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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.04.2012

Das jüdische Berlin vergangener Tage

Fischl Schneersohn: "Grenadierstraße", Wallstein Verlag, Göttingen 2012, 277 Seiten

Der heutige Szenebezirk Berlin-Mitte war früher ein jüdisches Viertel. (picture alliance / dpa / Hans Wiedl)
Der heutige Szenebezirk Berlin-Mitte war früher ein jüdisches Viertel. (picture alliance / dpa / Hans Wiedl)

In seinem erstmals auf Deutsch erschienenen Roman "Grenadierstraße" gibt der Rabbiner und Autor Fischl Schneersohn Einblick ins jüdische Berlin der 1920er-Jahre. Er dokumentiert eine Zeit, die von Wirtschafts- und Geisteskrisen geprägt war - und einem zunehmenden Antisemitismus.

Für die deutsch-nationalistische Bevölkerung waren die Juden aus der Grenadierstraße Schnorrer und Kriminelle, doch auch ihre entfernten Verwandten, denen vielleicht nur eine Generation früher der gesellschaftliche Aufstieg gelungen war, wollten mit ihnen nichts zu tun haben. Berlins assimilierten Juden, die überwiegend im Westteil der Stadt wohnten, waren sie peinlich, erinnerten sie diese doch an das antisemitische Stereotyp des Schtetl-Juden, an ihre eigenen Herkunft, an den Mief enger Gebetsstuben und eine Religiosität, die nicht zum Selbstbild des modernen, aufgeklärten und urbanen Juden passen wollte.

Ein solcher ist Hauptfigur in Fischl Schneersohns Roman "Grenadierstraße": Johann Ketner, Sohn eines Bankiers, umgeben von Kunst und Kultur, aufgewachsen in einem liberalen Elternhaus ohne eine Spur Jüdischkeit. Schon der fromme Onkel, ein Universitätsprofessor, gilt Johanns Vater als "Fanatiker".

Spektakulär eröffnet Schneersohn seinen Roman mit der Ankunft eines chassidischen Rebben am Bahnhof Alexanderplatz. Johann und seine Frau sind zufällig anwesend, sie werden von der "Prozession" mitgezogen und begleiten den frommen Mann und seine Anhänger bis in die Grenadierstraße. So gelangt der deutsch-jüdische Intellektuelle zum ersten Mal in seinem Leben an einen Ort, der in ihm ein "Heimatgefühl" auslöst. Die Grenadierstraße steht hier für die Verwurzelung im Glauben, für gläubige Sehnsucht, für jüdische Mystik und religiöse Innerlichkeit.

Der Erste Weltkrieg ist vorüber, alte Sicherheiten sind hinweggefegt. Die Zeit ist gekennzeichnet vom Bemühen um einen Neuanfang, von großen ideologischen Kämpfen, von einer Wirtschafts-, System- und Geisteskrise. Johann personifiziert diese Krise. Der Autor zeichnet ihn als Grenzgänger zwischen verschiedenen Welten, sensiblen Zweifler, hellen Kopf und Melancholiker, Vertreter einer "nervösen Generation" auf der Suche nach Identität. Er begleitet ihn vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1920er-Jahre. Und schildert dabei beispielhaft die Auseinandersetzungen verschiedener Strömungen innerhalb des deutschen Judentums sowie dessen Position in einer sich zunehmend radikalisierenden, antisemitischen Umwelt.

"Grenadierstraße" ist Entwicklungsroman und Familiengeschichte. Zugleich auch eine quasi ethnologische Untersuchung des deutschen Judentums jener Tage. Und ein Dokument der Zeitgeschichte, dessen Entdeckung nur begrüßt werden kann. Literarisch zwar etwas zu didaktisch geraten, führt der Roman die zahlreichen spirituellen und politischen Versuche einer Gesellschaft vor, Halt zu finden in einer Zeit, die aus den Fugen geraten ist. Einführung und Nachwort erläutern äußerst anregend den umfassenden Kosmos, aus dem heraus Fischl Schneersohn schrieb und in seiner Zeit wirkte. Eine echte Entdeckung, die auch unsere Gegenwart berührt.

Besprochen von Carsten Hueck

Fischl Schneersohn: Grenadierstraße
Aus dem Jiddischen von Alina Bothe
Wallstein Verlag, Göttingen 2012,
277 Seiten, 19,90 Euro

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