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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.03.2007

"Das ist Disneyland"

Architekt von Gerkan zur Eröffnung der Schlossarkaden in Braunschweig

Moderation: Barbara Wahlster

Alt und neu: die Schloss-Arkaden in Braunschweig (ECE Projektmanagement G.m.b.H. & Co. KG)
Alt und neu: die Schloss-Arkaden in Braunschweig (ECE Projektmanagement G.m.b.H. & Co. KG)

Der Architekt Meinhard von Gerkan hat die Eröffnung der Schlossarkaden in Braunschweig kritisiert. Dies sei der Versuch, aus Kommerz und Kulturbedürfnis für die Stadt einen Gewinn zu ziehen, erklärte von Gerkan.

Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Gespräch.

Barbara Wahlster: Heute wird in Braunschweig, der Stadt, wo Sie Ihr Studium abgeschlossen haben, eine Rekonstruktion der historischen, in den 60er Jahren abgerissenen Schlossfassade mit angeschlossener Mall eröffnet. Was ist das für Sie? Retortenarchitektur?

Meinhard von Gerkan: Das ist Disneyland. Das ist der Versuch, aus dem Kommerz und dem Kulturbedürfnis und der Vergangenheitsverliebtheit der Bevölkerung für die Stadt einen Gewinn zu ziehen, der im Endeffekt nach meiner Einschätzung eher zum Schaden der Stadt gereicht, weil diese Disneyland-Architektur im Endeffekt dem einen wie dem anderen, vor allem aber dem bestehenden Einzelhandel schadet und der bestehenden Stadtstruktur. Ich habe dort nicht nur studiert, sondern ich habe in Braunschweig 29 Jahre lang als Professor gelehrt an der Uni und habe die Leiden und Wehen der Stadt miterlebt.

Wahlster: Vergangenheitssehnsucht, glaube ich, ist das Wort gewesen, was Sie eben kurz benutzt haben. Was hat es eigentlich mit diesem angeblichen urbanen Flair, das immer wieder angeführt wird, wenn es um die Rekonstruktion historischer Bauten geht, ob Stadtschloss in Berlin oder auch das Thurn- und Taxis-Palais in Frankfurt. Was hat es damit auf sich?

von Gerkan: Das ist die Tatsache, dass der historische Zustand unserer Städte in der Tat ja, was den Lebensraum, den öffentlichen Raum anbetrifft, natürlich eine Geschichte repräsentiert. Eine Geschichte unserer Gesellschaft, auch unter anderen politischen Bedingungen, Voraussetzungen und damit natürlich auch ein Stück gesellschaftliche Erinnerung gespeichert hat. Und in dem Maße, wie man diese Erinnerung oder diese Botschaft der Architektur aus der Vergangenheit in einer Stadt präsent hat, lebt sie natürlich davon.

Das wissen wir bei Städten, die gut erhalten sind, wie Rom oder Mailand oder Madrid, Paris, London, ja alle sehr gut zu schätzen, insbesondere bei den kleineren Städten in Norditalien ist das der Fall. Insoweit ist diese Authentizität des jeweiligen Ortes, die Geschichte der Stadt, in den Bildern und in der Repräsentanz der Architektur für die Wahrnehmung und für das Wohlbefinden der Bevölkerung ein Gewinn. Und umso bedauerlicher ist es, wenn man solche Bauten abreißt. (…)


Das vollständige Gespräch mit Meinhard von Gerkan können Sie für begrenzte Zeit in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören.

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