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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 17.08.2009

Das Erdbeben von Gölcük

Vor zehn Jahren erschüttern schwere Erdstöße den Nordwesten der Türkei

Von Tobias Mayer

Nach einem Erbeben. (AP)
Nach einem Erbeben. (AP)

Es war eine der verheerendsten Naturkatastrophen des 20. Jahrhunderts: Knapp 18.000 Menschen starben beim Erdbeben rund um die türkische Stadt Gölcük. Zehn Jahre danach warnen Wissenschaftler vor erneuten Erdstößen.

Das Beben überraschte die Menschen im Schlaf. Es war drei Uhr nachts, als am 17. August 1999 die sogenannte "Nordanatolische Verwerfung" auf einer Länge von etwa 130 Kilometern riss, den ganzen Golf von Izmit im östlichen Marmarameer entlang bis weit in das Festland hinein. Mit einem Schlag verschoben sich die beiden aneinanderstoßenden Erdplatten um über fünf Meter in gegensätzliche Richtungen.

Das Beben hatte eine Stärke von 7,6 auf der Richterskala und war eines der verheerendsten des 20. Jahrhunderts. Das Epizentrum lag unter der Kleinstadt Gölcük, die der Naturkatastrophe den Namen gab. Der Hörfunk-Korrespondent der ARD Michael Matting berichtete.

"Die Menschen graben mit bloßen Händen nach Verschütteten. Brände brachen aus und Tausende flohen in Panik auf die Straßen. Von Istanbul bis ins 400 Kilometer entfernte Ankara waren die Erschütterungen zu spüren. Allein bis zum frühen Morgen gab es, deutlich spürbar, sechs starke Nachbeben."

Schon wenige Stunden nach dem Erdbeben liefen die Hilfsaktionen an. Zu den ersten Helfern vor Ort gehörten Organisationen aus Griechenland, Ausdruck einer freundschaftlichen Annäherung der früher verfeindeten Nachbarstaaten. Der Grad der Zerstörungen in Gölcük und Yalova und vor allem in den Industriestädten Izmit und Adapazari war gewaltig.

"Die meisten Häuser sind eingestürzt oder einsturzgefährdet, und zwar in einem Ausmaß, das ich persönlich nie für möglich gehalten hätte. Wenn man Fernsehbilder sieht, glaubt man ja, das Ganze einschätzen zu können. Es ist aber so, dass die Situation, wenn man sie hier vor Ort erlebt, einfach noch tausendmal schlimmer ist, als man das jemals ermessen kann anhand von Bildern."

Insgesamt starben fast 18.000 Menschen, bis zu 50.000 wurden verletzt. Die Raffinerie von Izmit ging in Flammen auf, ebenso mehrere Öldepots. Auch die regionale Infrastruktur brach zusammen: Straßen, Brücken und Eisenbahnstrecken wurden stark in Mitleidenschaft gezogen.

Am schlimmsten war jedoch, dass im Erdbebengebiet Wohngebäude in großer Zahl wie Kartenhäuser zusammenfielen, einfach umkippten oder ihre Etagen wie Sandwichscheiben aufeinandergepresst darniederlagen. Selbst in Istanbul, immerhin 80 Kilometer Luftlinie vom Epizentrum entfernt, zerstörten die Erdstöße zahlreiche "Gecekondus", die halblegal und ohne behördliche Aufsicht gebauten Wohnhäuser der Zugewanderten am Stadtrand. Der Erdbebenexperte Mehmet Nuray Aydınoğlu von der Bosporus-Universität Istanbul.

"Der wichtigste Grund, weshalb bei uns die Sachschäden und die Opferzahlen so hoch ausfallen, ist, dass an unseren Gebäuden einige bautechnische Voraussetzungen leider nicht erfüllt werden. Das ist eine Realität, so wie zweimal zwei vier sind. In der Türkei gab es bislang nämlich keine Bauaufsicht."

Die Gründe für das Ausmaß der Zerstörungen waren Profitgier, Schlamperei und Korruption. In großem Stil war billiges Baumaterial verwendet worden. Doch auch nach der Katastrophe passierte jahrelang wenig. Zur Beschwichtigung der Bevölkerung wurden einige Bauunternehmer vor Gericht gestellt und neue Gesetze erlassen, diese jedoch kaum beachtet. So sah sich der gerade gewählte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan fast fünf Jahre später noch in der Pflicht, zu versprechen:

"Die Türkei muss schnell, ganz schnell abrechnen mit denen, die an Baumaterialien sparen."

Das Trauma der Katastrophe vom 17. August 1999 ist inzwischen der Sorge vor einem künftigen Beben gewichen. Dies, da sind sich die Experten sicher, wird Istanbul treffen. Denn beim nächsten Mal wird die "Nordanatolische Verwerfung" vermutlich viel weiter westlich reißen, als vor zehn Jahren.

"Es ist die Chronik einer angekündigten Katastrophe. Und die Regierung interessiert sich nicht dafür","

... meint der bekannte türkische Erdbebenforscher Celal Sengör.

""Die Stadt muss sich auf das größte Erdbeben seit 1509 vorbereiten."

Doch Istanbul ist alles andere als gerüstet. Gerade mal ein Dutzend der über 300 Krankenhäuser in Istanbul wurde seit dem großen Beben von 1999 erdbebensicher gemacht. Die türkische Tageszeitung "Radikal" rechnete nach.

"In dem Tempo werden unsere Kliniken in 190 Jahren und unsere Studentenheime in 55 Jahren sicher sein."

Doch dann ist es vielleicht schon zu spät. Einig sind sich die Erdbebenforscher nämlich darüber, dass das nächste große Erdbeben mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent in den kommenden 30 Jahren den Nordwesten der Türkei treffen wird.

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