Das Dorf aus der Vergangenheit
In seinem autobiografischen Roman "Heimatland. Kindheit" erinnert sich der Schriftsteller Edvard Hoem an seine Jugendzeit auf dem Land. Statt das Erbe seines Vaters anzutreten und sich um Hof und Ernte zu kümmern, möchte der junge Edvard nur eines: schreiben.
Als der 14-jährige Edvard Hoem 1963 in Molde ankommt, beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt. Fern von Kümiland wird er das Gymnasium besuchen. Dieser Neuanfang ist zugleich das Ende des Romans "Heimatland. Kindheit" von Edvard Hoem, der von dem Jungen namens Edvard Hoem handelt, der, angekommen in der Stadt an der norwegischen Westküste, immer wieder nur seinen Namen aufschreibt. Er hat das Gefühl, schreiben zu müssen, glaubt aber, nichts erlebt zu haben, was aufzuschreiben sich lohnen würde. Scheinbar ist der Name alles, was Edvard aus Kümiland mitgenommen hat, "und dieses Dorf, das hatte er beschlossen, würde er vergessen." Es bleibt nur der Name.
Doch jener zunächst für unwichtig erachtete Ort wird in dem autobiografischen Roman "Heimatland. Kindheit" (1985 in Norwegen erschienen) des 1949 geborenen Autors zentral. Da aber das Dorf, in dem er in den 50er-Jahren aufwuchs, in der Vergangenheit versunken ist, muss er sich schreibend in eine im Dunkeln liegende Erinnerungslandschaft vorarbeiten.
Edvard wächst in den 50er-Jahren auf einem Hof auf, der noch nicht ans Stromnetz angeschlossen ist, und für die Feldarbeit spannt der Großvater immer noch das Zugpferd ein. In dieser Gegend beginnt das 20. Jahrhundert Jahrzehnte später. Von der "neuen Zeit" spricht man, als in den Häusern statt der Petroleum- Glühlampen leuchten und einige Bauern bereits einen Traktor im Stall zu stehen haben. Edvard, der sich stets mehr für Bücher als für die Feldarbeit interessiert hat, belastet, dass man in ihm den Hoferben sieht. Aber als er endlich Mut fasst, sich seinem Vater und dem Großvater zu erklären, scheinen die längst gewusst zu haben, dass er sich anders orientieren wird.
Dem Autor Edvard Hoem, der sich weniger für das Neue und vielmehr für die Welt interessiert, die mit dem Beginn des Fortschritts droht vergessen zu werden, ist ein leiser, sehr eindringlicher Roman über Herkunft gelungen. Edvard hat aus Kümiland neben seinem Namen auch ein Bild der Landschaft mitgenommen. Dass der Name mit seiner Herkunft verbunden ist, wird ihm aber erst bewusst, als er Jahre später beginnt, sich schreibend zu erinnern.
Edvard Hoem tritt mit dieser Erinnerungsarbeit nachträglich das einst ausgeschlagene Erbe an. Den kostbaren Besitz, den er nun zu schätzen weiß, behält der Autor aber nicht für sich, sondern mit seinen Erinnerungen ruft er ein Stück Geschichte auf, die er weitergibt. Aufgehoben hat Hoem Erinnerungsbilder, die geräumig genug sind, um darin auch Momente zu entdecken, die sich auf andere Länder und Landschaften übertragen lassen. Edvard Hoem sorgt nach "Die Geschichte von Mutter und Vater", dem Roman, der in Norwegen ein Bestseller war und 2007 in Deutschland erschien, mit dem nun vorgelegten Buch erneut für Aufmerksamkeit.
Besprochen von Michael Opitz
Edvard Hoem: Heimatland. Kindheit
Aus dem Norwegischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Ebba D. Drolshagen.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009
214 Seiten, 19,90 Euro
Doch jener zunächst für unwichtig erachtete Ort wird in dem autobiografischen Roman "Heimatland. Kindheit" (1985 in Norwegen erschienen) des 1949 geborenen Autors zentral. Da aber das Dorf, in dem er in den 50er-Jahren aufwuchs, in der Vergangenheit versunken ist, muss er sich schreibend in eine im Dunkeln liegende Erinnerungslandschaft vorarbeiten.
Edvard wächst in den 50er-Jahren auf einem Hof auf, der noch nicht ans Stromnetz angeschlossen ist, und für die Feldarbeit spannt der Großvater immer noch das Zugpferd ein. In dieser Gegend beginnt das 20. Jahrhundert Jahrzehnte später. Von der "neuen Zeit" spricht man, als in den Häusern statt der Petroleum- Glühlampen leuchten und einige Bauern bereits einen Traktor im Stall zu stehen haben. Edvard, der sich stets mehr für Bücher als für die Feldarbeit interessiert hat, belastet, dass man in ihm den Hoferben sieht. Aber als er endlich Mut fasst, sich seinem Vater und dem Großvater zu erklären, scheinen die längst gewusst zu haben, dass er sich anders orientieren wird.
Dem Autor Edvard Hoem, der sich weniger für das Neue und vielmehr für die Welt interessiert, die mit dem Beginn des Fortschritts droht vergessen zu werden, ist ein leiser, sehr eindringlicher Roman über Herkunft gelungen. Edvard hat aus Kümiland neben seinem Namen auch ein Bild der Landschaft mitgenommen. Dass der Name mit seiner Herkunft verbunden ist, wird ihm aber erst bewusst, als er Jahre später beginnt, sich schreibend zu erinnern.
Edvard Hoem tritt mit dieser Erinnerungsarbeit nachträglich das einst ausgeschlagene Erbe an. Den kostbaren Besitz, den er nun zu schätzen weiß, behält der Autor aber nicht für sich, sondern mit seinen Erinnerungen ruft er ein Stück Geschichte auf, die er weitergibt. Aufgehoben hat Hoem Erinnerungsbilder, die geräumig genug sind, um darin auch Momente zu entdecken, die sich auf andere Länder und Landschaften übertragen lassen. Edvard Hoem sorgt nach "Die Geschichte von Mutter und Vater", dem Roman, der in Norwegen ein Bestseller war und 2007 in Deutschland erschien, mit dem nun vorgelegten Buch erneut für Aufmerksamkeit.
Besprochen von Michael Opitz
Edvard Hoem: Heimatland. Kindheit
Aus dem Norwegischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Ebba D. Drolshagen.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009
214 Seiten, 19,90 Euro
