Das Handy als Hausschlüssel

Von Dirk Asendorpf · 17.03.2010
Das Handy ist längst nicht mehr nur zum Telefonieren gut. Man kann SMS und E-Mails damit schreiben, spielen, fotografieren, Fahrkarten lösen, Filme drehen und im Internet surfen. In Zukunft wird man sogar Türen mit dem Handy aufschließen können.
Die Tür ist zu – und der Schlüssel liegt sonstwo. Man kann ihn jetzt suchen gehen, die Tür eintreten oder den Schlüsseldienst bestellen. Schön ist das alles nicht. Und in Zukunft wird es auch nicht mehr nötig sein. Denn den Schlüssel kann man sich einfach als Zifferncode aufs Handy schicken lassen. Wie das geht, demonstriert Birgit Wilkes von der Technischen Hochschule Wildau in Brandenburg.
"Wir haben hier einen Schlüssel, der nicht mehr per Hand übergeben werden muss, sondern ich kann ihn per SMS verschicken. Das ist der erste Schlüssel, wo ich denjenigen, dem ich den schicke, gar nicht mehr treffen muss. Ich habe also einen Schlüssel auf meinem Handy und kann diesen Schlüssel aktivieren. Dann fängt auf dem Handy das Farbdisplay an, zu blinken, und diesen Farbcode halte ich an ein Lesegerät und es öffnet sich die Tür."

Die Berliner Softwarefirma elegate hat die Idee technisch umgesetzt. Dazu gehört ein kleines Computerprogramm, das die Zeichenfolge der zugesandten SMS in einen eindeutigen Farbcode verwandelt, der als kurzes Filmchen über das Handydisplay flimmert. Schon nach drei Sekunden gibt es erstaunlich viele Kombinationsmöglichkeiten, erklärt Matthias von Tippelskirch, der Chef von elegate.

"Wir können im Augenblick 10 Milliarden Schlüssel verwalten. Wir sind da seit ca. zwei Jahren am Entwickeln."

Erwarten wir Besuch, wenn niemand zu Hause ist, müssen wir den Schlüssel nicht mehr unter dem Blumenkübel oder der Fußmatte deponieren. Auch die Rückgabe ist problemlos. Nach dem Ende des Besuchs wird der Schlüssel auf dem Handy automatisch ungültig. Besonders interessant ist die Übergabe per SMS für Rettungs- und Pflegedienste.

"Wenn ein Notruf einer pflegebedürftigen Person ankommt, kann der in die Zentrale kommen, die Zentrale schickt einen Schlüssel zu dem nächstgelegenen Mitarbeiter, der kommt sehr einfach in die Wohnung der pflegebedürftigen Person und kann helfen. Wenn ich den Schlüssel händisch, also wirklich von Mensch zu Mensch übergeben muss, dann dauert das einfach länger. Weil, auch wenn jemand in der Nähe wäre, muss jemand von der Zentralstelle, wo die Schlüssel liegen, erst losfahren mit dem richtigen Schlüssel. Und das kostet einfach wertvolle Zeit im Falle eines Notfalls."

Oder – wenn Lebensgefahr droht – muss die Tür aufgebrochen werden und es entstehen hohe Kosten – auch wenn sich der Notruf als Fehlalarm herausstellen sollte. Außerdem nehmen Pflegedienste Haus- und Wohnungsschlüssel nur ungern entgegen. Die Verwaltung ist teuer. Und wenn im Haus oder der Wohnung eines Pflegebedürftigen etwas abhandenkommt, besteht immer die Gefahr, dass der Pflegedienst verdächtigt wird, den anvertrauten Schlüssel missbraucht zu haben. Der per SMS verschickte Öffnungscode kann dagegen auf die Arbeitszeit der Pfleger beschränkt werden.

"Wir können temporäre Schlüssel verschicken, 'Essen auf Rädern' bekommt zum Beispiel einen Schlüssel, der nur mittags funktioniert. Also alle möglichen Dinge lassen sich damit machen. Die Voraussetzung, um das einsetzen zu können, ist ein Farbdisplay und das Handy sollte nicht älter sein als zweieinhalb bis drei Jahre. Auf der Seite der Tür braucht man ein Lesegerät, das diesen Farbcode lesen und interpretieren kann. Das ist keine Kamera, das ist ein Farbsensor, der die Farbtemperatur misst. Und man braucht natürlich ein elektronisches Türschloss. Sonst nichts."

Installation und Wartung sollen die gleichen Firmen übernehmen, die sich auch heute schon um die Schließanlagen und elektrischen Türöffner in Wohnblocks kümmern. Denn nur mit einem gut funktionierenden Service bewährt sich die Elektronik in der Praxis. Davon ist Manfred Carrier überzeugt. Er organisiert den Hausnotrufdienst beim Diakonischen Werk in Berlin.

"Diese Systeme müssen sehr komfortabel und sehr robust sein, dass sie auch von älteren Menschen mühelos genutzt werden können, nur dann haben sie Erfolg. Und es muss wirklich Hilfe kommen, wenn Hilfe benötigt wird."

Ganz billig ist die Sache allerdings nicht. Derzeit wird sie in einem Potsdamer Consulting-Unternehmen mit häufig wechselnden freien Mitarbeitern als Pilotprojekt erprobt. Ende des Jahres will der Hersteller den SMS-Schlüssel als Produkt auf den Markt bringen. Matthias von Tippelskirch:

"Das reine Lesegerät kostet in der Einzelstückfertigung oder im Einzelverkauf ca. 50 Euro, in größeren Stückzahlen runter bis 20 Euro. Und dann wird natürlich auch noch Elektronik notwendig. Also dann kostet die gesamte Anlage 150 Euro. Und eine entsprechende Softwarelizenz für 50 Euro pro Jahr. Das Hardware-Schließsystem ist da nicht mit drin."

Weil das für einen Massenmarkt wohl noch zu teuer ist, hat sich die Firma weitere Anwendungen für den Handy-Farbcode ausgedacht. Konzertveranstalter, Kinos, Restaurants oder Einzelhändler können ihn nutzen, um ihren Kunden Eintrittskarten und Rabattcoupons zukommen zu lassen.

"Da können sie die Coupons per SMS an das Mobiltelefon schicken, hier zum Beispiel von McDonalds. Und wenn man dann nen Hamburger billiger haben will, dann sagt man eben: Hier bin ich, identifiziert sich. Und damit kann man dann tatsächlich diesen Geschäftsprozess auslösen."

An der Kasse müssen die Kunden dafür ihr bunt blinkendes Mobiltelefon nur noch anstelle eines Rabattcoupons vor das Lesegerät halten. Dahinter steckt die gleiche Technik wie beim Handyschlüssel.

Und der gleiche Grundgedanke: Gutscheine, Tickets oder Schlüssel vergisst der moderne Mensch gerne mal, sein Handy dagegen hat er inzwischen praktisch immer dabei.