Seit 01:05 Uhr Tonart

Montag, 17.12.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.01.2006

"Damals konnte man einfach so loslegen"

Reporter Jürgen Graf über seine Arbeit beim RIAS

Moderation: Matthias Hanselmann

Podcast abonnieren
Der ehemalige RIAS-Reporter Jürgen Graf. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Der ehemalige RIAS-Reporter Jürgen Graf. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Vor 60 Jahren wurde der RIAS gegründet. Einer der Reporter der ersten Stunde war Jürgen Graf. Im Deutschlandradio Kultur erzählte Graf von seiner Arbeit. Damals seien die Arbeitsbedingungen für Reporter freier gewesen als heute, glaubt Graf.

Lesen Sie hier Ausschnitte aus dem Gespräch mit Jürgen Graf:

Hanselmann: Als Sie dann gelandet sind beim RIAS - wie ging das los? Mit welchen Absichten, Intentionen ist der RIAS gestartet seinerzeit?

Graf: (…) Die wichtigste Tat war die, dass doch ein paar sehr kluge Leute (…), die haben den Amerikanern beigebracht, dass das, was die wollten, nämlich Musik spielen und dazwischen 'n bisschen Nachrichten, 'n paar Kommentare und vielleicht 'ne Reportage, dass das in Deutschland nicht geht. Die Deutschen sind gewohnt ein Programm zu haben vom Kinderfunk bis zum Symphonieorchester, vom kulturellen Wort bis zum Hörspiel bis zum politischen Kommentar. Und das haben die wirklich, diese paar Amis hier in Berlin, die haben das geschafft, indem sie Washington überzeugt haben, das zehnfache der vorgesehenen Summe - das ist jetzt von mir, das Zehnfache - für diesen Sender locker gemacht haben und so kamen wir zum ersten deutschen großen Symphonieorchester und, und, und …

Hanselmann: Erzählen Sie doch mal die Höhepunkte Ihrer Reportertätigkeit. Was ist da besonders hängen geblieben?

Graf: Selbstverständlich die Kennedy-Reportage, wo ich in einem Auto gesessen habe, und in diesem Auto war ein Sender eingebaut, und wir sechseinhalb Stunden mit Kennedy mitgefahren sind. Das war also das Beste, was ich gemacht habe, und das lag nicht daran, dass ich so die dolle Formulierungskraft hatte, sondern dass anderthalb Millionen Menschen auf den Straßen standen, da kannste als Reporter was erzählen… Ich habe mir die später noch mal angehört, da bin ich doch recht stolz drauf. Das andere war später das normale Tagesgeschäft. Ich hab dann sehr viel Internationales gemacht.

Hanselmann: Der Bau der Mauer, wie haben Sie den erlebt, nachdem Sie auch die Spaltung und Teilung Berlins richtig mitgelebt haben?

Jürgen Graf berichtet 1963 vom Checkpoint Charlie (DRadio)Jürgen Graf berichtet 1963 vom Checkpoint Charlie (DRadio)Graf: Den Bau der Mauer habe ich nachmittags um halb sechs erlebt, denn ich war in Hamburg und habe Fernsehen gemacht. Und es war ein Sonntag und am Sonntag flog die Pan American nicht, es flog nur einmal am Abend oder so und dadurch kam ich etwas zu spät. Aber ich habe von dem Mauerbau schon mitten in der Nacht gehört, denn Freunde von mir riefen mich an und sagten: "Die bauen hier irgendetwas". Da war ich überhaupt nicht dabei, aber ab nachmittags dann natürlich am Brandenburger Tor.

Hanselmann: War die Berichterstattung von Krisenherden, war das damals einfacher als heute? Konnte man sich freier fühlen als Reporter?

Graf: Das glaube ich. Erstmal war für Autodidakten viel mehr Raum als heute. Wenn Sie heute irgendwo hinkommen, wird als erstes gefragt: "Ja, was haben Sie denn studiert? Wie sind denn Ihre Abschlüsse? Wo haben Sie ihr Volontariat gemacht?" Damals hatte man das Glück gehabt, das man einfach so loslegen konnte. Und sicherlich haben nicht alle so viel Glück gehabt wie ich. Aber es war wesentlich einfacher zu starten…

Das vollständige Gespräch mit Jürgen Graf können Sie für begrenzte Zeit nach der Sendung in unserem Audio-On-Demand-Player hören.

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur