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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 22.07.2013

Das Elend von Bhopal

Die weitreichenden Folgen des Chemieunfalls vor fast 30 Jahren

Von Margarethe Blümel

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Nach der Katastrophe: Eine Mutter tröstet ihr Kind in Bhopal, Indien (AP)
Nach der Katastrophe: Eine Mutter tröstet ihr Kind in Bhopal, Indien (AP)

In der indischen Millionenstadt Bhopal kam es 1984 zur schlimmsten Chemiekatastrophe der Geschichte - mit fast 20.000 Todesopfern. Mehr als eine halbe Million Menschen leiden bis heute an den Folgen des Giftgases, das damals aus einem Werk der Firma Union Carbide entwich.

An diesem Montagmorgen platzt die Wartehalle von Dr. Agrawals Privatklinik bereits um 8.30 Uhr aus allen Nähten.

Es gibt nur noch ein paar Stehplätze. Ein völlig erloschen in die Weite stierender Greis hat sich auf dem Boden ausgestreckt. Ein Stück weiter liegt eine ältere Frau mit geschlossenen Augen da. In unregelmäßigen Abständen hebt und senkt sich ihre Brust.

Um die 70 Patienten sitzen dicht an dicht auf den soliden Holzbänken zusammen. In traditionelle Hüfttücher gekleidete Männer schauen teilnahmslos vor sich hin. Beim genaueren Hinsehen fällt auf, dass die von Weitem drahtig wirkenden Patienten in Wahrheit abgemagert sind. Sie haben ausgezehrte Gesichter und erschreckend dünne Oberarme.

Immer mehr Menschen drängen von draußen herein und versuchen, bei den Sprechstundenhilfen einen Termin beim Krebsspezialisten Dr. Agrawal zu vereinbaren.

Anfang Dezember 1984, als in Bhopal aus den Tanks der US-Firma Union Carbide hochgiftiges Gas entwich, stand Shyam Agrawal kurz vor ihrem Staatsexamen:

"Von zwei Uhr in der Nacht bis elf Uhr morgens waren wir damals unablässig auf den Beinen. Überall starben Menschen und wir konnten nichts für sie tun. Die Sauerstoffbehälter waren leer. Wir hatten nicht einmal Augentropfen, sodass wir den Juckreiz und die Schwellungen der Augen nur mit klarem Wasser behandeln konnten. Niemand wusste, was geschehen war, keiner vermochte zu sagen, welche Therapie die richtige gewesen wäre."

Inzwischen ist Dr. Shyam Agrawal Bhopals führender Onkologe. In seiner Klinik operiert der Tumor-Facharzt unter anderem auch die krebskranken Überlebenden des Gasdesasters.

Die Armen bleiben auf der Strecke

Kostenlos und ohne bürokratischen Aufwand. In anderen Krankenhäusern Bhopals finden die Opfer der Katastrophe keine Hilfe. Selbst die hiesige Krebsklinik, die eigentlich für die Behandlung dieser Patienten vorgesehen ist, weist die fast immer finanzschwache Klientel von der Schwelle:

"Das hat damit zu tun, dass diese Klinik nicht nur Opfer des Giftgasunglücks behandeln muss. Man bevorzugt Patienten, die zahlungskräftig sind. Und die Armen, die kein Schmiergeld zahlen können, bleiben auf der Strecke."

Vor allem die Operationen sind kostspielig. Zu teuer für Menschen, die ihrer Erkrankung wegen nicht arbeiten können und die meist auch keine Familie mehr haben, die sie unterstützt, weil viele Verwandte beim damaligen Unglück 1984 umgekommen sind:

"Wir können sagen, dass in Bhopal seit dem Austritt des Giftgases wesentlich mehr Lungenkrebserkrankungen aufgetreten sind als je zuvor. Außerdem haben meine Kollegen und ich eine deutliche Zunahme an Gebärmutterkrebs, Karzinomen der Gallenblase und des Darms festgestellt. Alles in allem: Die Krebsrate ist hier vor Ort deutlich erhöht. Und besonders Männer leiden weitaus häufiger als früher an Lungenkarzinomen."

Fast drei Jahrzehnte sind seit dem Chemieunglück vergangen. Die Überlebenden sind von Anbeginn bis heute weitgehend auf sich allein gestellt. Nach langem Tauziehen hatte ihre Regierung seinerzeit mit den Verantwortlichen des Giftgasunglücks eine Vereinbarung ausgehandelt. Die Firma Union Carbide zahlte umgerechnet 330 Millionen Euro. Opfer, die beweisen konnten, dass ihre Erkrankung Folge der Katastrophe war, erhielten 400 Euro. Die einmalige Zahlung war schnell für die nötigsten Medikamente verbraucht. Der Deal hatte zur Folge, dass Union Carbide und die Verantwortlichen der Nachfolgerfirma, Dow Chemicals, fortan ihre Hände in Unschuld wuschen. Und bis heute keinen Anlass sehen, sich um die Folgeschädigungen zu kümmern.

Umweltaktivisten kritisieren Untätigkeit der Regierung

"Die Regierung und Union Carbide haben damals ein Arrangement getroffen. Aber diese Absprache ist nicht für die Ewigkeit! Die Angelegenheit ist übrigens hinreichend belegt. Es gibt nur einen Grund dafür, dass die Verantwortlichen noch nicht zur Rechenschaft gezogen worden sind: Diejenigen, die das Ganze arrangiert haben, sind gekauft und von den Verantwortlichen des Unternehmens beeinflusst worden."

Gopal Krishna ist Humanökologe und engagiert sich für die in Delhi ansässige Umweltschutzorganisation ToxicsWatch Alliance.

"Es ist so, als habe sich das Unglück von Bhopal gestern oder sogar gerade eben erst zugetragen. Bhopal ist allgegenwärtig und wird niemals einfach nur Geschichte sein."

Zum vierten Mal in diesem Jahr hat sich Gopal Krishna auf den Weg nach Bhopal gemacht - zur Bestandsaufnahme und um der Regierung im Anschluss die Nöte der Betroffenen vorzutragen:

"Unsere Regierung hat sich nicht dafür ins Zeug gelegt, den zurückgebliebenen Chemiemüll zu entsorgen. Sonst wäre dies längst geschehen, wenn auch mit Hilfe aus dem Ausland. So aber modern die giftigen Abfälle immer noch auf dem Fabrikgelände vor sich hin. Neuere Untersuchungen haben ans Licht gebracht, dass das gesamte Areal, inklusive des Grundwassers, verseucht ist. Ein solches Problem ist Neuland für uns und unsere Regierung ist dem Ganzen einfach nicht gewachsen."

Nicht weit vom Bahnhof, an dem Gopal Krishna zu seinem bis dato 28. Aufenthalt in Bhopal eingetroffen ist, befindet sich der Chingari Trust. In diesem Rehabilitationszentrum werden die Nachfolger der Gasopfer behandelt. Etwa 50 Kinder, die mit einem sogenannten "Wasserkopf" geboren worden sind, unter spastischen Behinderungen leiden oder immer wieder von epileptischen Anfällen heimgesucht werden.

Auf dem Flur ein vielleicht zehnjähriger Junge auf streichholzdünnen Beinchen. Sein Kopf steht in keinem Verhältnis zum Rest des Körpers. Monströs pendelt er über dem viel zu schmalen Hals umher, als besäße er ein Eigenleben. Der Sozialarbeiter Abdul Rahman winkt den Kleinen zu sich heran:

"Shambavu - komm' doch mal bitte näher!

Also, das ist Shambavu. Bis vor einiger Zeit konnte er nicht einmal allein aufstehen. Erst haben wir ihn sprechen gelehrt, dann hat der Krankengymnast ihn behandelt. Nun kann er bequem sitzen, stehen und sich fortbewegen. Er gibt anderen sogar die Hand und ist dabei, sich zu sozialisieren!"

Der Sozialarbeiter schaut Shambavu nach, der gerade etwas ungelenk, aber zielstrebig und erstaunlich flink zu den anderen Kindern zurückkehrt.

Behinderungen als Folgeschäden des Chemieunfalls

Vor seiner Tätigkeit beim Chingari Trust hat Abdul Rahman an einer Studie zu den Folgeschäden des Unglücks mitgearbeitet:

"Viele der Behinderungen, die wir hier sehen, haben mit den Chemikalien zu tun, die seit dem Unglück ins Grundwasser gesickert sind. Die Kinder und Jugendlichen hier bei uns tragen deutlich schwer an den Folgen dieser Kontamination.

Fast alle Familien aus der Umgebung haben ein oder zwei behinderte Kinder. Mal liegt das daran, dass die Eltern damals das Gas eingeatmet haben. Dann wieder ist es auf den Konsum des kontaminierten Trinkwassers zurückzuführen. Langfristig stellen sich dann oft Fruchtschädigungen ein."

Vom Flur des Chingari Trust geht ein lang gezogener, ziemlich düsterer Raum ab. Trotz des fehlenden Tageslichts wird die kleine Halle durch den Enthusiasmus und die Lebensfreude der Anwesenden erhellt. Die Kinder hängen an den Lippen des Therapeuten, der gerade den letzten Teil des Tagesprogramms einleitet – Muskelaufbau und spielerische Entwicklung der Ressourcen.

Einige wiegen ihren Oberkörper in Vorfreude hin und her. Andere werfen lachend den Kopf zurück. Ein Junge kompensiert das, was die Natur ihm schuldig geblieben ist, durch Ersatzhandlungen. Da er nicht sprechen kann, feuert er den Therapeuten stumm, aber unermüdlich, durch den Einsatz von Lippen und Zunge an. Und weil sein Kopf zu groß und viel zu schwer für den mageren Körper ist, stützt er ihn mit den Händen ab, um ihn dann im Rhythmus des Sprechgesangs nach rechts und links zu manövrieren.

Der Chingari Trust müsste eigentlich wenigstens 20-mal so viele Kinder betreuen wie bisher. Doch wie alle Institutionen, die den Bhopal-Opfern helfen, ist die Einrichtung auf Spenden angewiesen. Es sei sehr traurig, sagt Abdul Rahman, immer wieder Eltern und ihre behinderten Kinder abweisen zu müssen. In ganz Bhopal gebe es nur diese eine Organisation, die sich auf Kinder konzentriere:

"Sie können alle, die hierherkommen, danach fragen, wie viel besser es ihnen inzwischen geht! Und genau deshalb sind wir hier. Damit die Kinder auf eigenen Füßen stehen können!"

Nachmittags werden die Kleinen mit dem Bus in ihren Slum zurückgebracht. Das Elendsviertel befindet sich in Sichtweite des stillgelegten Fabrikgebäudes. Viele derer, die damals bei dem Unglück umgekommen sind, haben hier, in unmittelbarer Nähe des Firmengeländes, gelebt. Heute ist das Areal abgezäunt, aber an vielen Stellen ist der Zaun schadhaft. Eisenteile, die Behälter für die Chemikalien und Reagenzgläser haben ihren Weg aus der Fabrik ins Innere der Hütten gefunden. Kinder klettern über die Maschinen und alte Frauen lassen ihre Kühe auf dem Gelände grasen.

Der Slum besteht aus einer Vielzahl von Hütten, Blechverschlägen und aneinandergereihten Flachbauten aus Stein. Zwei kleine Mädchen spielen im Müll. In einem von Ratten angenagten Koran blättert der Wind.

Slumbewohner trinken hochgiftiges Grundwasser

Binnen Kurzem hat sich eine Menschenmenge angesammelt. Kinder und Jugendliche, die von ihrem behelfsmäßigen Bolzplatz gleich vor der Fabrik herbeigeeilt sind. Frauen aus den Hütten nahebei. Männer, die sich den Mittagsschlaf aus den Augen gerieben haben, um in vorderster Front Rede und Antwort zu stehen.

Nachdem Umweltaktivisten wie Gopal Krishna über viele Jahre hinweg darauf gedrungen hatten, die Bewohner des Slums mit sauberem Trinkwasser zu versorgen, schickt die Regierung immer einmal wieder Tankwagen mit Wasser in den Slum. Die Menge dieses einigermaßen gesunden Trinkwassers reicht aber bei Weitem nicht aus, um den Bedarf der Menschen zu decken. Daher konsumieren die Bewohner des Elendsviertels weiterhin das vom hochgiftigen Methylisocyanat durchdrungene Grundwasser. Warum ziehen sie nicht einfach weg?

Eine junge Mutter, die ihr Baby auf dem Arm trägt, möchte nicht ins Mikrofon sprechen. Das sei nicht so einfach, flüstert sie - die Kasten zum Beispiel ... Auch in den Slums, wo man Tür an Tür lebe, sei es wichtig, dass man zueinanderpasse.

Ein älterer Mann im grauen Hüfttuch schiebt die Frau beiseite:

"Das Gas hat uns krankgemacht. Wie sollten wir jetzt von hier wegziehen? Wir müssten irgendwo anders ein Stück Land kaufen und unsere Hütten darauf bauen. Mit welchem Geld? Weil wir krank sind, können wir nichts verdienen. Deshalb wird sich auch nichts ändern."

Die Bewohner des Slums, der an das stillgelegte Fabrikgelände grenzt, mussten sich schon viele Versprechungen anhören, die am Ende dann nicht eingehalten wurden. Mal sollten im gesamten Slumgebiet Leitungen für einwandfreies Trinkwasser verlegt werden, dann war beabsichtigt, den verseuchten Boden des Fabrikgeländes abzutragen. Schließlich wurde von der Umsiedlung in einen anderen, völlig neuen Slum gesprochen. Erst dann kamen die Tankwagen, die alle Einwohner des Viertels angeblich regelmäßig mit unbegrenzten Mengen trinkbaren Wassers versorgen sollten.

Und nicht zuletzt tauchen immer wieder Journalisten im Slum auf, die schwören, dass sich nach ihrer Sendung, nach dem von ihnen verfassten Zeitungsbericht, maßgeblich etwas ändern werde.

"Gehen Sie und sagen Sie denen in Delhi, dass wir keine Luft bekommen, weil unsere Lungen kaputt sind. Niemand will mit uns zu tun haben. Im Krankenhaus wollen sie uns nicht anfassen, geschweige denn, uns untersuchen. Sie schauen uns nicht einmal an, wenn wir sie etwas fragen. Und dann geben sie uns irgendeine Medizin, die überhaupt nicht hilft."

Rajiv hat in dieser Hinsicht andere Erfahrungen gemacht. Er stammt ebenfalls aus dem Slum in der Nähe der stillgelegten Fabrik. Der zwölfjährige Junge fühlt sich, wie er sagt, hier in der Sambhavna Klinik sehr wohl. Weil er in dem von einer Nichtregierungsorganisation betriebenen Hospital viele Freunde hat und niemand ihn ausschimpft, wenn er nicht immer gleich versteht, was man ihm erzählt.

Rajiv ist lernbehindert. Zusätzlich hat er von Geburt an eine Hauterkrankung, infolge derer Gesicht und Hände aussehen wie geschält. Seine Haut changiert zwischen kalkweiß und hochrot. Anfangs fällt es schwer, ihm ins Gesicht zu schauen. Rajiv kennt das schon. Seine Freunde von der Sambhavna Klinik sind über dieses Stadium längst hinaus. Außerdem haben sie eigene Probleme. Die Kinder und Jugendlichen sind Epileptiker, geistig zurückgeblieben, spastisch gelähmt oder manchmal so verkrüppelt, dass sie ihr Leben nur liegend verbringen können.

Angststörungen, Lebererkrankungen, Krebs

Die Erwachsenen sind von Angststörungen und Depressionen betroffen, sie haben Lebererkrankungen oder Krebs, sind körperbehindert oder sie leiden unter Atembeschwerden.

Wie diese 58-Jährige, die mit vor Angst geweiteten Augen auf der Couch liegt. Sie keucht und schluckt in einem fort. Fahrig lässt sie ihre Hände auf- und niedertanzen. Sie bekomme kaum noch Luft, erklärt sie dem Arzt. Ihr Herz jage wie verrückt und sie habe Angst, hier und jetzt sterben zu müssen.

Da Teile ihres Lungengewebes zerstört sind, ist die Patientin Stammgast in dem kleinen Krankenhaus. Ihre Erkrankung ist ebenso rätselhaft wie viele andere Krankheiten, die seit der Bhopal-Katastrophe ihr hässliches Haupt erhoben haben.

Der Internist der Sambhavna Klinik redet der Frau begütigend zu. Dann bekommt sie ein Medikament, das ihre Bronchien erweitert und einen Coupon für eine Serie von Yoga-Stunden.

Yoga gehört zum therapeutischen Konzept des Hospitals, ebenso wie die Verabreichung traditioneller Ayurveda - Medikamente, westlicher Medizin und Massagen.

Ohne Menschen wie Dr. Agrawal, ohne Institutionen wie den Chingari Trust und die Sambhavna Klinik stünden die Opfer des Giftgasunglücks völlig allein da, sagt der Umweltaktivist Gopal Krishna.

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