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Buchkritik | Beitrag vom 13.10.2021

Dara McAnulty: „Tagebuch eines jungen Naturforschers“Schillerndes Zeugnis eines Menschen, der zu viel fühlt

Von Susanne Billig

Zu sehen ist das Buch "Tagebuch eines jungen Naturforschers" von Dara McAnulty. (Deutschlandradio / Piper)
Ein Kind erzählt davon, wie man Jugendlicher wird - schwere Schulzeit voller Mobbing inklusive. (Deutschlandradio / Piper)

Dara McAnulty ist Autist, geboren in eine autistische Familie – Mutter, Schwester und Bruder fühlen anders als die meisten anderen Menschen. In seinem preisgekrönten Tagebuch erzählt Dara von seiner großen Liebe zur Natur.

Er hasse das alles, erklärt Dara McAnulty in seinem "Tagebuch eines jungen Naturforschers". Das viele Lob, die Anerkennung, die schulterklopfende Versicherung, seine Texte seien so "inspirierend". Warum, so fragt er, gehen die Leute nicht einfach nach Hause zu ihren Kindern und unterstützen sie dabei, dasselbe zu machen wie er?

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Wenn das so einfach wäre. Dara schreibt mit einer literarischen Wucht und feinen Beobachtungsgabe, dass er mit Anerkennung wohl noch lange wird leben müssen. Seine Texte sind schillernde Zeugnisse eines Menschen, der nicht anders kann, als zu viel fühlen. Er trifft damit auf eine Welt, die ihrerseits und auf eine viel gefährlichere und bodenlosere Weise verrückt geworden ist.

Still wie die Luft

Dara flieht in die Natur. Was er dort sieht, spürt, erlauscht, behutsam und über alle Maßen begeistert in sich aufnimmt, füllt sein Buch. Tausend Vögel, Krabbeltiere, Gräser und Blumen kennt er beim Namen und gießt seine hingebungsvollen Beobachtungen in eine Sprache (und Übersetzung!) zum Niederknien.

"Ich war still wie die Luft, beobachtete die sich ausweitenden Wellen der zum Fliegen sich aufschwingenden Vögel: Mit ausgebreiteten Flügeln, tief gehaltenen Häuptern, wild rotierenden Beinen stiegen sie auf, während die plumpen Paddelfüße sie schoben und hoben. Fort flogen sie, bliesen das Horn wie ein königlicher Konvoi."

Eine liebevolle Familie

Das Buch ist auch eine Coming-of-Age-Geschichte, erzählt von einem Kind, das zum Jugendlichen wird und eine schwere Schulzeit voller Mobbing und Unverständnis durchstehen muss. Nicht zuletzt ist es auch die Geschichte einer Familie, die von lauter Übersensibilität und Liebe zusammengehalten wird.

Wie sich die Mutter vor jedem Ausflug mit ihren Kindern zusammensetzt und mögliche Tücken minutiös mit ihnen durchgeht. Laut könnte es werden. In Menschenansammlungen könnten sie geschubst werden. Jemand könnte sie fragen, wie sie heißen und wohin sie unterwegs sind.

Doch dann rennen sie alle zusammen in die Weite der irischen Landschaft hinaus – zappelnd, lachend, schreiend. "Das Spazierengehen ist wunderschön", erzählt Dara, "und zugleich macht es uns irre."

Politisches Erwachen

Schreibt hier ein Autist? Was heißt das überhaupt? Vielleicht erlebt Dara nur sensibler, was die meisten ahnen – wie gefährlich die Invasion der Eitelkeiten und der Egozentrik ist und wie dumm das in den ökologischen Abgrund ratternde Getriebe dieser Welt.

Im Drehbuchschreiben nennt man es die "obligatorische Szene" – die Szene, von der die Zuschauenden schon am Anfang des Filmes spürt, dass sie wird vorkommen müssen. Greta Thunberg und Dara nehmen Kontakt zueinander auf. Erst folgen sie sich auf Twitter, dann kommt es zu einem Austausch – einer kurzen, fast wortlosen Verständigung.

Wie Greta treibt Dara die nahende Klimakatastrophe um, er wird aktiv, und so ist dieses Buch nicht zuletzt auch die Geschichte eines politischen Erwachens. Während er sein Tagebuch schreibt, wird Dara 14 Jahre alt. Vierzehn Jahre! "Ich will kein Lob mehr", sagt er. "Ich will Taten."

Dara McAnulty: "Tagebuch eines jungen Naturforschers"
Aus dem Englischen von Andreas Jandl
Piper Verlag, München 2021
256 Seiten, 20 Euro

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