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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.03.2010

Das Leben der Mittdreißigerinnen

Annika Reich: "Durch den Wind", Carl Hanser Verlag, München 2010, 330 Seiten

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Besonders ziellos und verzagt. (AP)
Besonders ziellos und verzagt. (AP)

Berlin ist die Folie für die Biografien und Lebenspläne der vier Freundinnen in "Durch den Wind". Annika Reich erzählt in ihrem elegant komponierten Romandebüt von Partnerhopping, dem Wunsch nach einer Schwangerschaft und einem Selbstmordversuch.

Es tut einem doch manchmal etwas weh, wenn man schon auf dem Klappentext liest, dass die Protagonisten Mitte dreißig sind. So etwas ist in 98 Prozent der Fälle ein Indiz, dass es sich um "Generationsliteratur" handelt. Das ist tatsächlich etwas Neues, das seinen Vorläufer in Goethes Werther hat – in der Rezeption, nicht im Text, denn darin ist Werther zwar ein junger Mann mit den typisch adoleszenten Eigenschaften, aber er ist vor allem ein "modern Verzweifelter" (Peter Pfaff). Heute betrachten wir im Literaturmarkt Literatur für Zwanzigjährige, für Dreißigjährige, für Fünfziger usw. Die Literatur wird in weiten Bereichen als eine Art Flaschenpost aus dem alternden Leben aufgefasst und nicht mehr als Kunst. In der bildenden Kunst ist so etwas weniger der Fall.

Im Roman "Durch den Wind" der Debütantin Annika Reich wird die Generation (wie übrigens die meisten davor) als besonders ziellos und verzagt geschildert. Vier Freundinnen (die Männerperspektive lässt Reich beiseite) entwickeln einen elegant komponierten, vielleicht etwas gleichförmigen Handlungsteppich: Das Berlin der Gegenwart ist Folie für die Biografien und Lebensplanüberlegungen der Mittdreißigerinnen. Verwicklungen: Partnerhopping bei den Großeltern, Siris Selbstmordversuch, eine angestrebte Schwangerschaft, eine Doppelgängerepisode, etwas Sex und so fort. Annika Reich könnte sprachlich etwas mehr riskieren (die Stasiuk-Zitate ragen aus dem Text hinaus und erreichen eine Sprachkraft, die Reich nie erreicht, aber erreichen könnte, würde sie mehr wagen).

Annika Reich ist eine begabte Schriftstellerin. Die Generationsliteratur einmal zugestanden und respektiert – sie beherrscht technisch alle üblichen Register des Erzählens. Das Buch funktioniert als Anregung zum Nachdenken im intellektuellen Horizont der Frauenzeitschriften – zu mehr reicht es selten in "Durch den Wind". Das ist traurig, weil die Autorin eine respektable Disziplin im Anlegen von Handlungsverläufen hat. Aber diese Art "Generationsliteratur" wird leider zuletzt schnell wieder beiseitegelegt.

Besprochen von Marius Meller

Annika Reich: Durch den Wind. Roman.
Carl Hanser Verlag, München 2010. 330 Seiten, 19,90 Euro

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