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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 05.02.2012

Das ewige Leid mit dem Kreuz

Wirbelversteifung oft nutzlos

Von Sigrun Damas

Rückenschmerzen sind eine weit verbreitete Volkskrankheit. Nicht immer hilft eine Operation. (picture alliance / dpa - Heiko Wolfraum)
Rückenschmerzen sind eine weit verbreitete Volkskrankheit. Nicht immer hilft eine Operation. (picture alliance / dpa - Heiko Wolfraum)

Die Zahlen von Rückenversteifungsoperationen sind in den vergangen Jahren stark gestiegen, vor allem bei Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen. Vielen Erkrankten ist damit aber nicht geholfen. Einige Experten warnen inzwischen vor einer vorschnellen OP.

Hans-Jürgen Püschel ist mit den Nerven am Ende. Weil er chronische Rückenschmerzen hatte, wurde ihm vor einem Jahr zur Operation geraten. Eine Rückenversteifung. Aber nach der OP hatte er genauso starke Schmerzen wie vorher. Er wurde erneut operiert. Die Schmerzen blieben. Die Ärzte setzten ein drittes Mal das Messer an:

"Dann hieß es: Wir gehen jetzt durch den Magen. Wir brauchen eine extra lange Schraube. - Ich sag: Will ich nicht haben. Ich habe Angst - Es wurde dann aber doch gemacht, Wirbel versteift links und rechts, mit Schrauben."

Ein Jahr ist das her. Heute kommt Hans-Jürgen Püschel nur noch mit starken Schmerzmitteln über die Runden. Drei Rückenoperationen haben seine Schmerzen nicht gelindert, sondern noch verschlimmert. Eine Erfahrung, die viele Patienten machen. Neurochirurg Bertram Kaden vom Bethesda-Krankenhaus Wuppertal rät deswegen von vorschnellen Operationen ab, vor allem bei Patienten mit chronischem Rückenschmerz:

"Wenn jahrelang Schmerzen bestanden, ist die Chance, dass eine Versteifungs-Operation Erfolg bringt, eher gering. Sind reine Verschleißerscheinungen da, ist das meines Erachtens keine Indikation für einen großen invasiven Eingriff. Und man muss Patienten davor warnen, sich kritiklos operieren zu lassen."

Bei Versteifungs-Operationen wird die Bandscheibe entnommen und durch einen Abstandshalter ersetzt. Dann werden Titanschrauben in die Wirbelkörper gedreht und durch eine Platte verbunden. Die Wirbel werden damit so zusagen miteinander verklammert, sie sind nicht mehr beweglich und versteifen. Ein unumkehrbarer Eingriff. Notwendig ist er nach Unfällen - also Wirbelbrüchen, bei Tumorbefall und starkem Wirbelgleiten. Als umstritten gilt er dagegen bei reinem Verschleiß und unspezifischen Rückenschmerzen, also solchen, deren genaue Ursache sich nicht genau lokalisieren lässt. Auch bei Schmerztherapeut Joachim Nadstawek vom Universitätsklinikum Bonn landen immer häufiger Patienten, denen eine Versteifungs-Operation nicht geholfen hat.

"Es gibt viele Patienten, die von dieser Operation überhaupt nicht profitieren, sondern direkt nach der OP die identischen Schmerzen haben wie vorher."

Gerade Rückenschmerzen, die seit langen Jahren anhalten, seien meist kein rein körperliches Problem.

"Schmerz allein ist keine Indikation für eine Versteifung des Rückens. Hier muss man sehr differenziert analysieren. Ist es tatsächlich eine anatomische Ursache oder gibt es andere Ursachen, die den Rückenschmerz unterhalten? Sicherlich ist der Rücken auch Austragungsort von Konflikten am Arbeitsplatz, von Konflikten in der Familie. Man kann diesen Schmerz nicht wegoperieren."

Dennoch werden gerade solchen Patienten inzwischen immer häufiger die Wirbel verklammert, wie die Krankenkasse Barmer GEK ermittelt hat. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Viele Patienten drängen auf eine schnelle Lösung - und geraten an Ärzte, die nur zu gern operieren - auch, weil es sich finanziell lohnt. Das bestätigt Ursula Marschall, Leitende Medizinerin der Barmer GEK:

"Es besteht ein Anreiz, möglichst viel zu operieren, weil dort die Vergütungssituation ganz besonders lukrativ ist."

Eine Versteifungs-Operation wird von den Kassen mit bis zu 11.000 Euro erstattet. Sie gilt als lohnenswert. Und Krankenhäuser sind heute Wirtschaftsunternehmen, in denen knallhart kalkuliert wird. Chirurgen werden unter Druck gesetzt - sie sollen für einen guten Umsatz sorgen. Das bestätigt Neurochirurg Bertram Kaden:

"Es werden zum Teil mit dem Operateur auch Zielvereinbarungen abgeschlossen, dass eine bestimmte Menge gebracht und gesteigert werden muss. Wenn man es auf einen Nenner bringen will: Jedes Stück Titan, das im Körper verbaut wird, bringt noch einen Extra-Erlös."

Dabei gibt es Alternativen, die vor jeder Operation zumindest einen Versuch wert sind. Die so genannte multimodale Schmerztherapie ist ein dreiwöchiges Intensivprogramm aus Krankengymnastik, Sport, medikamentöser und psychischer Behandlung. Hier soll der Patient mit fachlicher Hilfe lernen, selbst etwas gegen seine Rückenschmerzen zu unternehmen - und zwar dauerhaft, auch nach dem Klinikaufenthalt. Erfolgversprechend ist diese Therapie deshalb auch nur unter einer Bedingung, sagt Schmerztherapeut Joachim Nadstawek:

"Das verlangt vom Patienten, dass er aktiv mitarbeitet. Oft sind Patienten in der Haltung: Tu du, Doktor - und ich mach nix. Das geht dabei nicht."

Ein mühsamer Weg, aber ein lohnender. So manchem Rückenkranken könnte damit eine sinnlose Operation erspart bleiben.

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