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Mittwoch, 28.10.2020
 
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Interpretationen | Beitrag vom 18.10.2020

Das Cellokonzert von Paul HindemithZwischen Wahnsinn und Anpassung

Gast: Harald Eggebrecht, Musikpublizist; Moderation: Ruth Jarre

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Mit Streichinstrumenten kannte er sich aus: Der Komponist, Bratschist und Dirigent Paul Hindemith (imago / Photo 12)
Mit Streichinstrumenten kannte er sich aus: Der Komponist, Bratschist und Dirigent Paul Hindemith (imago / Photo 12)

Es ist ein europäisch-amerikanisches Werk, ungewöhnlich farbenreich, wechselnd zwischen lyrischen und martialischen Passagen. Paul Hindemiths Cellokonzert von 1940 ist ein Zeitdokument, dessen Musik noch heute fasziniert.

Diverse Märsche hat Paul Hindemith in diesem Konzert versammelt. Wer hier immer wieder Kriegslärm hört, der liegt nicht falsch, denn die historischen Umstände sind dem Stück durchaus anzuhören. Von John Cage, der die Uraufführung als Musikkritiker erlebt hat, ist das Bild vom Einzelnen, der sich gegen die Massen stellt, überliefert. Auch das ist deutlich zu hören: das Cello, der Solopart, behauptet sich als Individuum, während das Orchester sich von den Marschrhythmen mitreißen lässt.

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Hindemiths Cellokonzert ist ein außergewöhnlich farben- und abwechslungsreiches Werk, lyrische Passagen folgen martialischen Abschnitten. Und es ist ein europäisch-amerikanisches Konzert, mit dem Hindemith an den großen Erfolg des Violinkonzerts von 1939 anknüpfen wollte.

Von Berlin nach Boston

In Berlin hatte Hindemith eng mit Emanuel Feuermann zusammengearbeitet, der bereits seit dem Ende der 1930er Jahre im US-amerikanischen Exil in New York lebte. Doch die Uraufführung spielte nicht Feuermann, sondern Gregor Piatigorsky, einst Solocellist der Berliner Philharmoniker und ebenfalls mit Hindemith bekannt. Er brachte das Boston Symphony Orchestra und den Dirigenten Sergej Kussewitzky mit ins Rennen – in dieser Konstellation fand 1941 die Uraufführung statt.

Meister lakonischer Cello-Coolness: Der große Virtuose János Starker (imago / Michel Neumeister)Meister lakonischer Cello-Coolness: Der große Virtuose János Starker (imago / Michel Neumeister)

Bis zum Tode des Komponisten 1963 wurde dieses Cellokonzert regelmäßig gespielt; Cellisten wie Paul Tortelier, János Starker und Enrico Mainardi nahmen es mehrfach für Schallplatten auf, auch der Brasilianer Aldo Parisot hatte es im Repertoire, Mstislav Rostropowitsch spielte es 1967 sogar in der Carnegie Hall. Doch dann entstand eine fast 30-jährige Rezeptionslücke.

Erst seit Mitte der 1990er Jahre wird Hindemiths Cellokonzert wieder gespielt und seit einem guten Jahrzehnt auch von der jüngeren Generation berücksichtigt: Johannes Moser und Christian Poltéra haben CDs vorgelegt, Marie-Elisabeth Hecker und Alisa Weilerstein spielen das Werk im Konzert. Doch fest verankert im Musikleben ist das Werk – unverständlicherweise – noch immer nicht.

Transatlantische Traditionen

Unser Studiogast Harald Eggebrecht wandert mit Ruth Jarre durch die Rezeptionsgeschichte von Hindemiths Cellokonzert, ausgehend von der ältesten Aufnahme, die 1943 mit Gregor Piatigorsky und dem Komponisten selbst am Pult des CBS Symphony Orchestra entstand. Es folgen Einspielungen von János Starker und dem Chicago Symphony Orchestra unter Fritz Reiner, Paul Tortelier und der Tschechischen Philharmonie unter Karel Ančerl bis hin zu Johannes Moser und der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern unter Christoph Poppen. Vertreten ist auch Christian Poltéra, der Hindemiths Cellokonzert mit dem Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo unter Frank Shipway spielt – ein transatlantisches Werk in neuer Beleuchtung.

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