Das Auslaufmodell

Von Michael Groth |
Manchmal treffen Agenturschlagzeilen den Kern. "Vom Hoffnungsträger zum Auslaufmodell" titelte DPA eine Meldung zum angekündigten Abschied von Friedrich Merz aus der Politik. Besser kann man es nicht ausdrücken.
Wir erinnern uns. 2000, die CDU drohte im Schlamm des Kohl`schen Spendenskandals zu versinken, und mit ihr der damalige Partei- und Fraktionsvorsitzende Schäuble. Der Retter kam aus dem Hochsauerland. Mit geschliffener Rhetorik erinnerte der neue Fraktionsvorsitzende Merz Öffentlichkeit wie politische Gegner daran, dass die CDU nicht auch ihren Sachverstand in Koffern ins Ausland exportiert hatte.

Geholfen hat es ihm nicht. 2002 eine abermals verlorene Bundestagswahl, dann der Wille der Parteivorsitzenden, auch die Führung der Fraktion zu übernehmen. Diese Demütigung hat Merz der Kanzlerin bis heute nicht verziehen.

Merz zählt zu den so genannten "Wertkonservativen" in der Union. Er gehört zu denjenigen, die im Bundestag das freie Wort führen und zwar, so, dass man zuhört, auch dann, wenn man anderer Meinung ist. Seine politische Spezies wird seltener. Ein "Auslaufmodell" eben.

Nun würde es sich die CDU aber zu leicht machen, wenn sie die causa Merz auf persönliche Eitelkeiten reduzierte. Spätestens seit der Bundestagswahl 2005, wo man zwar nicht siegte, aber dennoch anschließend in einer Großen Koalition die Chefin stellen durfte, spätestens seit in allen wichtigen Fragen ängstlich auf sozialdemokratisches Stirnrunzeln geschielt wird, sind Ecken und Kanten nicht mehr gewünscht.

Dabei wäre es wichtig gewesen, das schlechte Wahlergebnis sorgfältig zu analysieren, die Fehler, die man etwa im Umgang mit dem Steuerfachmann Kirchhoff machte, zu benennen, und daraus Konsequenzen zu ziehen.

Statt dessen Stromlinienförmigkeit aller Orten – in der Erkenntnis, dass die gewachsene Klientel der Volksparteien nicht mehr als Basis von Wahlerfolgen dienen kann. Gefragt ist das Modell Merkel nach dem Motto "Führen nach Windrichtung", oder Volkstribunen wie Rüttgers oder Seehofer, denen das eigene Hemd allemal näher ist als Loyalität gegenüber der Partei oder Kontinuität in der Sache.

Man mag das bedauern, zu ändern ist es nicht. Der Rückzug von Merz ist da nur konsequent; und schon denken andere, durchaus namhafte Kollegen, denen die Richtung nicht passt, ebenfalls über einen Rückzug nach. Man darf gespannt sein, ob sich hier eine Erosion angekündigt; und sollte die Union ein für allemal aufgeben, dem konservativen Teil der Bevölkerung eine Plattform zu bieten, darf man auf die Folgen noch gespannter sein.