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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 17.08.2009

Das 140-Zeichen-Missverständnis

Fördert das Internet den politischen Dialog?

Von Uwe Bork

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Screenshot der Unions-Twitterseite (twitter.com/cducsu)
Screenshot der Unions-Twitterseite (twitter.com/cducsu)

Der russische Präsident Dimitri Medwedew tut es und Barack Obama, sein Kollege von der anderen Seite des Atlantiks, tut es ebenfalls: Beide bloggen, das heißt, sie führen eine Art öffentliches, für alle Nutzer des Internets einsehbares Tagebuch. Oder sie lassen es zumindest führen.

Obama, dessen Hund inzwischen sogar mit eigenen Blogs im Netz präsent ist, hat sich in der kreativen Kunst der bündigen Botschaft als unbestrittener Meister erwiesen: Sein souveräner Einsatz von Smartphone und Internet dürfte nicht unwesentlich dazu beigetragen haben, dass die Türen des Weißen Hauses für ihn weit aufgesprungen sind.

Deutschlands Polit-Elite kann da natürlich nicht abseits stehen. Berlins glückloser Friedbert Pflüger führte beispielsweise noch bis vor ein paar Monaten ein Blog, in dem er im kumpelhaften "Du" der Kreativen und Proleten über seine inzwischen vielleicht behobenen Zeitnöte aufklärte: "Bitte entschuldigt, dass ich in den letzten Tagen nicht dazu gekommen bin, hier zu schreiben. Mein Telefon klingelt pausenlos und auch mein Terminkalender platzt immer noch aus allen Nähten."

Thorsten Schäfer-Gümbel, weiland als Ministerpräsidenten-Kandidat in Hessen schon vor der Wahl auf verlorenem Posten, liebt es sogar noch direkter. Unter dem twitter-üblichen 140-Zeichen-Limit verschickt er derart komprimierte Lebenszeichen, dass es schwer fällt, den echten TSG von seiner Satire-Kopie beim Magazin "Titanic" zu unterscheiden: "Gleich im Main-Taunus-Kreis, Heimat von Roland Koch. Immer noch keine Kaffeemaschine im Auto. Tagespost gleich geschafft."

Wer fühlte sich da nicht persönlich angesprochen? Mit der politischen Prominenz plötzlich auf Du und Du, menschliche Nähe statt durch bullige Bodyguards kontrollierte Distanz. Präsident Obama tollt mit uns und seinem Hund Bo durch seinen Garten, Friedbert Pflüger wird wie wir durch sein Telefon genervt und Thorsten Schäfer-Gümbel möchte schlicht nur eine Tasse Kaffee. Das ist doch keine Massenkommunikation, das ist endlich der Kontakt von Mensch zu Mensch, das Zuschütten der Gräben zwischen Regierenden und Regierten!

Wirklich? Zweifel sind angebracht.

Wenn Politiker – und natürlich auch Politikerinnen – twittern, was die Tastatur hält, wenn sie uns Blogs zusenden, bis uns die Augen tränen, oder wenn sie wie Angela Merkel mit wöchentlichen Video-Podcasts die "Kanzlerin-to-go" geben, ist damit allenfalls der schöne Schein geschaffen, nach dem moderne Medien die Grenzpfosten der Massenkommunikation geschleift haben.

Auch wenn die Option "Antworten" auf dem Computer-Bildschirm oder dem Handy-Display anderes vorgaukelt, stehen dem einen Sender doch noch immer viele Empfänger gegenüber. Ein gleichberechtigtes Zwiegespräch – man beachte die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes – ein gleichberechtigtes Zwiegespräch zwischen Wählern und Gewählten via Blog, Twitter oder SMS ist unmöglich. Je erfolgreicher diese Medien sind, desto weniger können sie die Unterscheidungen zwischen Sendern und Empfängern aufheben. Barack Obama, weltweit zumindest unter den Politikern Champion der knappen Kommunikation, hat laut Twitter knapp 1,7 Millionen Leser für seine Botschaften: Würde ihm täglich davon auch nur ein Prozent antworten, bliebe fürs Regieren nicht mehr viel Zeit.

Die neuen Medien haben uns also weder eine direkte noch eine digitale Demokratie beschert. Das können sie zumindest in ihrer gegenwärtigen Ausbaustufe auch gar nicht. Was sie leisten können, ist noch auf lange Zeit höchstens der Anschein eines Dialogs. Wer es "denen da oben" also wirklich einmal zeigen möchte, wird bis auf weiteres auf die klassischen Wege angewiesen bleiben: Entweder per Stimmzettel oder – besser – gleich durch persönliches Engagement.

Uwe Bork (privat)Uwe Bork (privat)Uwe Bork, Journalist, geboren 1951 im niedersächsischen Verden (Aller), studierte an der Universität Göttingen Sozialwissenschaften. Nach dem Studium arbeitete Bork zunächst als freier Journalist für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und ARD-Anstalten. Seit 1998 leitet er die Fernsehredaktion "Religion, Kirche und Gesellschaft" des Südwestrundfunks in Stuttgart. Für seine Arbeiten wurde er unter anderem mit dem Caritas-Journalistenpreis sowie zweimal mit dem Deutschen Journalistenpreis Entwicklungspolitik ausgezeichnet. Bork ist außerdem Autor mehrerer Bücher.

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