltblütig sechs Menschen erschießen?

Calic: Ja, das ist ein großer Schock gewesen für die serbische Öffentlichkeit. Viele Menschen haben ja geleugnet, dass es diese Massaker gegeben hat. Alle wussten, dass in Srebrenica schreckliche Dinge passiert sind, aber dass es in dieser Planmäßigkeit und dieser Grausamkeit unter Beteiligung von Truppen, die ja ganz klar von Belgrad aus gesteuert worden sind, das wollten viele Menschen nicht wahrhaben. In Serbien hat sich jetzt doch eine recht breite Diskussion entspannt vor dem Hintergrund der Macht der Bilder. Praktisch alle Medien, nicht nur die regierungskritischen und unabhängigen Medien haben dieses Video auch gezeigt in Serbien. Ich glaube schon, dass jetzt so etwas in Gang gekommen ist wie eine allmähliche, ich will nicht sagen, Aufarbeitung, aber doch Anerkennung der Ereignisse, die stattgefunden haben. Auch die Erkenntnis, dass es nötig ist, sich mit diesen Ereignissen auseinander zu setzen.

König: Wie ist das in Srebrenica selber? Ich kann mir nicht vorstellen, dass dort wieder normales Leben einkehren könnte bei so vielen offenen Wunden. Was ist das für ein Leben heute dort?

Calic: Das Leben ist natürlich noch weit von der Normalität entfernt, es ist so, dass einige hundert Flüchtlinge, wenn nicht tausend Flüchtlinge zurückgekehrt sind. Man versucht unter dem Schutz der internationalen Gemeinschaft so ein bisschen Normalität herzustellen. Es ist aber leider so, dass sich die Bevölkerungsverhältnisse doch völlig umgekehrt haben durch die Ereignisse. Aus einer früher muslimischen, also bosniakischen Bevölkerungsmehrheit ist heute eine Minderheit geworden. Es gibt zwar einen muslimischen, also bosniakischen Bürgermeister, aber die Bevölkerungsmehrheit ist serbisch. Die Menschen leben doch eher nebeneinander her und mit einem sehr großen Misstrauen und zum Teil auch einer sehr großen wirtschaftlichen und sozialen Not, sodass man eigentlich noch nicht davon sprechen kann, dass dort wieder Normalität eingekehrt wäre.

König: Kommen wir mal auf die Rolle der Vereinten Nationen. Das Massaker von Srebrenica fand praktisch unter den Augen der UN statt, ein eklatantes Versagen der internationalen Gemeinschaft. Es hat verschiedene Untersuchungsberichte geben, von der UN selbst in Auftrag gegeben. Wie steht die UNO heute im Hinblick auf Srebrenica da?

Calic: Die UNO hat diese schrecklichen Ereignisse in einem Untersuchungsbericht aufgearbeitet und dabei sehr selbstkritisch große Versäumnisse identifiziert, versucht auch einige Lehren daraus zu ziehen. Zum einen die Erkenntnis, dass es international an politischem Willen gefehlt hat, adäquat auf diese sich entfaltende Krise zu reagieren, im Vorfeld schon, bei Beginn des Krieges in Bosnien-Herzegowina und dann auch zu Beginn des Sturmes der serbischen Armee auf die Enklave. Kein Staat in dieser Welt war zu militärischem Eingreifen bereit. Was dann eben noch blieb, war der Einsatz von Friedenstruppen, schwach bewaffnet, wenige Mann. Die vielen Hilferufe, die von den Truppen vor Ort an die Staaten dieser Welt gekommen sind, wurden ja alle abschlägig beschieden.

König: Wäre die Tragödie von Srebrenica also nicht zu verhindern gewesen?

Calic: Die wäre mit einer anderen Politik wahrscheinlich zu verhindern gewesen. Es fehlte der politische Wille, es fehlte auch das richtige Mandat. Man hat eine Friedenstruppe entsandt in eine Situation, wo es ja gar keinen Frieden zu schützen gab, sondern in dem man sich mitten im Krieg befand.

König: Aber die NATO war ja vor Ort. Hätte sie engagierter handeln sollen?

Calic: Die NATO hätte engagierter handeln können. Es gab zu diesem Zeitpunkt auch schon die Möglichkeit, mit begrenzten Luftschlägen die UNO-Truppen vor Ort zu unterstützen. Daher kommt man wahrscheinlich zu der Frage, warum diese Luftunterstützung nur punktuell angefordert worden ist und warum sie dann zuerst gar nicht, also nur verspätet und dann eigentlich auch nur zweimal gewährt worden ist. Es kommt also letztlich schon auch auf die Sprache zu sprechen, ob es da nicht auch persönliche Verantwortlichkeiten gibt, die man näher untersuchen müsste.

König: Wir erleben den Prozess vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Welche Perspektiven bietet er den Angehörigen der Opfer dieses Massakers?

Calic: Für die Angehörigen ist es wichtig, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Es geht darum, das eigene Leid und die Verbrechen anzuerkennen. Tragisch ist in gewisser Weise, dass natürlich zwei der Hauptverantwortlichen noch nicht in Den Haag angelangt sind, sondern immer noch frei herumlaufen. Das war der militärische Führer Ratko Mladic und der politische Führer Radovan Karadžić, die sich immer noch auf freiem Fuß befinden.

König: Weiß man eigentlich irgendetwas wo die sein könnten? Ich kann mir das immer gar nicht vorstellen, dass die spurlos verschwunden sein sollen.

Calic: Die sind sicherlich nicht spurlos verschwunden, und in Den Haag weiß man angeblich sehr genau, wo sich die beiden befinden. Es ist eine Frage des politischen Willens anscheinend, dass diese beiden Hauptverdächtigen noch nicht ergriffen worden sind.

König: Wer sollte da mehr wollen?

Calic: Die Staatengemeinschaft hat sich sehr zurückgehalten, nach diesen beiden zu fahnden. Man muss sich manchmal ein bisschen fragen, warum die NATO-Schutztruppe mit vielen 10.000 Soldaten es nicht geschafft hat, die beiden zu ergreifen. Anfänglich hat es immer geheißen, es liege nicht im Mandat der Truppe, nach Kriegsverbrechern zu fahnden. Dahinter stand die Idee, dass diese beiden noch immer sehr populären, quasi Volkshelden, wenn man sie festnehmen würde, zu gewisser Aufruhr führen würde und dann das gesamte Friedensprojekt untergraben würde. Man ist dann eher auf die Schiene gekommen, von den zuständigen Autoritäten in der Serbischen Republik in Bosnien und in Belgrad zu verlangen, nach den beiden zu fanden und diese auszuliefern. Mittlerweile gibt es Anzeichen dafür, dass Belgrad gewillt ist, zumindest Mladic auszuliefern und dass es da Verhandlungen gibt.

König: Das ist doch eigentlich auch ein Skandal, dass wir uns hier empören zehn Jahre danach und gleichermaßen laufen zwei der Hauptverantwortlichen frei herum und man könnte, wenn man denn wollte, sie festnehmen.

Calic: Das ist sicherlich so. Ich meine, alle Anstrengungen gehen jetzt in diese Richtung, es gibt auch eine politische Konditionalität der Europäischen Union, die das absolut zur Voraussetzung gemacht hat, um die Annäherung von Bosnien-Herzegowina und Serbien-Montenegro an die Europäische Union voranzubringen. Also, die Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal muss ernsthaft sein, muss bewiesen werden und muss auch durch die Auslieferung dieser beiden bewiesen werden.

König: Alles zusammengenommen, Frau Calic, was machen wir mit diesem Datum? Zehn Jahre Massaker von Srebrenica, das sagen wir und sind fassungslos vor dem, was da geschehen ist. Gibt es irgendetwas, was sich daraus lernen lässt?

Calic: Man muss sicherlich mehreres daraus lernen und das allerwichtigste scheint mir zu sein, dass doch frühzeitiges Handeln unabdingbar ist, wenn solche Konflikte am Horizont auftauchen und dass es einfach ganz, ganz schwierig geworden ist, noch irgendwie mäßigend einzugreifen. Mein Plädoyer geht in Richtung auf frühzeitiges Handeln, Konfliktprävention und eine Bekämpfung der Ursachen möglichst zu einem Zeitpunkt, wo diese Konflikte noch nicht ausgebrochen sind. Eine zweite Lehre, die man ziehen muss, ist, wenn dann das Kind in den Brunnen gefallen ist, dass man tatsächlich die adäquaten Mittel einsetzen muss und nicht mit Ersatzhandlungen versucht, in solchen doch sehr explosiven Konflikten herumzudoktern. Friedenssicherung und Peacekeeper kann man nur in eine Situation senden, in der nicht gekämpft wird! Sobald der Krieg militärisch eskaliert, hilft nicht mehr sehr viel anderes als militärische Mittel und natürlich politisch flankiert eine politische Perspektive.