"Das Leben in Rom wird langsam viel schlechter als das Leben in Paderborn"

Deutsche Lebensart: Paderborn ist voll okay © dpa / picture alliance / Horst Ossinger
Angelo Bolaffi im Gespräch mit Liane von Billerbeck · 19.07.2013
Die Zukunft Europas erfordert eine enorme kulturelle, soziale und wirtschaftliche Reformanstrengung, meint der italienische Buchautor Angelo Bolaffi. Er empfiehlt den Südländern, vom "Dolce Vita" Abschied zu nehmen und dem Vorbild Deutschlands zu folgen.
Liane von Billerbeck: Dass wir Deutschen besonders geliebt werden im Ausland, das kann man nicht gerade behaupten. Zwar kommen viele Europäer, gerade die jungen, sehr gerne her, aber seit Beginn der Finanzkrise gibt es starke Vorbehalte gegen Deutschland, nicht nur ökonomische und politische, der Widerstand ist auch kulturell, besonders in Italien. Einzig ein Mann hält dagegen, Angelo Bolaffi, der seit einem Vierteljahrhundert zu den besten Deutschlandkennern Italiens zählt. Vier Jahre lang, 2007 bis 2011 hat er zudem in Berlin das italienische Kulturinstitut geleitet, und jetzt ein Buch geschrieben, in dem er eine deutsche Hegemonie für wünschenswert erklärt. Warum sein Herz so für Deutschland brennt, darüber will ich jetzt mit ihm sprechen. Herr Bolaffi, ich grüße Sie.

Angelo Bolaffi: Ja, schönen guten Tag in Berlin.

von Billerbeck: Der Widerstand und Unwillen, der Deutschen, besonders deutschen Politikern, seit der Krise entgegenschlägt, der ist ja ziemlich grundlegend. Nicht nur ihr verlangt zu viel, sagen viele Südeuropäer, also auch die Italiener, oder das ist einfach Unsinn, was ihr wollt, sondern das ist ganz grundlegend, sie sagen, so wie ihr wollen wir nicht leben. Das müssen Sie doch verstehen?

Bolaffi: Na ja, das müssen Sie die jungen Italiener fragen, die nach Deutschland auswandern. Ich meine, gerne, ich lebe sehr gerne hier oben, aber das Problem ist, diese schöne Dolce Vita, oder das schöne Leben hier oben lässt sich im Moment kaum finanzieren. Ich würde gerne das weiterführen, aber deshalb müssen wir, das ist meine These, uns ändern, damit was besser wird. Ich meine, niemand behauptet, man muss in Rom leben wie in Paderborn. Das Problem ist, das Leben in Rom langsam wird viel schlechter als das Leben in Paderborn.

von Billerbeck: Sie halten ja nun mit einem ganzen Buch dagegen, das im Juni erschienen ist und dessen Titel übersetzt lautet "Deutsches Herz – das Modell Deutschland, Italien und die europäische Krise". Und Sie sagen, mit dem Euro hätten die Italiener nicht nur Modernisierungschancen, sondern auch Modernisierungspflichten erhalten. Worin bestehen denn diese Pflichten?

Bolaffi: Die Pflichten waren genau die, die ganz bewusst Leute wie Ciampi oder Prodi vor sich hatten, als der Euro war wünschenswert für Italien, weil wir haben 92 ganz süffisant den Maastrichter Vertrag unterschrieben, ohne nachzudenken, was damit auf Italien gekommen wäre. Und als das Problem da war, da waren einige Leute, wie Ciampi oder Prodi oder Monti, die gemeint haben, jetzt mit dem Euro können wir einen Modernisierungsschub in Italien einführen, damit das Leben in Italien besser wird. Und da haben wir, beziehungsweise, die haben das versucht zwischen 98 und 2001.

Und dann aber hat die Lage sich total geändert, Berlusconi ist an die Macht gekommen, er war schon 94 für einige Monate an der Macht, dann ist er aber 2001 an die Macht gekommen, und von dem Moment an ist sozusagen, da gab es eine Gabelung. Deutschland hat sich reformiert mit dieser Agenda 2010 mit Schröder, und die anderen Länder wie Italien oder Spanien oder Frankreich, die haben versäumt, diese Reformen einzuführen. Und jetzt klagen die und sagen wieso, ihr Deutschen lebt besser als wir, und jetzt müssen wir uns anstrengen. Sie sollten nicht liebenswürdig zu Deutschland sein, sie sollten einfach die Wahrheit erzählen.

Und die Wahrheit heißt, dass die Deutschen und die Arbeiter und die Gewerkschaften haben den Gürtel enger gemacht zwischen 2004, 05, und 2010. Stattdessen haben in Italien die den Euro benutzt, um weiter so zu leben wie vorher. Und es gab heute diese tiefe Krise, in der Italien und aber auch Spanien und Frankreich stecken.

Der Direktor des italienischen Kulturinstituts in Berlin, Angelo Bolaffi.
Angelo Bolaffi© AP Archiv
"Wettkampf mit anderen kontinentalen Mächten"
von Billerbeck: Es geht also, wenn man anders, als in der öffentlichen Debatte im Süden Europas ja manchmal der Eindruck entsteht, nicht nur um Profit, um effizientes Wirtschaften, es geht um weit mehr, es geht um gesellschaftliche Standards?

Bolaffi: Ich wollte nur was Grundsätzliches in meinem Buch erzählen. Ich bin ein Europäer. Ich bin als Europäer geboren, will weiterkämpfen für Europa. Aber die Idee von Europa, die wir hatten nach dem Krieg, ist eine Idee Europas, die sozusagen heute nicht mehr taugt. Damals, Europa war eine Absicherung gegen die Vergangenheit Europas, gegen den europäischen Bürgerkrieg. Heute Europa zu wollen, heißt, wir wollen Europa so stärken, damit Europa seine Werte, die sozialen Errungenschaften in der globalisierten Welt behaupten kann. Und dafür müssen wir sorgen, dass alle europäischen Länder so sich reformieren, um den Wettkampf mit anderen kontinentalen Mächten aufrecht zu erhalten.

von Billerbeck: Europäische Politiker, auch unsere Kanzlerin, reden ja gerne vom Euro als Friedensprojekt, das hört man des Öfteren. Sie sprechen nun sogar vom sozialen Potenzial des Euro, wie ist das zu verstehen?

Bolaffi: Ich meine, wenn die Europäer unsere Werte, kulturelle Werte und soziale Errungenschaften, das heißt den Sozialstaat und die Absicherung des Lebens und die Qualität unseres Lebens, die Qualität, sozusagen dieses Miteinander umzugehen, verteidigen wollen, wir müssen sozusagen diesen Kontinent so organisieren, dass sozusagen die Strukturen sich homogenisieren, genau wie die heute in Deutschland oder in Österreich oder in Finnland auch sind, damit die Qualität des Lebens und die Qualität der Wirtschaft so stark werden, um mit China, Indien, USA und Russland irgendwie einen Wettkampf zu haben.

von Billerbeck: Trotzdem, Ihre Kritik an Italien, das in den Berlusconi-Jahren seine Chancen verspielt hat und das Geld "verfrühstückt" hat, wie das Gustav Seibt in der "Süddeutschen" schrieb, das führt bei Ihnen ja nicht zu einer Hymne auf Finnland und Österreich, sondern zu einer Hymne auf Deutschland. Und da wird mir als Deutscher irgendwie so ein bisschen mau, denn Sie gehen ja sogar so weit zu sagen, die deutsche Stärke sei nicht nur unvermeidlich, sondern sie wünschen sich diese deutsche Stärke sogar.

Bolaffi: Schauen Sie mal, die Hegemonie Deutschlands ist da. Heute, Schäuble ist in Griechenland. Nach Griechenland fährt kein Politiker aus Italien oder aus Frankreich. Oder die Merkel hat den Mut gehabt, nach Griechenland oder nach Spanien, nach Portugal zu fliegen und zu fahren. Aber das tun nicht die italienischen Politiker, die tun es nur mit Berlusconi und kämpfen um Bagatellen. Es geht um unsere Zukunft, ich meine, ich bin fast 70, es ist egal, ich habe mein Leben gehabt, aber eine ganze Generation wartet. Und diese Generation will haben, was meine Generation gehabt hat nach dem Krieg: Zukunft, Hoffnung und Fortschritte.

"Wieso kann ich hier besser leben als in meinem Land?"
von Billerbeck: Gustav Seibt hat in der "Süddeutschen" ja über Ihr Buch geschrieben: "Wer es liest, der könnte meinen, es gebe eine neue deutsche Süße des Daseins." Werden Ihnen denn Ihre Landsleute, werden Ihnen die Italiener in dieser Annahme folgen?

Bolaffi: Wenn die nach Berlin fliegen, schon. Ich meine, das Problem, da gibt es sehr viele Vorurteile, wie die Deutschen leben, weil viele Italiener sind überhaupt nicht in Deutschland gewesen. Heute, man kann sagen, wenn fünf junge Künstler oder ein Wissenschaftler oder irgendwie eine Frau, eine alleinerziehende Frau nach Berlin oder nach Frankfurt, nach München fliegen, wenn die ankommen, meinen die, wieso kann ich hier so besser leben als in meinem Land, wo alles so schwierig ist, kompliziert, bürokratisch. Hinzu kommt auch für junge Leute, wo hier keine Arbeit finden, keine Zukunft haben.

Ich meine, schauen Sie mal, in Capri ist, was Leben ist und wird schöner sein als in Berlin. Aber das ist klar. Aber dafür, dass wir in Capri leben können, braucht man eine Substanz, und diese Substanz ist die Reform Europas. Und Deutschland ist die einzige Macht, das einzige Land, die Verantwortung – wenn wir hier nicht das Wort Hegemonie benutzen wollen, sagen wir das Wort "die Verantwortung hat", ganz Europa zu sagen, nach zwei großen Tragödien, nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg, in denen Deutschland so die große Verantwortung dafür hatte, heute habt ihr eine andere Verantwortung: Die Zukunft Europas ist eine riesige kulturelle, soziale und wirtschaftliche Reform, damit wir endlich mal eine neue Zukunft auch für die jüngeren Leute in Spanien, Griechenland und Italien haben können.

von Billerbeck: Nach so viel Ernstem eine Frage zum Schluss: Heißt das, die Zeit ist vorbei, dass wir Deutschen davon träumen, ein bisschen mehr Italien in unser Herz und unser Leben zu lassen?

Bolaffi: Nein, ich finde es immer sehr schön, wenn die Italiener nach Deutschland fahren und wenn die Deutschen nach Italien fahren. Schauen Sie mal, Deutschland – das steht auch in meinem Buch –, die heutige Krise Europas hat viele Ursachen, aber eine der wichtigsten Ursachen ist, dass Italien und Deutschland nicht mehr miteinander seit 20 Jahren geredet haben, das meine ich politisch. Und heute, wenn wir eine schöne Zukunft für Europa haben wollen, dafür brauchen wir eine neue Allianz zwischen dem Land, in dem die Zitronen blühen, und dem Land, in dem schöne Autos gebaut werden.

von Billerbeck: Das sagt Angelo Bolaffi, einer der besten Deutschlandkenner Italiens. Herzlichen Dank für das Gespräch.

Bolaffi: Ja, auf Wiederhören.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
Mehr zum Thema