Das Empire und die Netz-Anarchos
Der Cyberwar, von dem bislang die Rede war, hat sich als Auseinandersetzung zwischen staatlichen oder staatsnahen Akteuren entwickelt. Die wahrscheinlich von Russland aus gestarteten Angriffe auf die Versorgungssysteme der baltischen Staaten zählen ebenso dazu, wie die komplexen Viren, mit denen das iranische Atomprogramm angegriffen worden ist.
In dieser Art von Kriegführung mit nichtkinetischen Waffen bewahrheiten sich die Prognosen einiger Zukunftsforscher, wonach zukünftige Kriege mit nichtlethalen Waffen geführt würden, weswegen es kaum noch Tote geben werde.
Was nicht vorhergesehen wurde, war die Beteiligung nichtstaatlicher, quasi privater Akteure an dieser Art von Krieg. Aber wenn die Anhänger des Internetportals WikiLeaks zu dessen Unterstützung internetbasierte Unternehmen wie Amazon, Visa- oder Mastercard angreifen, weil diese auf massives Drängen der USA hin die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit WikiLeaks aufgekündigt und Spenden nicht weitergeleitet haben, so ist dies ein starkes Anzeichen dafür, dass auch hier die Staaten nicht länger die Monopolisten der Zwangsmaßnahmen sind.
Es haben sich regelrechte Schwärme von Unterstützern eines Informationsflusses ohne jede staatliche Reglementierung zusammengefunden, die man im allgemeinen Sprachgebrauch mit Begriffen aus der Kleinkriegführung belegt: Von Internet-Guerilleros ist die Rede, von Partisanen des Netzes, von Piraten usw.
Aber ist es wirklich sinnvoll, hier von Krieg zu sprechen, oder handelt es sich bloß um jene Metaphorik, die man in jüngster Zeit auch bei Währungskonflikten erleben konnte? In Zeiten lange währenden Friedens beginnt der Kriegsbegriff zu vagabundieren und Handlungen werden als Kriegsakte bezeichnet, die vor Kurzem noch als Inbegriff friedlichen Handelns angesehen wurden. Krieg, so Clausewitz, sei ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.
Ob man den Druck auf WikiLeaks, wie ihn vor allem die USA aufgebaut haben, und die Gegenattacken der WikiLeaks-Unterstützer als Krieg bezeichnen kann, hängt vom Begriff der Gewalt ab, den man der Definition zugrunde legt. Für Clausewitz hieß Krieg, Mauern zu zerschießen und menschliche Leiber zu zerfetzen, um den gegnerischen Willen zu brechen. In technologisch hochentwickelten Gesellschaften, so könnte man anschließen, hat die Körperlichkeit ihre einstige Bedeutung verloren und ist durch virtuelle Welten der Kommunikation und Systemsteuerung abgelöst worden.
Die gute Nachricht ist: Man muss keine menschlichen Leiber mehr zerfetzen, um seinen Willen auf nichtkonsensuelle Weise durchzusetzen. Die schlechte Nachricht lautet: Weil tendenziell Jeder und Jede dazu in der Lage ist, wird sich die Anzahl der Kriegsteilnehmer schlagartig erhöhen. Der Partisan muss nicht mehr in die Berge oder den Dschungel gehen, um am Krieg teilzunehmen, sondern kann das inzwischen von seinem Arbeitszimmer aus. Die Waffen seien das Wesen des Kämpfers, heißt es bei Hegel. Die neuen Waffen haben einen Typ von Kämpfer geschaffen, den man früher bestenfalls als Schreibtischtäter bezeichnet hätte.
Wer aber kämpft hier eigentlich gegen wen? Sind die Fronten erkennbar, entlang deren sich Freund und Feind unterscheiden lassen? Zur Zeit geht es um die Frage, ob die Staaten, und das heißt hier: das amerikanische Empire, oder die schwarmförmig organisierten Netz-Anarchos, also die Anhänger der Regellosigkeit des Netzes, das Sagen haben. Dieser Kampf wird geführt um die Frage, ob die USA mit WikiLeaks verbundene Dienstleister unter Druck setzen können. Oder ob diese sich diesem Druck beugen dürfen. Wer kann und darf Gegendruck ausüben? Und ist solcher Druck als Gewalt zu bezeichnen? Am Ausgang dieses Kampfes wird sich entscheiden, wer an den Cyberwars der Zukunft legitim teilnehmen kann.
Herfried Münkler, geboren 1951 in Friedberg, ist Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Er ist mit zahlreichen Studien zur politischen Ideengeschichte und zur Theorie des Krieges hervorgetreten. Nicht wenige davon sind mittlerweile Standardwerke, so etwa "Machiavelli" (1982) und "Gewalt und Ordnung" (1992). Herfried Münklers jüngste Bücher: "Der Wandel des Krieges", "Die Deutschen und ihre Mythen" und "Mitte und Maß".
Was nicht vorhergesehen wurde, war die Beteiligung nichtstaatlicher, quasi privater Akteure an dieser Art von Krieg. Aber wenn die Anhänger des Internetportals WikiLeaks zu dessen Unterstützung internetbasierte Unternehmen wie Amazon, Visa- oder Mastercard angreifen, weil diese auf massives Drängen der USA hin die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit WikiLeaks aufgekündigt und Spenden nicht weitergeleitet haben, so ist dies ein starkes Anzeichen dafür, dass auch hier die Staaten nicht länger die Monopolisten der Zwangsmaßnahmen sind.
Es haben sich regelrechte Schwärme von Unterstützern eines Informationsflusses ohne jede staatliche Reglementierung zusammengefunden, die man im allgemeinen Sprachgebrauch mit Begriffen aus der Kleinkriegführung belegt: Von Internet-Guerilleros ist die Rede, von Partisanen des Netzes, von Piraten usw.
Aber ist es wirklich sinnvoll, hier von Krieg zu sprechen, oder handelt es sich bloß um jene Metaphorik, die man in jüngster Zeit auch bei Währungskonflikten erleben konnte? In Zeiten lange währenden Friedens beginnt der Kriegsbegriff zu vagabundieren und Handlungen werden als Kriegsakte bezeichnet, die vor Kurzem noch als Inbegriff friedlichen Handelns angesehen wurden. Krieg, so Clausewitz, sei ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.
Ob man den Druck auf WikiLeaks, wie ihn vor allem die USA aufgebaut haben, und die Gegenattacken der WikiLeaks-Unterstützer als Krieg bezeichnen kann, hängt vom Begriff der Gewalt ab, den man der Definition zugrunde legt. Für Clausewitz hieß Krieg, Mauern zu zerschießen und menschliche Leiber zu zerfetzen, um den gegnerischen Willen zu brechen. In technologisch hochentwickelten Gesellschaften, so könnte man anschließen, hat die Körperlichkeit ihre einstige Bedeutung verloren und ist durch virtuelle Welten der Kommunikation und Systemsteuerung abgelöst worden.
Die gute Nachricht ist: Man muss keine menschlichen Leiber mehr zerfetzen, um seinen Willen auf nichtkonsensuelle Weise durchzusetzen. Die schlechte Nachricht lautet: Weil tendenziell Jeder und Jede dazu in der Lage ist, wird sich die Anzahl der Kriegsteilnehmer schlagartig erhöhen. Der Partisan muss nicht mehr in die Berge oder den Dschungel gehen, um am Krieg teilzunehmen, sondern kann das inzwischen von seinem Arbeitszimmer aus. Die Waffen seien das Wesen des Kämpfers, heißt es bei Hegel. Die neuen Waffen haben einen Typ von Kämpfer geschaffen, den man früher bestenfalls als Schreibtischtäter bezeichnet hätte.
Wer aber kämpft hier eigentlich gegen wen? Sind die Fronten erkennbar, entlang deren sich Freund und Feind unterscheiden lassen? Zur Zeit geht es um die Frage, ob die Staaten, und das heißt hier: das amerikanische Empire, oder die schwarmförmig organisierten Netz-Anarchos, also die Anhänger der Regellosigkeit des Netzes, das Sagen haben. Dieser Kampf wird geführt um die Frage, ob die USA mit WikiLeaks verbundene Dienstleister unter Druck setzen können. Oder ob diese sich diesem Druck beugen dürfen. Wer kann und darf Gegendruck ausüben? Und ist solcher Druck als Gewalt zu bezeichnen? Am Ausgang dieses Kampfes wird sich entscheiden, wer an den Cyberwars der Zukunft legitim teilnehmen kann.
Herfried Münkler, geboren 1951 in Friedberg, ist Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Er ist mit zahlreichen Studien zur politischen Ideengeschichte und zur Theorie des Krieges hervorgetreten. Nicht wenige davon sind mittlerweile Standardwerke, so etwa "Machiavelli" (1982) und "Gewalt und Ordnung" (1992). Herfried Münklers jüngste Bücher: "Der Wandel des Krieges", "Die Deutschen und ihre Mythen" und "Mitte und Maß".

Herfried Münkler© HU Berlin