Das Hotel der Zukunft

    Viel mehr als ein Ort zum Schlafen

    07:20 Minuten
    Panoramaansicht des Luxushotels Atlantis the Palm in Dubai
    Das Hotel wird zum Reiseziel: Atlantis the Palm in Dubai ist eine in sich geschlossene Luxuswelt. © IMAGO / agefotostock
    Von Susanne Balthasar · 07.08.2021
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    Wegen Corona mussten Hotels weltweit schließen: monatelang oder gar endgültig. Stellt sich die Frage, wie die Zukunft der Branche aussehen wird. Hoteliers und Zukunftsforscher erzählen von Orten, in denen das Übernachten schon fast Nebensache ist.
    Das Hotel der Zukunft kann fliegen. Oder schwimmen. Hotelzimmer könnten Module sein, Container zum Beispiel, die an das Hotelmutterschiff nur noch andocken. All das gibt es schon – in Entwürfen von Architekten. Und ein Weltraumhotel soll auch kommen – die Voyager Station nimmt Reservierungen für 2027 entgegen.
    Atlantis the Palm gibt es bereits, ein Hotel auf einer künstlichen Insel in Form einer Palme vor Dubai. Es ist eine in sich geschlossene Luxuswelt mit Restaurants, Einkaufszentren, Wasserwelt und Aquarium.

    Die Herberge wird zum eigentlichen Reiseziel

    Gänzlich veraltet ist die Idee, dass ein Hotel nur zum Schlafen da ist, sagt Tristan Horx vom Wiener Zukunftsinstitut: "Eins, das eigentlich nur zu einer Form des Absitzens da war. Man kommt ins Hotel und da will man eigentlich schnellstmöglich aus dem Hotel raus, wieder das Umfeld genießen – und dann vielleicht abends wieder zum Schlafen hin. Eine These ist, dass Hotels auch zu Destinationen werden."
    Das Hotel selbst wird also immer mehr zum Ziel der Reise. Häuser wie The Palm sind eine Welt für sich. Andere holen sich die Welt herein, wie die Berliner Dependance der Kette 25 Hours. In die hoteleigene Monkey Bar und das Restaurant Neni, strömen auch die Berliner.
    Hotelmanagerin Francesca Schiani erklärt: "Viele wissen zum Beispiel gar nicht, dass wir auch Hotel sind, weil die Monkey Bar, das Neni, das sind komplett eigene Brands geworden."
    Restaurant und Bar schweben im zehnten Stock, mit Panoramablick auf die Löwenkäfige im Zoologischen Garten. Im Neni sitzen die Gäste in einer Art riesigem Gewächshaus. Vor den Himmelsschaufenstern der Monkey Bar lagert man auf Kissen. In- und auswärtige Gäste warten oft in langen Schlangen unten am Aufzug.

    Service und Angebote für die Nachbarschaft

    Andere Hotels werden zu Servicezentren für die Nachbarschaft, wo man Wäsche waschen oder Wellnessanwendungen buchen kann. Das macht sie resilienter gegen Krisen. Für Christoph Hoffmann, Mitbegründer der 25-Hours-Kette, ist das Prinzip Hotel unendlich ausdehnbar.
    Das Hotel könnte auch Seniorenresidenz sein. "Ein Ort, der vielleicht genauso attraktiv ist wie ein Hotel, das man erlebt hat, als man noch 30 oder 40 war, mit einem schönen Restaurant, mit einer coolen Bar, mit einer Buchhandlung, mit einem Blumenladen. All die Dinge, die auch lokal gebraucht werden", erklärt er.
    "Oben habe ich dann für mich oder für mich und meine Frau eine Einheit, die ich mieten kann, dauerhaft und gleichzeitig aber auch die Unterstützung bekomme, die ich benötige, wenn ich älter werde. Für mich ein Riesenthema."

    Besondere Orte, an denen Beziehungen entstehen

    Auch bei kurzfristigen Aufenthalten suchen die Hotelgäste keine Urlaubskulisse, sondern etwas, womit sie in Beziehung treten können. Resonanztourismus nennt das Zukunftsforscher Tristan Horx. Was an solchen Zielen passiert, beschreibt er so: "Man will mit diesem Ort und der Bevölkerung und der Natur vor Ort schwingen, also in Resonanz sein."
    Ein paar Beispiele: Das Öko-Luxusresort Sadi Cove Wilderness Lodge in Alaska hat Unterkünfte aus Treibholz und für jeden Besucher wird ein Baum gepflanzt. Im Papya Playa Projekt im mexikanischen Tulum kümmern sich ein Maya-Schamane und eine Energieheilerin um die Gesundheit der Urlauber. Das 25 Hours liegt in einem Berliner Architekturdenkmal, dem Bikini Haus.
    Blick auf das 25 Hours Hotel am Breitscheidplatz in Berlin
    Das 25 Hours in Berlin: Viele andere Hoteliers hätten sich nicht getraut, das Bürogebäude umzugestalten, erzählt Managerin Francesca Schiani.© imago images / Reiner Zensen
    Noch einmal Managerin Francesca Schiani: "Es ist ein denkmalgeschütztes Gebäude aus den 60er-Jahren. Bevor wir ein Hotel eröffnet haben, waren hier Büros. Es war ein sehr heruntergekommenes Haus. Viele andere Hoteliers haben sich nicht getraut, dafür zu pitchen, weil es halt nicht diese übliche Check-in-Atmosphäre hat."

    Willkommen im "Urban Jungle"

    Im Erdgeschoss gibt es keine Rezeption, sondern einen Aufzug. Erst oben im dritten Stock betritt der Gast das Hotel. In der Lobby stehen Sofas neben Arbeitsplätzen mit Rechnern, weiter hinten befinden sich Meetingräume.
    Reise und Arbeit sind hier eins, das Hotel ein Ort zum Netzwerken, die Atmosphäre ist trotzdem entspannt. Überall baumeln Hängematten und Pflanzen, die Zimmer haben bodentiefe Fenster zum Zoo.
    Morgens schreien die Affen bei der Fütterung. Willkommen im "Urban Jungle". Das 25 Hours ist ein Resonanzhotel, das das Grundrauschen der Eindrücke gekonnt auspegelt.
    Andere setzen auf Digitalisierung und Technik. Natürlich in Japan hat schon 2015 das erste Roboterhotel eröffnet. Allerdings wurde dann die Hälfte der Roboter entlassen und durch Menschen ersetzt.

    Digitale Lösungen, die Sinn machen

    Digital weit vorne ist das Wiener Hotel Schani. Hier checken die Gäste von zu Hause aus per App ein. Hotelbesitzer Benedikt Komarek erklärt, was alles geht: "Sie können sich ihr Zimmer individuell aussuchen, das heißt, in welchem Stockwerk, welche genaue Lage - auf einem Plan."
    Den Schlüssel bekommen Gäste am Anreisetag, sobald ihr Zimmer verfügbar ist, auf ihr Smartphone. "Sie können, wenn Sie ankommen, direkt mit dem Aufzug auf die Etage fahren, zu ihrem Zimmer gehen und mit dem Handy die Tür aufmachen." Statt eines Empfangstresens gibt es im Schani eine Bar.
    So macht Digitalisierung Sinn, meint Tristan Horx vom Wiener Zukunftsinstitut: "Also alles, was hohe Redundanzen hat oder große Datenberge, die früher dann irgendwie mit Handschrift eingetragen wurden in irgendwelche Karteien, das kann man alles digitalisieren."
    Der damit verbundene Zeitgewinn schaffe Raum und Energie "für die humane Begegnung", erklärt er.

    "Das ideale Hotel ist ein Raum der Erlebnisse"

    Und das ist doch am Ende das Wesen des Hotels, sagt Christoph Hoffmann, der auch eine Hotelkolumne für das Geo "Saison-Magazin" schreibt.
    Hotels seien schon immer Orte gewesen, an denen Menschen zusammenkommen, zum Beispiel auch für literarische Treffen, erzählt er.
    "Während des Zweiten Weltkriegs wurden Hotels auch Orte für Exilanten, die sich getroffen haben, um gemeinsam zu denken. In Hotels haben sich Menschen vom Balkon gestürzt, wie Klaus Mann. Gleichzeitig hat man aber auch Klavierabende oder am Kamin. Abende, an denen ganz neue tolle Dinge entstanden sind. Insofern ist für mich das ideale Hotel ein Raum der Erlebnisse."

    Die Pandemie erzwingt neue Konzepte

    Und dann wurden alle Hotels wegen Corona geschlossen. Wie es weitergeht, weiß keiner. Hier ein paar Prognosen: Viele Hotels werden schließen, vor allem da, wo es Überkapazitäten gibt, in Berlin zum Beispiel.
    Neue Hotels entstehen. Das Fraunhofer-Institut empfiehlt flexibel nutzbare Räume und einen Rückbauplan - für alle Fälle. Businesshotels müssen sich verändern, um den Besucherschwund auszugleichen.
    Im 25 Hours hat man während Corona mit Longstay experimentiert. Studenten konnten sich für ganze Monate günstiger einmieten. Erschöpfte Eltern kamen tageweise ins Hotel-Office. Solange sich die Welt verändert, verändern sich auch die Hotels.
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