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Interpretationen | Beitrag vom 31.05.2020

Das Konzert für Orchester von Béla BartókAus der neuen Welt, für eine neue Zeit

Iván Fischer im Gespräch mit Mascha Drost

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Koloriertes Porträt des Komponisten Béla Bartók (Imago)
Konzert aus der Neuen Welt: Der Komponist Béla Bartók schrieb im amerikanischen Exil seine letzten Meisterwerke (Imago)

Wenige Orchesterwerke des 20. Jahrhunderts wurden in Ihrer Bedeutung so schnell erkannt und durchgesetzt wie das "Konzert für Orchester" von Béla Bartók. Seit seiner Uraufführung, 1944 in Boston, ist Bartóks spätes Meisterstück im Repertoire etabliert – und die Mikrofone der Plattenstudios liefen von Anfang an mit.

Béla Bartóks "Konzert für Orchester" ist gewissermaßen ein traditionsloses Werk: Die Gattung eines sinfonischen Konzertes für das gesamte Orchesterkollektiv findet sich vor 1944 explizit nur in einem – allerdings ganz anders gearteten und kürzeren – Werk von Paul Hindemith. Mit seinem fünfsätzigen, streng symmetrischen Zwitter aus Konzert und Sinfonie beschritt Bartók ein Jahr vor seinem Tod neue Wege.
 

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

 
Eine neue Musik, aus der neuen Welt für eine neue Zeit: Schon vier Wochen nach der Uraufführung entstand die erste Aufnahme des "Konzertes für Orchester", Dutzende weitere sollten folgten.
 
1943, zwei Jahre vor seinem Tod, ging es Bartók so schlecht wie noch nie. Der ungarische Komponist hatte Europa in der Zeit von Krieg und Totalitarismus den Rücken gekehrt und war in die USA emigriert – wo er gesundheitlich und finanziell in große Schwierigkeiten geriet. Der überraschend eingegangene 1000-Dollar-Scheck des Dirigenten und Mäzens Sergej Kussewitzky kam da gerade recht – verbunden mit dem Auftrag einer Komposition für das Boston Symphony Orchestra. 

Sanftmut und Sarkasmus

Kussewitzky, so wird gelegentlich behauptet, sei nur wegen seines Gespürs für neue Musik bedeutend gewesen. Dem Einsatz des russischen Musikers verdanken wir beispielweise auch die "Psalmensinfonie" von Igor Strawinsky oder die "Turangalîla-Sinfonie" von Olivier Messiaen. Dirigieren, so heißt es manchmal, sei nicht seine Stärke gewesen.

Der ungarische Dirigent Iván Fischer 2014 auf einer Pressekonferenz des Berliner Konzerthauses (Imago)Leidenschaftlicher Musik-Erklärer: Der ungarische Dirigent Iván Fischer, hier 2014 im Berliner Konzerthaus (Imago)

Eine andere Sprache spricht dagegen der Mitschnitt eines von Kussewitzky kurz nach der Uraufführung geleiteten Konzerts: Noch heute ist diese Interpretation erstaunlich, gelang es doch nur wenigen Dirigenten, im sanft erscheinenden Tonfall des späten Bartók auch den darin vorhandenen Sarkasmus sowie die biografisch-zeitgeschichtlichen Zwischentöne ahnen zu lassen.

Zu den heutigen Meister-Interpreten von Bartóks Orchestermusik gehört der Studiogast dieser Sendung, die wir aus dem Jahr 2018 wiederholen. Es ist der 1951 geborene ungarische Dirigent Iván Fischer. Mit dem von ihm 1983 begründeten Budapest Festival Orchestra hat er eine fulminante Einspielung von Bartóks spätem Hauptwerk vorgelegt.

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