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Profil / Archiv | Beitrag vom 22.03.2011

Das Erbe des Vaters

Die Schriftstellerin Katharina Born

Von Tobias Wenzel

Katharina Born schreibt jetzt Romane, wie auch ihr verstorbener Vater. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Katharina Born schreibt jetzt Romane, wie auch ihr verstorbener Vater. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Die Schriftstellerin Katharina Born verbrachte einen Teil ihrer Kindheit im Wendland, dort starb 1979 ihr Vater, der Dichter Nicolas Born. Beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb konnte man einen Auszug aus ihrem noch nicht veröffentlichten Roman hören, für den sie in Klagenfurt den Ernst-Willner-Preis erhielt. Heute lebt Katharina Born in Paris.

Katharina Born: "Das ist so schrecklich. Das kann ich ja echt nicht leiden."

Gerade kommt alles zusammen. Katharina Borns Telefon ist kaputt. Und ihr Koffer blieb bei der Rückreise vom Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt am Flughafen liegen. Vor wenigen Minuten, mit zweitägiger Verspätung, ist er endlich an ihre Pariser Adresse geliefert worden. Jetzt steht er im Hausflur und muss noch in die Wohnung:

"Wir machen es zusammen, ja? Das ist nämlich sehr schwer. Ich nehme ihn hier und Sie so? Das ist die beste Nachricht mit dem Koffer, weil da ist natürlich alles drin, was ich schick finde und was teuer ist - also es wäre fürchterlich gewesen für meinen Kleiderschrank und meinen Schminkkoffer."

Katharina Born, eine junge Frau im Jeanskleid, sympathisches Gesicht, blonde, schulterlange Haare, führt ihren Gast in eine helle Wohnküche. Sie holt eine Karaffe Wasser und zwei Gläser und stellt sie auf einen Massivholztisch. Unweit davon steht der Koffer aus Klagenfurt, inklusive der Badesachen. Denn es ist schon ein Ritual, dass Autoren und Jurymitglieder des Bachmannwettbewerbs gemeinsam am Strandbad des Wörthersees schwimmen gehen:

"Ich hab mir dann sofort Gedanken darüber gemacht: 'Oh Gott, dann stehe ich da im Bikini vor Burkhard Spinnen. Das ist ja auch nicht so schön. Nachdem der mich vielleicht nicht so nett kritisiert hat'."

Letztlich hatte der Jury-Vorsitzende doch gar nicht so viel auszusetzen, und sie wurde sogar ausgezeichnet. Für ihre Erzählung "Fifty-fifty", einen Auszug aus ihrem Roman, erhielt Katharina Born in Klagenfurt den Ernst-Willner-Preis und wird seitdem als Schriftstellerin wahrgenommen. Zuvor war sie vor allem die Herausgeberin der nachgelassenen Werke, Gedichte und Briefe ihres Vaters Nicolas Born. Der starb nach langer Krankheit, als Katharina sechs Jahre alt war:

"Das sind immer so Bilder, die auftauchen, kleine Geschichten, kurze Geschichten. Ich weiß noch, wie ich ihn einmal besucht habe im Krankenhaus. Ich weiß noch ein bisschen, wie es war, als er bei uns war, in den letzten Wochen, wo schon klar war, dass er sterben würde. Also ich könnte jetzt nicht viel dazu sagen."

Nun ist Katharina Born selbst Autorin. Endlich macht sie das, was sie eigentlich schon lange tun wollte:

"Ich habe aber ganz lange gewartet damit, weil ich dachte: 'Nee, Romane schreiben wollen ja alle. Wer bin ich denn, das zu tun?' Also das war bei mir sehr, sehr stark. Deshalb bin ich ja erst Journalistin geworden und hatte damit auch nur mäßigen Erfolg, auch für mich nur mäßigen Erfolg. Und mit dieser Arbeit an den Büchern meines Vaters habe ich eben gemerkt, dass das für mich das große Glück ist.

Man muss einfach machen, was man machen will, weil sonst ist es vorbei und man hat's nicht gemacht und irgendjemand anders macht's nur halb oder so. Also das nützt ja nichts. Ich glaube, wenn ich jetzt übermorgen Hollywood-Schauspielerin unbedingt sein wollen würde, dann würde ich versuchen, das zu sein."

Katharina Born wurde als Tochter einer Ärztin und des Autors Nicolas Born 1973 in Berlin geboren, wuchs dort und im Wendland auf. Wer mit Katharina Born spricht, merkt schnell, wie wichtig ihr Vater für sie war und im Nachhinein, durch die Beschäftigung mit seinen Texten und Briefen, geworden ist. Das gilt auch für die Mutter. Jetzt kennt sie ihre Eltern so gut, wie Kinder fast nie ihre Eltern kennen. Und das, obwohl sie aus eigener Erinnerung wenig über die Beziehung der beiden weiß:

"Ich weiß nur, dass sie, da sie Ärztin ist, immer unheimlich viel gearbeitet hat und wir als Kinder meistens mit meinem Vater zusammen waren, der dann immer geflucht hat, wenn LACHT wenn wir Kinderkrankheiten hatten und er nicht schreiben konnte. Und meine Mutter musste im Krankenhaus Nachtdienste machen und ist in der frühen Zeit vom Nachtdienst in die Kneipe und von der Kneipe wieder in den Morgendienst oder solche Sachen. Also die hat immer mitgemacht."

Die gemeinsamen Kneipengängen mit ihrem Mann. Wilde Zeiten waren das, erzählt Katharina Born. Damals machte man unaufhörlich Party, wenn man Schriftsteller war. Wilde und glückliche Zeiten, die ein plötzliches Ende fanden:

"Es war natürlich für sie ganz furchtbar, dass mein Vater so früh gestorben ist. Die hat den ja geliebt. Diese Kraft, die sie dann aber hatte, um das hinzukriegen, mit uns, und das hat sie sehr gut hingekriegt, die ist mir sehr wichtig. Also für mich ist meine Mutter eindeutig so was wie ein großes, wunderbares Vorbild, wie man's richtig macht, obwohl man's schwer hat."

Es ist kein Zufall, dass Katharina Born in ihrem Debütroman über eine Dichter-Witwe schreibt. Das Thema ging Katharina Born nicht mehr aus dem Kopf. Wie bewältigt man den Tod eines geliebten Menschen? Eine Frage, die sie sich noch öfter stellt, seit sie einen Sohn hat:

"Sogar die Vorstellung, mir könnte etwas passieren, ist fast noch schlimmer als die Vorstellung, meinem Sohn könnte etwas passieren, weil ich denke, dann ist er allein. Man merkt auch so, wie unaustauschbar so eine Liebe ist und so eine Beziehung ist und dass man eben nicht woanders hingeht und dann wird alles gut. Nein, das fehlt dann. Und das ist dann weg und damit muss man dann umgehen und - ja, ich habe große Ängste." (Lacht)

Seltsamerweise wirkt Katharina Born überhaupt nicht ängstlich. Die Autorin, die sich während des Studiums in Paris in einen Franzosen verliebte und seitdem dort lebt, strahlt eine ungeheure Ruhe aus. Und dabei sagt sie, dass ihr Leben immer äußerst unruhig verlaufen ist:

"Also es ist immer irgendwas, was mich in der Basis erschüttert. Doch, es ist immer irgendwas. Ich sag immer: 'Ach, wenn's dann ruhiger ist, dann gehen wir mal in den Zoo.' Aber irgendwie kommt's dazu nie."

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