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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.05.2008

Das kurze Leben eines linken Experiments

Michaela Karl: "Die Münchener Räterepublik – Porträts einer Revolution", Patmos Verlag Düsseldorf, 2008, 270 Seiten

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München war ein wichtiger Schauplatz der Räterepublik. (Stock.XCHNG / Matthias Schimmelpfennig)
München war ein wichtiger Schauplatz der Räterepublik. (Stock.XCHNG / Matthias Schimmelpfennig)

Im Mai 1919 wurde die Münchener Räterepublik blutig niedergeschlagen. Die Räterepublik war getragen von Intellektuellen, klugen, kulturvollen Leute, die aber zum Teil eher versponnene politische Vorstellungen hatten. Die Bestialität, mit der die Republikaner und Intellektuellen ermordet wurden, gab eine düstere Vorahnung für die deutsche Entwicklung der 30er Jahre. Michaela Karl porträtiert in ihrem Buch die Köpfe der Räterepublik.

Die Räterepublik in Bayern war nur eine Episode. Anhand von 13 Porträts damals maßgebender Figuren der Revolution zeichnet Michaela Karl ein Bild jener Monate: das eines nach gerechteren Strukturen suchenden Landes, dessen revolutionäre Führer die Befreiung der verarmten Massen anstreben, denen die Zeit zur Umsetzung aber zu kurz wird.

Nach dem Untergang der Monarchie regieren in Bayern politische Gruppierungen, die nicht zusammen passen: Sozialdemokraten, Kommunisten, Anarchisten, Unabhängige. Unübersichtlich ist die Lage, die Menschen wollen Veränderung und vor allem rasche Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse wie Essen und Wohnen. Dem können die neuen Regierenden nur beschränkt nachkommen. Das liegt auch daran, dass die Neuen an den Schalthebeln nicht nur keine Politprofis sind, sondern mitunter auch idealistische Weltverbesserer.

Wie etwa der erste Ministerpräsident Kurt Eisner, der einige der Eigenschaften seiner Mitstreiter in sich vereint. Aus wohlhabendem jüdischen Elternhaus außerhalb Bayerns stammend, beseelt vom Willen, das Los der Menschen zu verbessern, wird er unversehens erster Mann im Land. Sein sozialistisches Bewusstsein speist er aus der Kantschen Philosophie, politisch vertritt er die kurzlebige Organisation der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die radikaler als die SPD auftritt. Von Eisner stammt die Bezeichnung "Freistaat", womit er Bayern sowohl von der bisherigen Monarchie abgrenzen, als auch die besondere Stellung in Deutschland hervorheben will.

Zwischen den sozialdemokratischen Forderungen nach Landtagswahlen und jenen von links nach einer Räterepublik zerrieben, sinkt sein politischer Stern. In den Tagen nach einem grausamen Weltkrieg gilt ein Menschenleben wenig: Eisner wird nach nur wenigen Wochen im Amt ermordet. Erhard Auer, sein Widerpart in der SPD und schillernde Figur in mancher Affäre, fällt am selben Tag ebenfalls einem Attentat zum Opfer, überlebt aber.

Michaela Karl schildert in ihren Porträts von Großbauern, die kämpferische Sozialdemokraten werden, von realitätsfernen Anarchisten und Philosophen als Regierungschefs: Menschen unterschiedlichster Herkunft und Bildung, die vom Gedanken an einen gerechten und sozialen Staat beseelt sind. Der Kampf von Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann für die Rechte der Frau wird ebenso geschildert wie die Wandlung des Sozialdemokraten Johannes Hoffmann, der gegen die Revolutionäre marschieren lässt.

Mitunter nehmen die Geschehnisse groteske Züge an, etwa wenn der Antimilitarist und Schriftsteller Ernst Toller Kommandant der Revolutionstruppen oder das Hofbräuhaus zum Räteparlament wird. Grundsätzlich bleibt dieser Teil deutscher Geschichte aber tragisch und endet mit blutiger Rache durch die Konterrevolutionäre.

Michaela Karl, Politologin und Historikerin an der Universität der Bundeswehr in München, schildert die Räterepublik als "Republik der Literaten", idealistischer Einzelkämpfer, die in den entscheidenden Momenten nicht zueinander finden und einem straffer organisierten Gegner gegenüber stehen.

Karl streift auch die unrühmliche Rolle der katholischen Kirche im Bayern jener Tage und macht von den ersten Seiten an die wahre Gefahr deutlich, die damals nur wenige Hellsichtige erkannten, die aber unübersehbar lauerte: Schon hatte die braune Ideologie den Fuß in der Tür, viele spätere NS-Größen waren bei der "Befreiung" Münchens führend dabei. Mit dem Mai 1919 hatte Bayern sein linkes Experiment eingetauscht gegen die Rolle eines Ordnungsstaates, der zur Keimzelle des Nationalsozialismus wurde und sich im Hetzen gegen die Weimarer Republik profilierte.

Die Zeichnung einer Epoche anhand von Porträts handelnder Personen kann diese immer nur ausschnittsweise darstellen. Wenngleich Michaela Karl die Figuren schlüssig beschreibt und auch ihre eigene Sympathie mit den meisten Revolutionären unübersehbar ist, ersetzt sie damit kein Geschichtsbuch, ergänzt es aber ausgezeichnet.

Zum Verständnis ihrer Porträts empfiehlt sich auf alle Fälle vor der Lektüre mit den historischen Fakten vertraut zu sein. Dann erst wird man mit den 13 Biografien, anhand derer 13 Mal in anderem Licht dieselbe Zeitspanne durchlaufen wird, ohne Verwirrung zurechtkommen. Dann ist das Buch auch spannend zu lesen, kann man sich ganz den teils kauzigen teils tragischen Geschichten der Menschen widmen, die die kurzlebige bayerische Revolution getragen haben.

Rezensiert von Stefan May

Michaela Karl: Die Münchener Räterepublik - Porträts einer Revolution
Patmos Verlag Düsseldorf, 2008
416 280 Seiten, 24,90 €

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