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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.07.2017

Das Erbe des Biafra-KriegesWie zivilgesellschaftliches Engagement zur Macht wurde

Jan Eckel im Gespräch mit Dieter Kassel

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Die hungernden Kinder von Biafra schockierten die Welt - Biafra wurde zum Synonym für Elend, Hunger, Verzweiflung und Massensterben (picture alliance / dpa / Grimm)
Die hungernden Kinder von Biafra schockierten die Welt - Biafra wurde zum Synonym für Elend, Hunger, Verzweiflung und Massensterben. (picture alliance / dpa / Grimm)

Vor genau 50 Jahren begann der Biafra-Krieg. Mit ihm veränderte sich der internationale Umgang mit solchen Krisen, humanitäre Hilfe rückte in den Vordergrund. Biafra stehe aber auch für die Erkenntnis, "dass humanitäre Hilfe etwas Ambivalentes hat", sagt Jan Eckel.

Internationales Engagement, egal ob staatlich oder privat organisiert, ist heutzutage normal. Dass internationale Krisen zu internationalem Handeln, ja überhaupt zu internationaler Wahrnehmung führen, ist aber eher eine Erscheinung neueren Datums.

Mit dem Einmarsch der nigerianischen Armee in die abtrünnige Provinz Biafra begann vor 50 Jahren der Biafra-Krieg. Es war der erste Konflikte in einem Entwicklungsland, der zu weltweiter Aufmerksamkeit und internationaler Hilfe führte.

Einmischen über Grenzen hinweg

Jan Eckel, Direktor des Seminars für Zeitgeschichte der Universität Tübingen und ein Experte für die Geschichte der Menschenrechte, sagte im Deutschlandfunk Kultur, neu in dem Konflikt sei vor allem das Ausmaß des zivilgesellschaftlichen Engagements in den westlichen Gesellschaften gewesen: "der Versuch, sich einzumischen über Grenzen hinweg in andere Konflikte".

Besonders die Ärzte, die nach diesem Krieg die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" gründeten, hätten damals eine sehr wichtige Erfahrung gemacht, betonte er:

"... nämlich die Erfahrung, dass humanitäre Hilfe, wie sie klassischerweise etwa vom Roten Kreuz betrieben worden ist - die nicht so sehr auf die öffentliche Mobilisierung von Gesellschaften setzt (...) - dass die nicht ausreicht, dass die nicht trägt, sondern dass man eben ein aufrüttelndes, mobilisierendes Engagement braucht, um zu mehr Unterstützung zu gelangen, um besser und effektiver helfen zu können".

Luftbrücke gegen die Hungersnot

Der Biafra-Konflikt geriet rund ein Jahr nach Ausbruch in den Fokus der Weltöffentlichkeit - als die nigerianische Armee die Provinz abriegelte und eine Hungersnot ausbrach. Über eine Luftbrücke wurden die Eingeschlossenen mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt. Schon damals sei die Hilfe umstritten gewesen, berichtet Eckel:

"Zeitgenössisch wird diskutiert, ob nicht diese humanitäre Hilfe den Krieg verlängert hat, indem sie nämlich die Bereitschaft der Biafranischen Führung auszuhalten in dem Bürgerkrieg verlängert hat und verstärkt hat."

Biafra stehe damit auch für die Erkenntnis, dass humanitäre Hilfe etwas Ambivalentes habe, sagte Eckel. Es gebe ein "Dilemma humanitären Handelns":

"... dass man vielleicht auch Wirkungen damit erzeugt, die man gar nicht intendiert und die auch gar nicht im Sinne dessen sind, was man eigentlich erreichen will". (ahe)


Dieter Kassel: Mit dem Einmarsch der nigerianischen Armee in die abtrünnige Provinz begann vor genau 50 Jahren der Biafra-Krieg, viele Tausend Kilometer weit weg von Deutschland, und doch hier in Deutschland damals wie in vielen anderen europäischen Ländern intensiv öffentlich wahrgenommen. Dieser Konflikt hat vieles verändert, was internationale Zusammenarbeit, vor allem die nichtstaatliche Zusammenarbeit, und was die internationale Wahrnehmung der Menschenrechte angeht. Der Konflikt ging dann nach ungefähr drei Jahren offiziell zu Ende, der Krieg zumindest. Aber er wirkt bis heute nach. Vieles, was wir für normal halten in der Wahrnehmung der medialen, und vor allen Dingen auch in der internationalen Zusammenarbeit, das hat damals erst so richtig begonnen. Deshalb wollen wir diesen 50. Jahrestag heute des Beginns des Biafra-Kriegs zum Anlass nehmen, um über die Veränderungen in der internationalen humanitären Zusammenarbeit zu sprechen mit Jan Eckel. Er ist der Direktor des Seminars für Zeitgeschichte an der Universität Tübingen, und zu seinen Schwerpunktthemen gehört unter anderem eben auch die Geschichte der Menschenrechte. Schönen guten Morgen, Herr Eckel!

Jan Eckel: Guten Morgen!

Kassel: Mindestens zwei Organisationen, die heute eigentlich wirklich jeder kennt, gehen mehr oder weniger direkt auf diesen Biafra-Konflikt zurück, die Gesellschaft für bedrohte Völker und die Organisation Ärzte ohne Grenzen. Kann man also sagen, dass der Konflikt damals den Grundstein gelegt hat für die humanitäre Zusammenarbeit, einen Grundstein, auf dem noch heute vieles aufbaut?

Eckel: Ja, wobei ich vielleicht nicht unbedingt den Begriff der Zusammenarbeit wählen würde. Ich glaube, da geht es vor allen Dingen um das zivilgesellschaftliche Engagement, also der Versuch, sich einzumischen sozusagen über Grenzen hinweg in andere Konflikte. Und ich glaube, Ärzte ohne Grenzen vor allen Dingen ist da ein sehr gutes Beispiel, weil diese Gruppe selbst, die ja eigentlich erst Anfang der 70er-Jahre gegründet wird, ihrem Selbstverständnis nach eben in Biafra sehr wichtige Erfahrungen gemacht hat, nämlich die Erfahrung, dass eine humanitäre Hilfe, wie sie klassischerweise etwa vom Roten Kreuz betrieben worden ist, die nicht so sehr auf die öffentliche Mobilisierung von Gesellschaften setzt, damit sie sich engagieren, dass die nicht ausreicht, dass die nicht trägt, sondern dass man eben ein aufrüttelndes, mobilisierendes Engagement braucht, um zu mehr Unterstützung zu gelangen und um besser und effektiver helfen zu können.

Humanitäres Engagement konzentrierte sich auf Europa

Kassel: Aber warum gerade Biafra, warum ist diese Erkenntnis gerade da gekommen?

Eckel: Das hat, glaube ich, nicht nur einen Grund. Zunächst mal ist das tatsächlich insofern bemerkenswert, als in der humanitären Hilfe bis dahin das subsaharische Afrika und überhaupt, könnte man eigentlich sagen, der postkoloniale Raum da keine so große Rolle gespielt hat. Das humanitäre Engagement etwa nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich sehr stark auf Europa als das vielleicht am meisten kriegsverwüstete Gebiet. Und der Biafra-Konflikt ist auch nicht sofort zu einem Thema der humanitären Hilfe geworden, sondern erst ungefähr ein Jahr, nachdem dieser Krieg begonnen hat, als nämlich aus dem Bürgerkrieg eine humanitäre Katastrophe wurde in dem Moment, als die nigerianischen Truppen, die Truppen der Zentralregierung, eben einen Blockaderiegel um Biafra schlossen und eine Hungersnot ausbrach. Da gelangten nun immer mehr Nachrichten, übrigens sehr oft von katholischen Missionaren vermittelt, an die westliche Öffentlichkeit, und vor allen Dingen auch Fotos. Fotos von hungernden Kindern. Und das war so ein Moment der Bewusstwerdung, dass Notlagen auch auf dem afrikanischen Kontinent auftreten, die uns alle angehen, wie die Wahrnehmung damals war.

Kassel: Die Einwohner Biafras haben sich damals wiederholt als die "Juden Afrikas" bezeichnet. Dieses Interesse an der humanitären Katastrophe damals dort in Westafrika in Deutschland, hatte das auch etwas zu tun mit den deutschen historischen Erfahrungen? Das Ende des Zweiten Weltkriegs lag ja gerade mal 20 Jahre zurück damals.

Eckel: Ja, ganz sicher. Auch da, würde ich sagen, hat Biafra sozusagen eine katalysierende Funktion, hat etwas bewegt und beschleunigt im öffentlichen Diskurs. Tatsächlich ist es so, dass die biafranische Regierung im Grunde, kann man sagen, alles versucht hat, um die Weltöffentlichkeit zu alarmieren und auf ihre Seite zu ziehen. Und eine wichtige Strategie in diesem Zusammenhang war, von einem Genozid zu sprechen, auch Parallelen zum Holocaust mindestens anzudeuten. Das hat tatsächlich in diesen Jahren gerade in Deutschland sehr stark verfangen, wo viele auch prominente Intellektuelle wie etwa Günter Grass argumentiert haben, gerade weil wir die Schuld an Auschwitz tragen als Deutsche, müssen wir uns jetzt in diesem Konflikt engagieren, müssen dort helfen. Da wurden ganz dezidierte Parallelen hergestellt zwischen diesem Bürgerkrieg in Nigeria und der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch Deutsche.

Verlängerte humanitäre Hilfe den Krieg?

Kassel: Ein halbes Jahrhundert nach Beginn dieses Krieges müsste man doch eigentlich ein Urteil darüber fällen können, ob diese internationale Einmischung, was es ja auch war, eigentlich was gebracht hat oder nicht. Wie sieht denn Ihr Urteil da aus?

Eckel: Interessanterweise ist das schon zeitgenössisch umstritten. Schon zeitgenössisch kommt Kritik auf an den humanitären Einsätzen. Man muss sich zunächst einmal vor Augen halten, dass es sich hier um wirklich ganz massive Hilfslieferungen an Medikamenten und an Nahrung für Biafra handelt, die alle sehr aufwendig über eine Luftbrücke in dieses Gebiet geflogen wurden. Aber schon zeitgenössisch wird diskutiert, ob nicht die humanitäre Hilfe den Krieg verlängert hat, indem sie nämlich die Bereitschaft der biafranischen Führung, auszuhalten in dem Bürgerkrieg, verlängert hat und verstärkt hat. Es ist ein sehr verlustreicher Konflikt gewesen. Man geht davon aus, das ein bis drei Millionen Menschen dabei gestorben sind, also es ist wirklich eine große Größenordnung, die wir da vor uns haben. Und ich würde denken, Biafra steht vielleicht auch dafür, vielleicht auch für die Erkenntnis, dass humanitäre Hilfe etwas Ambivalentes hat, dass es in der Regel schwer festzumachen ist, ob das jetzt in erster Linie positive Wirkungen gehabt hat oder nicht vielleicht auch Kehrseiten gehabt hat. Ich glaube, dieses Dilemma humanitären Handelns, dass man das eigentlich aus guten Intentionen macht und mit dem Wunsch, Menschen in Not zu helfen, dass man aber vielleicht auch Wirkungen damit erzeugt, die man gar nicht intendiert und die eigentlich auch gar nicht im Sinne dessen sind, was man damit erreichen will. Ich glaube, diese Erkenntnis hat sich auch festgemacht an Biafra und ist auch ein Signum humanitären Engagements geblieben.

Kassel: Der Tübinger Historiker Jan Eckel über den Biafra-Krieg, der vor genau 50 Jahren begann. Was er gerade in der humanitären Zusammenarbeit verändert hat und wie das bis heute nachwirkt. Herr Eckel, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

Eckel: Sehr gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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