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Profil / Archiv | Beitrag vom 23.02.2010

Das dokumentarische Glück

Porträt des Filmemachers Jörg Adolph

Von Marcus Weber

Der Dokumentarfilmer Jörg Adolph bei Dreharbeiten in Duncan Beach. (Anja Pohl)
Der Dokumentarfilmer Jörg Adolph bei Dreharbeiten in Duncan Beach. (Anja Pohl)

Das Genre Dokumentarfilm ist nicht nur ein journalistisches Genre – es ist eine Kunst. Das zeigt der Münchner Filmemacher Jörg Adolph immer wieder. Seine Dokumentationen leben vom geduldigen, leisen Hinschauen. Jörg Adolph macht "Urlaub im Leben anderer Leute", schrieb Ulrich Stock in der Wochenzeitung "Die Zeit".

Jörg Adolph: "Es ist ja im Dokumentarfilm schon drin, dass ich Dinge nicht kontrollieren kann. Allein durch die Aufnahme. Man denkt, ich film jetzt die Telefonzelle da draußen, aber ich filme auch noch die Blätter, die umherschwirren, und die Vespa, die danebensteht. Ich hab die Sachen nicht in der Hand. Ich kann mich ihnen ausliefern, und ich kann versuchen, sie zu formen. Aber ich mag ja grade das Ausgeliefertsein, weil es einen davor beschützt, sich zu wichtig zu nehmen, oder zu sicher zu sein in dem, was man so meint und tut."

Die Kamera zeigt ein kleines Schiff auf See; es zieht ein Ruderboot hinter sich her. Tanker fahren vorbei. Am Horizont ist Land zu erkennen. Dann Schnitt auf das Wasser – auf die Hände eines Schwimmers, die sich abwechselnd ins Bild schieben.

Film "Kanalschwimmer":
Frau: "Joshi, how do you feel? How do you feel?"
Joshi: "I am alright."
Frau: "You're not making any progress."
Joshi: "He?"
Frau: "You're not moving forward."
Joshi: "I don't understand."
Frau: "You got to swim. You got to swim faster!"

Es ist ein Film über ein paar "Verrückte", die versuchen, von Dover nach Calais zu schwimmen. Der Titel: "Kanalschwimmer". Buch und Regie: Jörg Adolph.

"Auf einem Schiff auf dem Ärmelkanal wirklich mitzuschwimmen, Stunde um Stunde, immer diese gleiche Bewegung. Es ist einfach wahnsinnig spannend gewesen. Es waren so intensive Momente, wo man so kämpft ums Ankommen – und es eigentlich um nichts richtig geht, also außer um diesen Traum, den man sich erfüllen will. Ich könnte da nie müde werden, da zuzugucken."

Der 42-jährige Dokumentarfilmer mag diese spröden, abseitigen Themen. Er hat den Schriftsteller John von Düffel beim Schreiben des Romans "Houwelandt" begleitet. Und er hat die Band "The Notwist" beobachtet, als sie im Studio an ihrem Album "Neongolden" bastelte.

Film "On/Off The Records":
Micha: "Na ich mein, das mit der Luft und so, das find ich eigentlich ziemlich gut, wenn man so Luft hört. Und also, wenn sich das so mischt mit den Flöten."
Olaf: "Ich find's ohne Trompete besser. Es bleibt viel ruhiger. Das ist zuviel Luft."

Jörg Adolph: "Wo die Studioarbeiten waren von Notwist, bin ich wirklich wie ein Schüler immer wieder ins Atelier geschlichen und habe angeguckt, wie künstlerische Arbeit funktionieren könnte, wenn man es richtig ernst nimmt. Also dieses Immer-noch-mal-einen-Anlauf-Nehmen, alles immer wieder infrage stellen – also das ist so eine Richtschnur auch für mein eigenes Arbeiten geworden. Dass ich dachte: Diese Art von Genauigkeit müsste ich auch aufbringen, und mich nicht zu schnell zufriedenzugeben."

Es gibt in Jörg Adolphs Filmen keinen Kommentar-Sprecher und keine Interviews. Was er macht, ist nichts weiter als Menschen zu beobachten, die leidenschaftlich und voller Sehnsucht ein Ziel verfolgen – monatelang, manchmal über Jahre.

"Es spiegelt das, womit ich mich am wohlsten fühle: Dabei sein, einfach Teil dessen werden als Beobachter. Den Druck rausnehmen. Das Filmen wird selbst zum Alltag, es ist keine Sondersituation mehr – Oh, jetzt muss ich drehen gehen! - oder so. Sondern: Ich dreh jetzt schon ein Jahr an dem Film. Ich dreh immer mal wieder. Manchmal gelingt mir was, manchmal gelingt mir nichts."

Der Eindruck, den Jörg Adolph hinterlässt, ist der von Entspanntheit. Er trägt Brille, 3-Tage-Bart und kurze, braune Haare. Aufgewachsen ist er in einer Kleinstadt – im hessischen Korbach.

"Das Beste an Korbach war für mich der Jugendvideoclub. Weil: Da konnte man immer hingehen und hatte immer 'ne Kamera, wenn man sie wollte. Und so was prägt ja ungemein, wenn man so als 14-Jähriger was filmt mit seinen Freunden und das dann anschließend anderen Leuten zeigt, ne."

Mit 14 also dreht Jörg Adolph mit seinen Freunden Rambo-Parodien. Und später übersteht er seine Bundeswehrzeit nur, in dem er die Kamera wie eine Waffe vor sich hält und – wie er sagt – "diesen Stumpfsinn filmt".

1988 beginnt Adolph ein Studium der Germanistik und Medienwissenschaft in Marburg, danach studiert er in München Dokumentarfilm. Sein Abschlussfilm ist ein Portrait über zwei junge Tischtennisspieler und ihren Sport.

"Das liegt natürlich daran, dass ich selbst nie Tischtennisprofi geworden bin, aber es immer werden wollte. Also das, was ich nie geschafft hätte – in der Nationalmannschaft mit zu trainieren – war mir in gewisser Weise möglich, weil: Ich durfte jetzt überall dabei sein. Ich durfte mit zur Weltmeisterschaft fahren, durfte in den Umkleidekabinen mit hocken. Und hab meinen Jugendtraum damit möglich gemacht. Und die Kamera war die Eintrittskarte."

Für seine Dokumentation "Klein, schnell und außer Kontrolle" bekommt Jörg Adolph 2001 den Deutschen Fernsehpreis. Seitdem hat er, neben verschiedenen Fernsehjobs und seiner Arbeit als Lehrbeauftragter, sieben weitere Dokumentarfilme gedreht. Sie alle entstehen in Zusammenarbeit mit der Cutterin Anja Pohl, mit der der Filmemacher in einem Münchner Vorort lebt.

"Ich kann mir eigentlich gar nicht vorstellen, mit jemand anderem zu arbeiten. Also Anja ist wirklich das Herz der Filme. Anja schneidet viel Spielfilm und ist da aber auch offen genug, mit so dokumentarischem Material in großer Menge umzugehen. Wo sie im Schnitt einfach den Film macht, in dem Material auch findet."

Zuletzt hat Jörg Adolph zwei Münchner Architekten begleitet, die an der englischen Ostküste – mitten im Meer – die Skulptur einer versunkenen Kirche nachbauen wollten. Fünf Jahre drehte der Dokumentarfilmer, ohne das passende Ende für seine Geschichte zu finden. Bis es sich plötzlich von selbst ergab.

"Und das ist das dokumentarische Glück – und etwas, das sich immer wieder einstellt, wenn man so lange dreht. In der letzten Minute wird das gesagt, was ich mir selbst nicht hätte vorstellen können."

Service:
Am 26. Februar wird Jörg Adolphs neuer Film "Lost Town" um 20 Uhr in der Münchner Kirche St. Markus gezeigt. Dann erscheint auch die DVD zum Film. Wie alle anderen Filme Jörg Adolphs ist sie auf DVD beim Label Doc-Collection erhältlich.

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