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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 06.03.2018

Das Bauunternehmen Heitkamp & HülscherKommunismus im Münsterland?

Von Marco Poltronieri

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Mitarbeiter des Bauunternehmens Heitkamp & Hülscher stehen vor einem Bagger. Sie sind an dem Unternehmen beteiligt. (Marco Poltronieri)
Die Mitarbeiter des Bauunternehmens Heitkamp & Hülscher sind an der Firma beteiligt. (Marco Poltronieri)

Weil seine Mitarbeiter ihm auch während einer Durststreck die Treue hielten, beteiligte Firmenchef Erwin Hülscher sie am Firmenvermögen. Was an kommunistische Volkswirtschaft erinnert, ist zu einem Erfolgskonzept für die Firma geworden.

Ein Kollege schmeißt die Asphaltwalze an, aber dafür hat Werkstattleiter Frank Schlamann jetzt keine Zeit. Er beugt sich über ein Gerät am Boden, das gerade grundüberholt wird.

"Das is ne Absenkpumpe! Wenn wir in größeren Tiefen sind, hat man mit Grundwasser zu kämpfen, und im Grundwasser kann man keine Rohre verlegen."

Für solche Arbeiten in der Werkstatthalle ist jetzt Zeit, denn die Arbeit draußen ruht, mehr oder weniger. Der Boden ist noch zu gefroren, als dass das Straßen- und Tiefbau-Unternehmen "Heitkamp & Hülscher" größere Projekte durchführen könnte. Doch Straßenbau-Leiter Jörg Hülscher hat schon das Frühjahr im Blick.

"Die Auftragslage ist sehr gut, und auch die Anfragen, die derzeit vorliegen, sind sehr interessant. Und, ja, im Moment ist es fast möglich, sich Aufträge auszusuchen, weil einfach so viele Anfragen vorliegen."

Beteiligung als Belohnung

Heitkamp & Hülscher beackert drei Geschäftsfelder: Kanal- und Tiefbau, Straßen- und Asphaltbau. Mit ungefähr 100 Mitarbeitern, geschätzter Jahresumsatz: 20 Millionen Euro. Ein gesundes, mittelständisches Unternehmen. Vor 20 Jahren sah das anders aus, erinnert sich Prokurist Robert Ostendorf:

"In der Zeit lief es nicht besonders gut, und viele Mitarbeiter haben dann in dieser Durststrecke dem Unternehmen die Treue gehalten. Und aus der Erfahrung heraus, hat Herr Hülscher 2005/2006 beschlossen: Ich muss was für meine Mitarbeiter tun und diese Mitarbeiter ans Unternehmen binden. Und da kam ihm der Gedanke einer Teambildung, einer Mitarbeiterbeteiligung, dass alle auch ein Stück weit als Dankeschön für die Treue ne Leistung zurückbekommen. Und so entstand der Gedanke, jeden als Mitunternehmer am Unternehmen sich zu beteiligen."

Jörg Hülscher und Prokurist Robert Ostendorf (Marco Poltronieri)Jörg Hülscher und Prokurist Robert Ostendorf (Marco Poltronieri)

Firmenchef Erwin Hülscher gründete 2006 ein Tochterunternehmen, das "H&H-Team". In ihm sind alle Mitarbeiter der Firma vereint. Das Tochterunternehmen besitzt das komplette maschinelle Anlagevermögen, den gesamte Fuhrpark, der dann an das Mutterunternehmen vermietet wird. Am Tochterunternehmen sind die Beschäftigten zu 50 Prozent beteiligt. Für Prokurist Ostendorf zunächst ein ungewohntes Modell:

"Als ich vor zwei Jahren hier angekommen bin und die Konstruktion vorgestellt wurde, hatte ich den Eindruck, wir sind hier in einem sozialistischen Staat angelangt. Das heißt, allen gehört alles und jeder ist Teil des Gesamten. Und da hab ich gesagt, ist das hier schon moderner Kommunismus?"

Rendite von bis zu 80 Prozent

Das mag übertrieben klingen, trifft aber den Kern. Zwar verbleiben die strategischen Entscheidungen bei der Unternehmungsführung, die Mitarbeiter aber können sich mit 2500 oder 5000 Euro in die Tochterfirma einkaufen. Die jährliche Rendite beträgt 70 bis 80 Prozent - nicht gerade wenig.

"Die Hälfte des Gewinns dieser H&H-Team fließt direkt dem Mitarbeiter zugute, den bekommt er ausgezahlt, und die andere Hälfte wird für ihn als Altersvorsorge wieder in der Firma, gibt ihm die Firma zurück, und von diesem Geld werden wieder neue Geräte angeschafft."

Die Mitarbeiterbeteiligung lohnt sich auch für das Unternehmen, sagt Straßenbau-Leiter Jörg Hülscher:

"Die Motivation der Mitarbeiter steigt, die Bindung der Mitarbeiter ans Unternehmen ist enorm gewachsen, und auch die Laufzeiten der Maschinen vergrößern sich, die Reparaturkosten sind rückläufig."

Und zwar um 20 Prozent, bestätigt Werkstattleiter Frank Schlamann. Die Mitarbeiter fühlten sich stärker verantwortlich, für "ihre" Maschinen. Der 47-Jährige zögerte jedenfalls keine Sekunde, in das neue Mitarbeitermodell einzutreten. Den größten Vorteil sieht er für sich unter anderem bei der Altersvorsorge.

"Ich war gleich sofort überzeugt. Wer nicht mitmacht, hat selber Schuld."

Auch Paul Vogeshaus ist überzeugt. Er hat sich vom Vorarbeiter innerhalb der Firma hochgearbeitet, macht gerade seinen Bauingenieur. Er schätzt die Transparenz: Jeder Mitarbeiter kennt die Unternehmenszahlen, wenn er denn will, sagt er. Und dass jeder den anderen bei seiner Tätigkeit online bewerten kann – der Polier den Baggerfahrer, der Baustellenleiter den Werkstatt-Mitarbeiter, zum Beispiel mit Smileys, wenn‘s gut läuft – findet er auch gut. Man kommt miteinander aus.

Modell für andere Unternehmen

"Es gibt durchaus Mitarbeiter, die der Gewerkschaft angehören, aber das ist hier im Haus kein Problem. Und auch wenn man die Mitarbeitergespräche jedes Jahr hat, das ist ne völlig entspannte Atmosphäre, das ist total gut!"

Offenbar so gut, dass Unternehmenschef Erwin Hülscher seine Mitarbeiterbeteiligung nun selbst zum Geschäft gemacht hat. Sein Gesellschaftermodell hat er bereits an fünf andere Firmen verkauft. Klagen gab es noch keine, berichtet Jörg Hülscher stolz:

"Die Verträge sind explizit für dieses Firmenkonstrukt entworfen worden, und die kann man im Prinzip eins zu eins auf andere Firmen übertragen, und die sind auch soweit fein abgestimmt, dass da erst mal keine Lücken bekannt sind oder irgendwelche Dinge, die nicht passen sollten."

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