Das Label als Instrument und Schicksal
Einen wichtigen Teil der politischen Auseinandersetzung - besonders in Deutschland - kann man als "Labeling-Strategie" begreifen. Die öffentliche Debatte wird häufig mit politischen Zuordnungen geführt, nicht mit Sachargumenten, meint Alexander Schuller.
Labeling ist ein wichtiger Begriff, das Wort ist Englisch und entstammt der soziologischen Fachsprache. Es bedeutet eigentlich nur Zuschreibung, Zuordnung. Einer Person, einem Zustand, einem Gegenstand wird ein Name gegeben. So wird neu kategorisiert. Mit dem Etikett wird beschrieben, eingeordnet und definiert, letztlich auch bewertet. Der Name sagt, mit wem man es zu tun hat. Man weiß, wie man sich zu verhalten hat, wie man sprechen kann. Wenn der eine "Mayer, Kalle" der andere "Graf Karl von Wernigerode" heißt, darf man annehmen, dass sie einer jeweils anderen sozialen Schicht angehören.
Der Name gibt dem Namensträger seinen eigenen Platz in der Gesellschaft. Er ist so etwas wie eine Platzkarte im Theater. Er verleiht ihm – auch ungeschriebene - Rechte und Pflichten. Der Name und die eigene Verfügungsmacht über ihn sind ein kostbares Gut. Sie sichern dem Menschen die Herrschaft über seine Identität und sein Leben.
Der Name kann daher auch ein Instrument der Selbstdarstellung, des Selbstschutzes sein. Detektive, Spione, Hochstapler, Medienstars benutzen oft einen falschen Namen. Damit begeben sie sich an den Rand, in den Schatten der Gesellschaft. Sie entziehen sich der Kontrolle durch die anderen und bestimmen selbst – mit ihrem jeweiligen Pseudonym – wer sie sind und wie sie sich in die Gesellschaft einzufügen beabsichtigen. Das Pseudonym macht frei.
"Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam und Art!" besingt Lohengrin das Geheimnis seines Namens. Wer sich an das schöne und grausame Märchen vom "Rumpelstilzchen" erinnert, der wird wissen, dass es wichtig, sogar lebenswichtig sein kann, seinen Namen als Geheimnis zu wahren. Jenes Märchen ist ein unschuldiges Loblied auf Intimität, auf Privatheit, auf Selbstbestimmung. Dass das Recht des Menschen auf sich selbst keine Errungenschaft der Moderne darstellt, wird darin ganz deutlich. "Oh wie gut dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß", singt der Zwerg und tanzt nachts um das wärmende Feuer. Als die Königin ihn mit seinem wahren Namen, "Rumpelstilzchen", anspricht, zerstört sie ihn. Dieses Märchen kann man als eine vorweggenommene Metapher für unsere jetzige Gesellschaft verstehen.
Und so erklärt sich, dass ein "Label" auch ein Instrument politischer Auseinandersetzung ist. Mit Labeling kann der Bürger zum Sündenbock, zum Opfer gemacht werden. Bob Dylan, der gerade seinen 70. Geburtstag hatte, wusste schon, warum er nicht mehr Bob Zimmerman heißen wollte. Konrad Adenauer sprach Willy Brandt mit dem unehelichen Namen Herbert Frahm an. Ein Junge, der in Neukölln oder auch in der Türkei als "Schweinefresser" gelabelt wird, ist sozial erledigt.
Einen wichtigen Teil der politischen Auseinandersetzung - besonders in Deutschland - kann man als "Labeling-Strategie" begreifen. Die öffentliche Debatte wird häufig mit politischen Zuordnungen geführt, nicht mit Sachargumenten. Das ist sicherlich auch ein Grund, weswegen sich die Politik zunehmend in einer Scheinwelt verliert. Frau Dr. Merkel, die schon wegen ihrer DDR-Vergangenheit von der Macht der Begriffe viel versteht, benutzt in wichtigen Fragen immer den jeweils falschen Begriff: sei es nun Griechenland, die Atomkraft oder Sarrazin. Ihr Umgang mit dem Sarrazin Buch – das sie nicht gelesen hatte - macht klar, dass es ihr nicht um die Sache, sondern um den Zweck geht. Man kann das als "diskursive Ver-Merkelung" bezeichnen. Da zeigt sich ganz deutlich das doppelte Gesicht eines Labels. Es kann sowohl aufklären als auch verschleiern.
Genau hier liegt die Gefahr totalitären Denkens. Natürlich benützen wir alle und immer und unvermeidbar Begriffe, um die Welt zu ordnen und zu erkennen. Aber wir halten die Beziehung zwischen Wort und Welt offen. Empirische Erkenntnis verändert unser Begriffssystem genau so, wie die Begriffe uns gezielt Fragen an die Wirklichkeit ermöglichen. Das kann man hypothetisches Denken nennen. Im totalitären Denken dagegen gibt es diesen dialektischen Austausch von Begriffen und Wirklichkeit nicht mehr. In dem berühmten Buch von George Orwell "1984" wird ein Modell vorgeführt, in dem die Wirklichkeit dem Wahn untergeordnet wird. Hier beherrscht das Label die Wirklichkeit. Hier wird der Name zum Schicksal.
Alexander Schuller ist Soziologe, Publizist und Professor in Berlin. Er hatte Forschungsprofessuren in den USA (Princeton, Harvard) und ist Mitherausgeber von ‚Paragrana’ (Akademie-Verlag). In seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen befasst er sich mit Fragen der Anthropologie und der Bildungs-, Medizin-, Geschichts- und Alltagssoziologie. Er arbeitet als Rundfunk-Autor sowie für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften wie Merkur und Universitas.
Der Name gibt dem Namensträger seinen eigenen Platz in der Gesellschaft. Er ist so etwas wie eine Platzkarte im Theater. Er verleiht ihm – auch ungeschriebene - Rechte und Pflichten. Der Name und die eigene Verfügungsmacht über ihn sind ein kostbares Gut. Sie sichern dem Menschen die Herrschaft über seine Identität und sein Leben.
Der Name kann daher auch ein Instrument der Selbstdarstellung, des Selbstschutzes sein. Detektive, Spione, Hochstapler, Medienstars benutzen oft einen falschen Namen. Damit begeben sie sich an den Rand, in den Schatten der Gesellschaft. Sie entziehen sich der Kontrolle durch die anderen und bestimmen selbst – mit ihrem jeweiligen Pseudonym – wer sie sind und wie sie sich in die Gesellschaft einzufügen beabsichtigen. Das Pseudonym macht frei.
"Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam und Art!" besingt Lohengrin das Geheimnis seines Namens. Wer sich an das schöne und grausame Märchen vom "Rumpelstilzchen" erinnert, der wird wissen, dass es wichtig, sogar lebenswichtig sein kann, seinen Namen als Geheimnis zu wahren. Jenes Märchen ist ein unschuldiges Loblied auf Intimität, auf Privatheit, auf Selbstbestimmung. Dass das Recht des Menschen auf sich selbst keine Errungenschaft der Moderne darstellt, wird darin ganz deutlich. "Oh wie gut dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß", singt der Zwerg und tanzt nachts um das wärmende Feuer. Als die Königin ihn mit seinem wahren Namen, "Rumpelstilzchen", anspricht, zerstört sie ihn. Dieses Märchen kann man als eine vorweggenommene Metapher für unsere jetzige Gesellschaft verstehen.
Und so erklärt sich, dass ein "Label" auch ein Instrument politischer Auseinandersetzung ist. Mit Labeling kann der Bürger zum Sündenbock, zum Opfer gemacht werden. Bob Dylan, der gerade seinen 70. Geburtstag hatte, wusste schon, warum er nicht mehr Bob Zimmerman heißen wollte. Konrad Adenauer sprach Willy Brandt mit dem unehelichen Namen Herbert Frahm an. Ein Junge, der in Neukölln oder auch in der Türkei als "Schweinefresser" gelabelt wird, ist sozial erledigt.
Einen wichtigen Teil der politischen Auseinandersetzung - besonders in Deutschland - kann man als "Labeling-Strategie" begreifen. Die öffentliche Debatte wird häufig mit politischen Zuordnungen geführt, nicht mit Sachargumenten. Das ist sicherlich auch ein Grund, weswegen sich die Politik zunehmend in einer Scheinwelt verliert. Frau Dr. Merkel, die schon wegen ihrer DDR-Vergangenheit von der Macht der Begriffe viel versteht, benutzt in wichtigen Fragen immer den jeweils falschen Begriff: sei es nun Griechenland, die Atomkraft oder Sarrazin. Ihr Umgang mit dem Sarrazin Buch – das sie nicht gelesen hatte - macht klar, dass es ihr nicht um die Sache, sondern um den Zweck geht. Man kann das als "diskursive Ver-Merkelung" bezeichnen. Da zeigt sich ganz deutlich das doppelte Gesicht eines Labels. Es kann sowohl aufklären als auch verschleiern.
Genau hier liegt die Gefahr totalitären Denkens. Natürlich benützen wir alle und immer und unvermeidbar Begriffe, um die Welt zu ordnen und zu erkennen. Aber wir halten die Beziehung zwischen Wort und Welt offen. Empirische Erkenntnis verändert unser Begriffssystem genau so, wie die Begriffe uns gezielt Fragen an die Wirklichkeit ermöglichen. Das kann man hypothetisches Denken nennen. Im totalitären Denken dagegen gibt es diesen dialektischen Austausch von Begriffen und Wirklichkeit nicht mehr. In dem berühmten Buch von George Orwell "1984" wird ein Modell vorgeführt, in dem die Wirklichkeit dem Wahn untergeordnet wird. Hier beherrscht das Label die Wirklichkeit. Hier wird der Name zum Schicksal.
Alexander Schuller ist Soziologe, Publizist und Professor in Berlin. Er hatte Forschungsprofessuren in den USA (Princeton, Harvard) und ist Mitherausgeber von ‚Paragrana’ (Akademie-Verlag). In seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen befasst er sich mit Fragen der Anthropologie und der Bildungs-, Medizin-, Geschichts- und Alltagssoziologie. Er arbeitet als Rundfunk-Autor sowie für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften wie Merkur und Universitas.

Alexander Schuller© privat