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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.04.2016

DarmstadtMathildenhöhe will Welterbe werden

Von Ludger Fittkau

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Die Russische Kapelle und der Hochzeitsturm auf der Mathildenhöhe in Darmstadt  (dpa / picture alliance / Thalia Engel)
Die Russische Kapelle und der Hochzeitsturm auf der Mathildenhöhe in Darmstadt - die Künstlerkolonie will Welterbe werden. (dpa / picture alliance / Thalia Engel)

Die Künstlerkolonie Mathildenhöhe als Ideengeberin und geistiges Zentrum der frühen Moderne um 1900: Mit diesen Argumenten will Darmstadt bis 2019 einen Antrag für eine Welterbe-Nominierung einreichen. Unterstützung erhält die Stadt von der Kultusministerkonferenz.

Künstlerkolonien entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überall in Europa. Meist draußen auf dem Land,  als Reflex auf die rasche Industrialisierung. Die Natur sollte den Seelenschmerz heilen, den die wuchernden Städte dem modernen Menschen zugefügt haben. Lebensreform, Nudismus, Kunsthandwerk - diese Stichworte fielen auf der Darmstädter Tagung oft, um Rückzugbewegungen  zu kennzeichnen. Die Darmstädter Künstlerkolonie war da anders, so  der britische Kunstexperte David Hill:

"Darmstadt war wirklich fortschrittlicher und führt viel mehr zu moderner Architektur und Design."

In Darmstadt taten sich von 1899 bis 1914 Avantgarde-Architekten und Designer aus ganz Europa zusammen, um eine neue Stadt zu gestalten - mit industriellen Mitteln. Von Baufirmen bis zu Möbel- und Porzellanfabriken sollte die regionale Wirtschaft von den Produkten profitieren, die die Darmstädter Architekten und Designer entwarfen und die möglichst in Serie gehen sollten. Darmstadt wird damit wie wenig später der Werkbund ein Ausgangspunkt des modernen Industriedesigns.

Einer, der in Darmstadt eine zentrale Rolle spielen sollte, war zuvor  bereits ein Star in Wien:  Josef-Maria Olbrich.  Er hatte dort gerade das Ausstellungsgebäude der Wiener Secession um den Gründungspräsidenten Gustav Klimt gebaut.  Olbrich rief jedoch unmittelbar nach der erfolgreichen ersten Kunstausstellung der Secession 1898 aus:

"Alles das ist noch gar nichts, bis wir uns nicht eine Stadt erbauen, eine ganze Stadt. Kein Bild mehr, das dann an die Wand nicht passt. Kein Zimmer, das mit dem Hause nicht stimmt. Kein Haus, das dann in der Straße befremdet."

Mit der Gründung der Darmstädter Künstlerkolonie  ergriff der Architekt Olbrich  die Chance, seine Reformideen für den öffentlichen und privaten Raum zu realisieren.  Mit Erfolg, resümiert Jörg Haspel, Präsident des Deutschen Nationalkomitees des internationalen Denkmalschutzrates ICOMOS. Haspel berät in dieser Funktion die UNESCO:

Europaweite Beachtung der Künstlerkolonie

"Unter diesem programmatischen Anspruch auf den Bau einer ganzen Stadt, man könnte sogar behaupten, eigentlich den Entwurf einer neuen Welt, vereint die Mathildenhöhe in Darmstadt auf einzigartige Weise urbane, architektonische, auch gartenbauliche und künstlerische, sowie kunstgewerbliche Reformansätze, aber eben auch ein völlig neues Gedankengut oder ein völlig neues Menschen und Weltbild."

Die Freiheit zum Experiment ist zentrales Element dieses neuen Denkens. Das führte dazu, dass der Maler Peter Behrens für die erste Bauausstellung auf der Mathildenhöhe im Jahr 1901 ein Haus bauen durfte, obwohl er zuvor noch nie eines entworfen hatte. Kunsthistoriker Philipp Gutbrod pflegt als Direktor des Instituts Mathildenhöhe heute das Darmstädter Behrens-Erbe:

"Die anderen Mitglieder der Künstlerkolonie haben sich lustig gemacht und haben gesagt: Wie kann ein Maler aus München, wie soll der ein Haus bauen können? Und es gibt ganz üble Karikaturen mit  diesem Haus, das von Stützen getragen wird."

Die Strahlkraft des durchaus sehr standfesten ersten Behrenshauses ist nur ein Beispiel dafür, warum die Darmstädter Mathildenhöhe bei moderne-begeisterten Zeitgenossen europaweit Beachtung fand. Dies zeigten viele Beiträge der Darmstädter Tagung, mit der die Welterbe-Tauglichkeit der Künstlerkolonie abgeklopft werden sollte.

Darmstadt inspirierte etwa den Stifter des heutigen Essener Folkwang-Museums, den Hagener Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus. Osthaus plante mit Hilfe von Peter Behrens noch vor dem Ersten Weltkrieg  in Hagen einen ganzen Stadtteil, der durch die damalige Architekturavantgarde gestaltet werden sollte.

Die Mathildenhöhe als Ideengeberin und geistiges Zentrum der frühen Moderne um 1900:  Diese besondere Rolle stimmt den UNESCO-Berater Jörg Haspel optimistisch, dass die Künstlerkolonie es anders als bisher die Stuttgarter Weißenhofsiedlung oder die Dresdener Gartenstadt Hellerau auf die Welterbe-Liste schaffen könnte.

Darmstadt wird beim Welterbe-Antrag, der bis 2019 eingereicht werden soll, übrigens von der Kultusministerkonferenz - kurz KMK - unterstützt, weil die UNESCO als Bildungseinrichtung gilt.

Jörg Haspel: "Und die Künstlerkolonie Mathildenhöhe zählt zu den sieben Vorschlägen von insgesamt 31 Länderanträgen, denen die KMK gute Chancen  für eine erfolgreiche Welterbe-Nominierung beigemessen hat. Weil sie einerseits die Welterbe- Kriterien erfüllt und andererseits einen Beitrag leisten kann, um die thematische und historisch- chronologische Lücke in der Welterbe-Liste zu schließen."

Zur geistigen Vorreiterfunktion der Mathildenhöhe um 1900 kommt noch ein weiterer, glücklicher Umstand hinzu. Trotz starker Bombardierung Darmstadts überstand ein Großteil der  Künstlerbauten den Zweiten Weltkrieg. Philipp Gutbrod, der Direktor des Instituts Mathildenhöhe:

"Das finden sich nicht in Brüssel, nicht in Barcelona und nicht in Wien, dass ein Ensemble an Gebäuden erhalten geblieben ist und eine gestalterische Sprache der Zeit gemeinsam spricht."

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