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Thema / Archiv | Beitrag vom 22.03.2012

Das Geheimnis des aufrechten Gangs

Eine ARTE-Doku analysiert eine revolutionäre Theorie

Carsten Niemitz im Gespräch mit Britta Bürger

Der Tanganyika-See zwischen Burundi und dem Kongo. Richteten sich an einem Ort wie diesem die Vierfüßer auf? (AP Archiv)
Der Tanganyika-See zwischen Burundi und dem Kongo. Richteten sich an einem Ort wie diesem die Vierfüßer auf? (AP Archiv)

Der Humanbiologe Carsten Niemitz stellt heute Abend auf ARTE seine Theorie zur Entwicklung unseres Gangs vor: Demnach sind unsere Vorfahren zwecks Nahrungssuche ins Wasser gegangen - und mussten sich aufrichten, um nicht zu ertrinken. Sind wir näher am Wasser gebaut, als wir glauben?

Britta Bürger: Es war einmal vor circa sechs Millionen Jahren, als unsere Vorfahren aufhörten, sich auf allen Vieren fortzubewegen und sich auf zwei Beinen aufrichteten. Doch wie ist es dazu gekommen? Schließlich sind Zweibeiner wesentlich langsamer, unbeweglicher, auch nicht so geschickt beim Klettern auf Bäume, wo sie doch nach Nahrung suchen sollten! Oder müssen wir uns die Evolution doch ganz anders vorstellen, nämlich so, wie es der Humanbiologe Carsten Niemitz behauptet? Er meint, unsere Vorfahren seien ins Wasser gegangen und hätten sich darin, um nicht zu ertrinken, aufgerichtet. Schönen guten Tag, Herr Niemitz!

Carsten Niemitz: Einen schönen guten Tag!

Bürger: Sie arbeiten schon seit ein paar Jahren an der Begründung und Verbreitung Ihrer Hypothese, heute wird sie in einem Dokumentarfilm bei ARTE aufgegriffen. Warum haben Sie überhaupt begonnen anzuzweifeln, dass unsere Vorfahren sich nicht in der Savanne aufgerichtet haben?

Niemitz: Alles, was wir an der Universität erforscht haben, unsere Themen, hatten eigentlich immer die Evolution des Menschen im Hintergrund. Und speziell hierzu: Ich bin einmal in Kenia von Mombasa in die Serengeti geflogen in die Masai Mara, und da fliegt man über diese ganz weiten Savannen. Und ich habe mir das immer so vorgestellt, wie das eben dann auch in den Filmen von Grzimek und so, als endlos Grasland ist. Aber das ist es nicht. Von oben sieht man, dass das grün durchädert ist. Und ich habe mir gedacht, wenn ich da ein Affe oder ein Urmensch wäre, dann würde ich doch nicht dort hingehen, wo nur die Antilopen Gras fressen, können wir gar nicht. Oder ich bin doch kein Löwe, kann also die Antilopen nicht fangen. Also, Affen würden da oder Urmenschen würden selbstverständlich in den grünen Bereich gehen, da, wo es Früchte gibt, da, wo man am Ufer Nahrung suchen kann. Und so bin ich darauf gekommen.

Bürger: Welche Indizien haben Sie denn aber dafür gefunden über die Spekulation hinaus, dass der Mensch sich im Wasser aufgerichtet hat?

Niemitz: Also, zunächst mal ist es heute inzwischen wissenschaftlicher Konsens, die Wissenschaftler sind sich ziemlich einig, dass wir nicht in der Savanne entstanden sind mit unserem aufrechten Gang, sondern dass das im Wald stattgefunden hat. Und wenn man Feldforschung macht, wie wir es betrieben haben an Primaten, dann muss man sich fragen: Wo gibt es die besten Ressourcen, also Nahrung, Schutz? Und das ist am reichhaltigsten tatsächlich an den Ufern. Da kann man auch am besten gehen, man kann am freiesten gehen. Das wichtigste Hindernis ist, glaube ich, dass die Vielfüßer, von denen wir abstammen, perfekte Vierfüßer waren. Das heißt also, sie hatten gar keinen Grund, sich aufzurichten. Und wenn wir heute schauen, wo Menschenaffen sich mal aufrichten, dann ist es nur, um etwas zu erreichen, aber dann gehen sie nicht. Sie haben auch keinen Anlass dazu, weil das, was sie da erreichen wollen, nicht wandert. Nur wenn man das gute Tierprotein, die leicht zu erwerbende Nahrung am Ufer, wenn man dazu ins Wasser geht, dann stellen sich auch die Affen heute auf ihre Beine.

Bürger: Das heißt, die Affen haben sich Fische gefangen?

Niemitz: Es gibt Aufnahmen von Fische fangenden Affen. Es gibt ein schönes Bild von einem Orang-Utan, der sich eine Keule bastelt und dann lauert und einen Fisch erschlägt. Aber es gibt eine ganze Reihe von Affen, die Zusatznahrung aus dem Wasser holen. Etwa die Hälfte aller Affenarten der alten Welt hat ganz enge ökologische und verhaltensbiologische Verbindungen zum Wasser, zum Ufer.

Bürger: Haben Sie dafür auch konkrete Beweise gefunden, in Fossilien zum Beispiel, in Funden?

Niemitz: Das ist ... Also, ich habe die Theorie 2000 aufgestellt, 2004 kam das Buch und danach gibt es, haben wir natürlich weitergeforscht. Eines der Argumente, was danach entstanden ist, kommt nicht von uns, sondern atomphysikalische Untersuchungen an Fossilien geben ein Isotopenmuster, wie es zum Beispiel Otter haben. Also, was darauf hinweist, dass diese Vorfahren von uns keine Vegetarier waren, keine Mischesser, sondern vor allem Nahrung von Wassertieren zu sich genommen haben.

Bürger: Die Zeit, die man sich im Wasser aufhalten kann, die ist ja begrenzt. Das heißt, die meiste Zeit des Tages und der Nacht müssen die Menschen, die Affen, die Menschenaffen dann ja doch an Land gewesen sein. Oder wollen Sie jetzt als Nächstes behaupten, wir stammten eigentlich von den Pinguinen ab?

Niemitz: Also, es gibt eine Wasseraffentheorie, die ist amüsant, auch ein bisschen albern. Aber die Beziehung zum Wasser ist schon da. Also, natürlich, unsere Vorfahren werden auf Schlafbäumen geschlafen haben, werden auch – so wie wir heute auch, wenn da die Kirschen reif sind –, also in den Urwaldbäumen von Afrika werden sie natürlich ihre Früchte gepflückt haben. Aber wichtig ist sicherlich, dass sie gar kein ... in keiner anderen Situation einen Anreiz gehabt hatten, sich aufzurichten, als wenn sie im Wasser gestanden haben. Und dort gibt es eben das ganz tolle Essen. Also, es gibt sehr gutes Tierprotein und ganz wesentlich ist, dass es ganz bestimmte Omega-3-Fettsäuren gibt, die wir nur dort bekommen und die essenziell, also unverzichtbar sind für die spätere Entwicklung des menschlichen Gehirns. Und amerikanische Forscher sind der Meinung, dass wir nie unser Hirn hätten so entwickeln können, wenn wir nicht diese Ufernahrung gehabt hätten. Also eine ganz wesentliche Stütze von woanders her.

Bürger: "Das Geheimnis des aufrechten Gangs", so heißt ein Dokumentarfilm, der heute Abend bei ARTE zu sehen ist über die These des Humanbiologen Carsten Niemitz, mit dem wir hier im Deutschlandradio Kultur darüber im Gespräch sind, warum er meint, dass sich unsere Vorfahren im Wasser aufgerichtet haben. Jeder weiß ja, Herr Niemitz, wie schnell man im Wasser auf allen Vieren weggespült wird, untergeht. Das ist doch dann sicher auch eine Konsequenz Ihrer Theorie, die man mitdenken muss, dass all diejenigen, die es nicht geschafft haben, sich aufzurichten, ertrunken sind?

Niemitz: Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Wenn ein Vierfüßer ins Wasser geht, zum Beispiel ein Hund, dann geht er so tief rein, bis die Vorderpfoten keinen Grund mehr haben, und dann paddelt er los. Bei den Affen ist das anders, weil sie hinten schwerer sind, das ist eine Schwerpunktfrage. Und deswegen – und heute Abend werden sehr viel schöne, auch in der Urania, wenn Sie heute Abend in die Urania kommen, sehen Sie das als Film ...

Bürger: ... in Berlin ...

Niemitz: ... in Berlin, ja, dann sehen Sie sehr schön, wie die Affen im Wasser tatsächlich dann aufrecht gehen, weil, es geht bei ihnen nicht anders. Und das wäre für einen Vierfüßer gar nicht anders denkbar, weil nämlich das Wasser gerade diesen Auftrieb gibt. Das, was Sie sagen, was so gefährlich ist, hat den Vierfüßern geholfen, nämlich die Gelenke werden nicht so belastet, man weiß das heute auch so aus der Reha und aus solchen Dingen, dass also der Auftrieb des Wassers genutzt wird. Und der hat den Vierfüßern geholfen, sich so aufzurichten.

Bürger: Dennoch steht ja bis heute in den Schulbüchern, in Lehrbüchern noch immer was anderes. Sie beharren weiter auf Ihrer These, werden aber mittlerweile auch von anderen Wissenschaftsdisziplinen unterstützt. Wer arbeitet da alles an dieser Theorie mit, welche Bereiche?

Niemitz: Also, es gibt eine ganze Reihe verschiedener Wissenschaftsbereiche. Ich kann sagen, dass diese Theorie so gut untersucht ist auf verschiedene Aspekte hin wie inzwischen keine andere mehr, also sicherlich die bestuntersuchteste überhaupt. Es gibt Evolutionsforscher, zum Beispiel menschlicher Parasiten, die sich also um die Evolution von Würmern und Menschen kümmern, und es gibt zum Beispiel Parasiten des Menschen, deren Larven im Wasser sind. Das heißt, wenn man wartet, bohren die sich in die Haut ein und leben dann im Menschen. Elefantiasis ist so eine Krankheit oder die Bilharziose. Und die Parasiten, die spezifisch den Mensch als Wirt haben, stammen alle aus Afrika. Und ein Evolutionsbiologe für solche Würmer an der Universitätsklinik in Wien sagt, es kann gar nicht anders gewesen sein, der Mensch muss eine lange, intensive Phase gehabt haben, denn sonst gibt es diese Wirt-Parasit-Abhängigkeit in der Evolution nicht. Ein Neurobiologe ruft an aus seiner Klinik und sagt, wir haben Zapfen- und Stäbchenverteilungen gefunden in der Netzhaut, das geht nur, wenn man ständig vor sich hin auf das Wasser schaut. Und der Geoforscher aus Potsdam sagt, damals, als der aufrechte Gang entstand, damals war es feucht und es gab Tausende von Kilometern Meerufer. Und so kommen viele Leute ... Wir fragen gar nicht um Unterstützung, sondern Leute rufen mich an, sagen, ich verstehe zwar nicht viel von Evolution, aber das, was ich übersehe, das stimmt mit Ihrer Theorie ganz toll überein. Und ...

Bürger: ... und führt diese besondere Neigung zum Wasser denn bis in die heutige Zeit? Also, lassen unsere Körper heute auch noch Rückschlüsse darauf zu?

Niemitz: Ja, natürlich. Also, das eine ist, der Mensch ist der einzige, das einzige Säugetier überhaupt, was Krampfadern entwickelt. Und man kann sich das gar nicht anders denken als, dass es also während der Phase, als wir Zweifüßer wurden, mit diesem Blutdruck in den Beinen, der wurde kompensiert durch die Wassermanschette des Wasserdrucks von außen. Da hat das Forschungszentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln Experimente für uns dazu gemacht, die übrigens auch gezeigt werden heute Abend. Also, da gibt es auch ... Beim menschlichen Körper sieht man das heute noch und ich denke auch, dass die Liebe zum Wasser, möchte ich schon sagen, die Sehnsucht nach dem Wasser etwas ist, was evolutionspsychologisch da noch drauf hindeutet.

Bürger: "Das Geheimnis des aufrechten Gangs", der Dokumentarfilm von Ingo Knopf und Jo Siegler, heute Abend ist er zu sehen um 22:10 Uhr bei ARTE, wird er auch zweimal noch wiederholt, und in Berlin ist er zu sehen heute in einer öffentlichen Vorführung um 20:00 Uhr in der Urania. Anschließend gibt es ein Gespräch dort mit den Filmemachern und mit dem Humanbiologen Carsten Niemitz. Ihm danke ich für den Besuch im Studio!

Niemitz: Gerne!

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