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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 01.11.2019

Daniel Kahn: "Bulat Blues"Sowjetischer Liedpoet auf Englisch

Von Luigi Lauer

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Daniel Kahn spielt Akkordeon während eines Auftritts im Kulturzentrum franz.K in Reutlingen (imago images / Jan Zawadil)
Daniel Kahn hat in der eigenen Plattenkiste Bulat Okudschawa für sich entdeckt. (imago images / Jan Zawadil)

Bulat Okudschawa war ein bedeutender politischer Liedermacher in der Sowjetunion der Nachkriegszeit. Er war hochverehrt, doch wenig bekannt außerhalb seiner Heimat. Der in Berlin lebende amerikanische Musiker Daniel Kahn würdigt nun sein Werk.

Es war ein Zufallsfund in der eigenen Plattenkiste: Ein rauchender Mann in seinen 50ern, mit etwas grimmigem Gesichtsausdruck, ziert die LP-Hülle. Es ist einer der berühmtesten russischsprachigen Liedermacher: Bulat Okudschawa. Doch von dem hatte Daniel Kahn noch nie gehört.

"Alles fing mit dieser Platte an. Ich hatte die vielleicht vor zehn Jahren gekauft und ich kannte den gar nicht. Ich dachte, das wäre eine Platte von Reden von Lenin, weil: Er sieht so aus! Mein Freund Psoy Kolenko war bei mir, das war in Michigan. Später hat er mir ein Lied von ihm gespielt und es hat mich sofort gefangen. Ich habe etwas darin wiedererkannt, einfach etwas tief Menschliches."

Ansteckende Geschichte

Das Menschliche in Bulat Okudschawas Liedern mag in seiner Biographie begründet sein. Der aus Georgien stammende Vater wurde 1937 von Stalins Terrorkommandos ermordet. Bulat Okudschawa war damals 13 Jahre alt. Seine Mutter, eine Armenierin, kam in Sippenhaft, zehn Jahre Arbeitslager. Bulat verbrachte 20 Jahre in Tiflis, bevor er in seine Heimatstadt Moskau zurückkehrte.

Nach dem Fund in der Plattenkiste war Daniel Kahn fasziniert und infiziert – anscheinend eine ansteckende Geschichte. Denn er musste nicht lange suchen, um Lieder für ein Album zusammen zu tragen. Genügend Material bekam er "zugespielt".

"Die Lieder haben mich gefunden, durch Freunde, Kollegen und Kolleginnen und durch meine Frau. Ich bin umzingelt von Russischsprechenden, das freut mich. In der internationalen russischen Diaspora, meistens jüdischen Diaspora, gibt es viele Welten. Ich habe in den Welten auch eine Welt für mich gefunden, obwohl ich kein Russischsprechender bin. Überall, wo ich Bulat Okudschawa erwähne … er hat so eine Wirkung!"

Der Bob Dylan Russlands

Offenkundig auch eine Wirkung auf Kahn. Etwas zog ihn an, ohne dass er es konkret hätte benennen können. Vielleicht war es einfach die Magie, die wirklich große Liedpoeten ausstrahlen.

"Das war, bevor ich die Texte verstanden habe, einfach sein Ausdruck. Jeder hat eine sehr persönliche Beziehung zu seinen Liedern. Seine Lieder haben Menschen begleitet durch unglaubliche Schwierigkeiten. Man spricht oft von ihm wie von einem sehr guten Bekannten, dem besten Freund. John Lennon hat mal über Bob Dylan gesagt: Jeder muss Dylan für sich selbst entdecken. Dann hat man das Gefühl, du bist der erste, der ihn entdeckt hat."

Ein guter Vergleich, denn oft wird Bulat Okudschawa auch als der Bob Dylan Russlands bezeichnet.

Okudschawa wurde und wird auch in Ländern verehrt, die keine ungetrübte Zuneigung zu Russland pflegen - Ungarn etwa oder Tschechien. Im polnischen Kielce hat man ihm sogar ein kleines Denkmal aufgestellt. Und innerhalb Russlands?

"Innerhalb auch, aber das wusste ich damals nicht. Natürlich ist er ein großer Held dort. Er wird so gefeiert, er ist ikonisch."

Von Ikonen verstehen die Russen bekanntlich etwas. Inzwischen ist Okudschawa in Russland nicht nur im Untergrund ein Held, sondern ganz offiziell. 1992 berief ihn Boris Jelzin in die Begnadigungskommission, der Okudschawa bis zu seinem Tod 1997 angehörte. Im beliebten Moskauer Stadtteil Arbat, in dem er aufwuchs und den er auch besang, ehrt ihn eine Statue und seine frühere Datsche am Stadtrand beherbergt heute ein kleines Museum.

Kahn ist Bulat auf Englisch

Ein halbes Dutzend Freunde half Kahn, die russischen Texte zu übersetzen. Schon Wolf Biermann hatte welche ins Deutsche übertragen. Kahn hat Englisch gewählt, seine Muttersprache, wobei er gelegentlich auf das Englisch der shakespeareschen Zeit zurückgriff, der poetischen Kraft wegen.

Dass Kahn auch Jiddisch beherrscht, war in diesem Falle besonders hilfreich: "Es gibt jiddische Übersetzungen von Bulat Okudschawa. Jiddisch war eine lebendige Sprache in der Sowjetunion. Es gab jiddische Übersetzer, die mit populären russischen Liedern beschäftigt waren. Die waren unheimlich populär in der Zeit."

Die jiddischen Übersetzungen rühren daher, dass Okudschawa in intellektuellen Künstlerkreisen verkehrte, darunter besonders viele Juden. An Wochenenden traf man sich gerne in besagten Künstlerdatschen zum Diskutieren, Philosophieren, Musizieren.

"Direkt jüdisch ist er nicht, aber sein ganzes Umfeld ist jüdisch. Nicht nur natürlich. Er ist allgemein beliebt in der Welt. Aber das ist nicht der Punkt, ich betone das nicht. In dem Album kommt das Thema gar nicht deutlich vor."

 Finding the Blues

Klezmerverwandte Klänge, wie man sie nach dem bisherigen Schaffen Kahns erwarten könnte, finden deshalb auf "Bulat Blues" nicht statt. Allerdings ist "Blues" auch nicht das Erste, was einem zu Liedern aus einem russisch-jüdischen Umfeld einfallen würde.

"Für mich ist Blues nicht nur eine Musikrichtung, eine Genre- oder Stilrichtung. Das ist eine Haltung, ein Ausdrucksmittel, eine Meinungsfreiheit. Blues ist auch eine therapeutische Funktion der gesungenen Lyrik. Blues ist die Wurzel des 20. Jahrhunderts. Wenn ich Bulat Okudschawa höre, natürlich ich höre den Blues, sowjetischen Blues."

Bekanntlich benötigt guter Blues keine Bigband. Und so hat sich Kahn, der selber mit Akkordeon, Gitarre, Harmonika und seinem Gesang beiträgt, lediglich einen Mitmusiker an Bord geholt. Es ist der Russe Vanya Zhuk; ihn kennt Kahn seit 15 Jahren. Zhuk spielt elektrischen Bass, vor allem aber eine siebensaitige Roma-Gitarre.

In nur wenigen Tagen wurde "Bulat Blues" in Berlin aufgenommen und ist trotz, oder vielleicht wegen seiner sparsamen Besetzung ein höchst eindrückliches Album. Es ist ein kleiner, aber feiner Beitrag zu Ehren eines Liedpoeten, der sehr viel mehr Beachtung verdient gehabt hätte, findet Kahn.

"Seine Menschlichkeit hat sich immer durchgesetzt. Es ist schade, dass er nur in der ehemaligen sowjetischen Welt bekannt ist. Er verdient einen Platz neben den anderen großen Liedermachern seiner Zeit. Was er geschaffen hat, gehört neben Bob Dylan, Leonard Cohen und Paul Simon und die anderen ‚popular song poets‘."

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