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Fazit | Beitrag vom 22.09.2020

Das europäische Archiv der StimmenEine charmante Annäherung an Europa

Von Tobias Wenzel

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Bunte Wandmalerei: Menschen halten sich an den Händen. Darüber steht: "Europa". (imago images / Shotshop)
Wie kann man über Europa reden, nicht aus dem Blickwinkel der Tagespolitik, sondern aus dem der Kultur? Diese Frage stellte sich der Initiator des europäischen Archivs der Stimmen. (imago images / Shotshop)

„Haben Sie noch Gegenstände aus der Kindheit?“. Das ist eine der Fragen, die die Macher des "Europäischen Archivs der Stimmen" Zeitzeugen überall in Europa gestellt haben. Die Antworten zeigen einen berührenden Blick auf unseren Kontinent.

Anna-Maria Wallner: "Kommen Sie manchmal in die Gelegenheit, die Europahymne zu singen oder zu hören?"
Hanna Molden: "Ja, immer wieder."
Anna-Maria Wallner: "Und was haben Sie da für ein Gefühl?"
Hanna Molden: "Ahhhh! Das rührt mich zutiefst, schon wegen der Melodie natürlich."

Die österreichische Autorin Hanna Molden, Jahrgang 1941, gibt der vier Jahrzehnte jüngeren Journalistin Anna-Maria Wallner Auskunft über ihre Erfahrungen mit Europa – für das europäische Archiv der Stimmen. Das ist nun zum Teil online.

Die Idee dazu kam dem Journalisten und Autor Simon Strauß vor zwei Jahren. Wie kann man über Europa reden, nicht aus dem Blickwinkel der Tagespolitik, sondern aus dem der Kultur? Seine Antwort und die seiner jungen Mitstreiter vom Verein "Arbeit an Europa": Junge Menschen führen mit europäischen Zeitzeugen Interviews, die bald schon nicht mehr Auskunft geben können.

"Durch diese Interviews, durch das gesprochene Wort, durch die Erzählung kriegt man einen Blick wie so durch eine Tür, die ein bisschen aufgeht, auf eine ganze Mentalität eines Landes, die spezifischen Wünsche, Hoffnungen und Ängste auch, die in diesem Land mit dem Begriff 'Europa' verbunden worden sind."

Widerspruch erlaubt

Europa sei in den letzten Jahren auf seltsame Weise ins Mittelalter zurückgefallen, analysiert der französische Drehbuchautor Jean-Claude Carrière mit Ende achtzig. Statt einem europäischen Einheitsgefühl hätten wir es mit einem feudalistischen Flickenteppich der Egoismen zu tun.

Unter den Machern des Archivs ist es umstritten, ob und wie viel Platz darin für kritische und auch sehr konservative Europastimmen sein soll. Simon Strauß hat sich für die Aufnahme solcher Stimmen ausgesprochen:

"Ich finde das wichtig. Das soll ja eben ein Archiv sein, das anregt dazu, auch zu diskutieren, auch zu widersprechen. Das soll ja nicht einfach nur eine PR-Angelegenheit für Europa oder gar die Europäische Union sein."

Zum Glück ist es viel mehr geworden: eine charmante, inspirierende, oft berührende Annäherung an Europa. Das liegt auch an den klug gewählten Fragen: "Was bedeutet Heimat für Sie?" Oder: "Haben Sie noch Gegenstände aus Ihrer Kindheit?"

Sie habe als Kind in Deutschland einen ganzen Sack voll Spielsachen gehabt, erzählt die rumänische Dichterin Nora Iuga. Aber unter Hitler habe sie ohne ihre Spielsachen mit ihrer Familie Deutschland fluchtartig verlassen müssen.

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Alle Interviews sind ausschließlich in der Originalsprache zu hören. Aber es gibt immer eine schriftliche englische Übersetzung. Wer weder die Originalsprache noch Englisch versteht, hat ein Problem. Eine gewisse Bildung wird also vorausgesetzt.

"Kultur ist nicht einfach nur Zuckerguss"

Fragt sich überhaupt, ob man mit dem Archiv die Europa-Verdrossenen erreicht. Links- oder rechtsradikale Europahasser könne man sicher nicht locken, gibt auch der Initiator Simon Strauß zu. Aber er glaubt schon, dass das Archiv mit seinem kulturellen Blick auf Europa für viele interessant ist. Als Beispiel nennt er den Höhepunkt der EU-Schuldenkrise und die Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Griechenland:

"Was wäre eigentlich da gewesen, wenn die Bundeskanzlerin nach Griechenland gefahren wäre und am Anfang einer Rede einfach mal zwei Strophen eines griechischen Gedichts gelesen hätte. Ich sage das immer, um zu betonen, dass Kultur nicht einfach nur der Zuckerguss ist oder das Nette für das Elitäre, das Intellektuelle. Nein. Ich glaube, dass der kulturelle Schatz, der in Europa ja allgegenwärtig ist, nach wie vor für eine Gesellschaft im Gesamten wichtig ist."

Leider ist die Audioqualität der Interviews manchmal schlecht. Das ist besonders schade bei einem Projekt, bei dem die Macher auf die Wirkung von Stimmen und dann noch in der Originalsprache setzen.

Trotzdem ist dieses Archiv eine großartige Fundgrube: Cees Nooteboom erzählt, wie ein Mitarbeiter der Pariser Metro einmal seinen ganzen Zehner-Ticket-Block mit einer Zange entwertete. Der Autor hatte damals kaum Geld, konnte aber nicht entsprechend auf Französisch reagieren. Da schwor er sich, Französisch zu lernen, und tat es.

Info: Das europäische Archiv der Stimmen wird nun nach und nach online veröffentlicht: Jede Woche kommen zwei Interviews mit Zeitzeugen dazu. Ende des Jahres sollen dann alle 50 Gespräche online stehen.

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