Das Grass-Bekenntnis
Noch nie war eine Zeitung so alt wie heute. Die Beilage der FAZ, als exklusiver Vorabdruck aus Günter Grass Autobiographie geplant, ist zu einem überflüssigen Nachdruck geworden. Das ist die Schlusspointe einer medialen Dauererregung, die vor einer Woche damit begann, dass eben diese FAZ das Grass-Bekenntnis unter der Überschrift "Ich war Mitglied der Waffen-SS" spektakulär in die Welt beförderte.
Es folgten wilde Spekulationen, Unterstellungen, Enttäuschungs- und Solidaritätsbekundungen. Fast stündlich liefen neue Meldungen ein. Am Donnerstag gab es das seltsame Schauspiel eines Fernsehinterviews, das, zwei Tage zuvor aufgezeichnet, im Augenblick der Ausstrahlung Satz für Satz bekannt, ja schon längst kommentiert war. 150.000 Exemplare des Buches, das eigentlich erst am 1. September in den Handel kommen sollte, wurden angeblich an einem Tag verkauft. Am Freitag klapperten dann die ersten, eilig geschriebenen Rezensionen hinterher. Die Berichterstattung hat sich mehrfach überschlagen und schließlich sich selbst überholt.
Zum medialen Dauerblechgetrommel gehörte auch die seltsame These, Grass habe mit seinem Bekenntnis bloß einen raffinierten PR-Coup eingefädelt. Dabei waren es doch die auftrumpfenden Medien selbst, die für die PR sorgten. Man hätte ja auch zurückhaltender berichten können. Dann hieß es, Aktenfunde aus dem Stasi-Archiv hätten Grass bewogen, der drohenden Enthüllung zuvorzukommen. Einen Tag später das Dementi: Es gibt solche Akten nicht. Und Grass betonte, es sei allein sein Bedürfnis gewesen, jetzt an die Öffentlichkeit zu gehen. Er sollte sich nun allerdings auch nicht über die heftigen Reaktionen beklagen und behaupten, man wolle ihn zur "Unperson" machen.
Was ist eigentlich so schwer daran, ihm einfach zu glauben? Warum muss man ihm niedere Beweggründe – Berechnung, Feigheit und eine seltsamen Form von Eitelkeit unterstellen, die noch aus der heroischen Zerstörung des eigenen Marmorbildnisses ihren Lustgewinn zieht? Dass schlechte Nachrichten, Krokodilstränen und gefallene Helden sich besser verkaufen als nüchterne Meldungen, ist auch in diesem Fall die eine, naheliegende Antwort. Doch das ist nicht alles. Es war auch die Woche der billigen Abrechnungen. Wer Grass noch nie leiden konnte oder ihn in seiner Rolle als engagierter Demokrat störend fand, nutzte die Gelegenheit, ihm eins auszuwischen. Für manche Polen – wie Lech Walesa, der ihm nahelegte, auf die Danziger Ehrenbürgerwürde zu verzichten, wurde er gar zu einer weiteren Belastung des derzeit so schwierigen deutsch-polnischen Verhältnisses. Und wem er als Präzeptor der SPD seit eh und je auf die Nerven ging, forderte ihn nun, wie ein Hinterbänkler der CDU, dazu auf, den Nobelpreis zurückzugeben. Spätestens da wurde das Großkonzert zur Seifenoper.
Erstaunlicherweise spielte der eigentliche Gegenstand des Bekenntnisses, die Mitgliedschaft in der Waffen-SS, kaum eine Rolle in der Kontroverse. Einem 17-Jährigen konnte so etwas zum Kriegsende durchaus passieren. Das will ihm heute niemand mehr anlasten. Darin waren sich alle Kommentatoren einig, und das ist die gute Nachricht der Woche. Es zeigt, dass die Differenzierungsfähigkeit im Umgang mit der deutschen Vergangenheit und persönlichen Verstrickungen zugenommen hat. In Polen, wo das Kürzel "SS" noch ganz andere historische Erfahrungen reanimiert, ist das schwerer zu leisten.
Hierzulande wurde vor allem der späte Zeitpunkt des Geständnisses kritisiert. Die "moralische Instanz" Grass, so sagten viel, sei beschädigt, als wäre das lange Schweigen gleichbedeutend mit einer Lüge, die sein Werk und seine politischen Einmischungen von Grund auf in Frage stellt. Doch wo steht geschrieben, dass es eine Pflicht zum öffentlichen Geständnis gibt? Die Öffentlichkeit ist kein Beichtstuhl, den man in regelmäßigen Abständen aufzusuchen hätte, um seine Sünden zu bekennen. Ob und wann einer fähig ist, seine Schamgefühle zu überwinden, ist seine persönliche Angelegenheit. Jedenfalls dann, wenn es sich – wie im Fall Grass – nicht um Schuld, nicht um verbrecherische Taten handelt.
Vielleicht ist es unvermeidlich, auf eine Figur, die als "moralische Instanz" gilt, auch moralisch zu reagieren. Und doch ist es frappierend, wie moralisch, belehrend, zeigefingerhaft Grass‘ Bekenntnis aufgenommen wurde, also genau so, wie es ihm seine Kritiker vorwerfen: moralisierend, belehrend, zeigefingerhaft. Das "Gewissen der Nation", so glaubt man offenbar ausgerechnet in Deutschland, hat rein zu sein. Grass‘ spätes Bekenntnis macht nun schmerzhaft deutlich, dass es eine unbelastete Unschuld hier nicht geben kann. Was für ein Sinn läge denn auch darin, ein Gewissen zu etablieren, das gar nichts mit sich auszumachen hätte? Auch das "Gewissen der Nation" ist verstrickt in die Geschichte. Was für eine Überraschung. Das gilt für die Generation des Günter Grass, aber auch für die Generationen der Nachgeborenen, von denen so mancher bloß darauf wartet, den alten Platzhirsch endlich beiseite zu räumen. Doch Grass wird uns noch lange erhalten bleiben – ob man ihn mag oder nicht. Als Autor und als moralische Instanz.
Zum medialen Dauerblechgetrommel gehörte auch die seltsame These, Grass habe mit seinem Bekenntnis bloß einen raffinierten PR-Coup eingefädelt. Dabei waren es doch die auftrumpfenden Medien selbst, die für die PR sorgten. Man hätte ja auch zurückhaltender berichten können. Dann hieß es, Aktenfunde aus dem Stasi-Archiv hätten Grass bewogen, der drohenden Enthüllung zuvorzukommen. Einen Tag später das Dementi: Es gibt solche Akten nicht. Und Grass betonte, es sei allein sein Bedürfnis gewesen, jetzt an die Öffentlichkeit zu gehen. Er sollte sich nun allerdings auch nicht über die heftigen Reaktionen beklagen und behaupten, man wolle ihn zur "Unperson" machen.
Was ist eigentlich so schwer daran, ihm einfach zu glauben? Warum muss man ihm niedere Beweggründe – Berechnung, Feigheit und eine seltsamen Form von Eitelkeit unterstellen, die noch aus der heroischen Zerstörung des eigenen Marmorbildnisses ihren Lustgewinn zieht? Dass schlechte Nachrichten, Krokodilstränen und gefallene Helden sich besser verkaufen als nüchterne Meldungen, ist auch in diesem Fall die eine, naheliegende Antwort. Doch das ist nicht alles. Es war auch die Woche der billigen Abrechnungen. Wer Grass noch nie leiden konnte oder ihn in seiner Rolle als engagierter Demokrat störend fand, nutzte die Gelegenheit, ihm eins auszuwischen. Für manche Polen – wie Lech Walesa, der ihm nahelegte, auf die Danziger Ehrenbürgerwürde zu verzichten, wurde er gar zu einer weiteren Belastung des derzeit so schwierigen deutsch-polnischen Verhältnisses. Und wem er als Präzeptor der SPD seit eh und je auf die Nerven ging, forderte ihn nun, wie ein Hinterbänkler der CDU, dazu auf, den Nobelpreis zurückzugeben. Spätestens da wurde das Großkonzert zur Seifenoper.
Erstaunlicherweise spielte der eigentliche Gegenstand des Bekenntnisses, die Mitgliedschaft in der Waffen-SS, kaum eine Rolle in der Kontroverse. Einem 17-Jährigen konnte so etwas zum Kriegsende durchaus passieren. Das will ihm heute niemand mehr anlasten. Darin waren sich alle Kommentatoren einig, und das ist die gute Nachricht der Woche. Es zeigt, dass die Differenzierungsfähigkeit im Umgang mit der deutschen Vergangenheit und persönlichen Verstrickungen zugenommen hat. In Polen, wo das Kürzel "SS" noch ganz andere historische Erfahrungen reanimiert, ist das schwerer zu leisten.
Hierzulande wurde vor allem der späte Zeitpunkt des Geständnisses kritisiert. Die "moralische Instanz" Grass, so sagten viel, sei beschädigt, als wäre das lange Schweigen gleichbedeutend mit einer Lüge, die sein Werk und seine politischen Einmischungen von Grund auf in Frage stellt. Doch wo steht geschrieben, dass es eine Pflicht zum öffentlichen Geständnis gibt? Die Öffentlichkeit ist kein Beichtstuhl, den man in regelmäßigen Abständen aufzusuchen hätte, um seine Sünden zu bekennen. Ob und wann einer fähig ist, seine Schamgefühle zu überwinden, ist seine persönliche Angelegenheit. Jedenfalls dann, wenn es sich – wie im Fall Grass – nicht um Schuld, nicht um verbrecherische Taten handelt.
Vielleicht ist es unvermeidlich, auf eine Figur, die als "moralische Instanz" gilt, auch moralisch zu reagieren. Und doch ist es frappierend, wie moralisch, belehrend, zeigefingerhaft Grass‘ Bekenntnis aufgenommen wurde, also genau so, wie es ihm seine Kritiker vorwerfen: moralisierend, belehrend, zeigefingerhaft. Das "Gewissen der Nation", so glaubt man offenbar ausgerechnet in Deutschland, hat rein zu sein. Grass‘ spätes Bekenntnis macht nun schmerzhaft deutlich, dass es eine unbelastete Unschuld hier nicht geben kann. Was für ein Sinn läge denn auch darin, ein Gewissen zu etablieren, das gar nichts mit sich auszumachen hätte? Auch das "Gewissen der Nation" ist verstrickt in die Geschichte. Was für eine Überraschung. Das gilt für die Generation des Günter Grass, aber auch für die Generationen der Nachgeborenen, von denen so mancher bloß darauf wartet, den alten Platzhirsch endlich beiseite zu räumen. Doch Grass wird uns noch lange erhalten bleiben – ob man ihn mag oder nicht. Als Autor und als moralische Instanz.