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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.08.2016

DADA-Ausstellung in der Berlinischen GalerieGegen die weiße Überheblichkeit

Von Anette Schneider

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Ein Kunstwerk, das Rahmen der Ausstellung "Dada Afrika. Dialog mit dem Fremden" Berlinischen Galerie zu sehen sein wird. (picture alliance/dpa/Foto: Sophia Kembowski)
Ein Kunstwerk, das Rahmen der Ausstellung "Dada Afrika. Dialog mit dem Fremden" Berlinischen Galerie zu sehen sein wird. (picture alliance/dpa/Foto: Sophia Kembowski)

DADA-Künstler wollten dem Nationalismus und Militarismus ihrer Zeit etwas entgegensetzen. Die Ausstellung "Dada Afrika" der Berlinischen Galerie, in der Masken, Figuren und Objekte aus außereuropäischen Kulturen zu sehen sind, ist damit aktueller denn je.

Zürich 1916, Cabaret Voltaire. Mitten im Ersten Weltkrieg tragen einige hinter unheimlichen Masken verborgene DADA-Künstler so genannte Lautgedichte vor...

"Diese Dada-Abende, auf denen Chants Nègre oder Poems Nègres dargeboten wurden, waren durchaus tumultös..."

Und das ist auch Absicht der Dadaisten! Es geht um das Be-Fremden des Publikums. Und um das Ent-Fremden der Dadaisten. Es ist immer auch die Abkehr von dem, was mit bürgerlichen Vorstellungen, mit Kunst zu tun hatte. Und es ist ein komplett radikaler Gegenentwurf, der uns da gegenüber tritt.

DADA-Künstler suchten etwas Neues

Diesen Gegenentwurf zum millionenfachen Morden und Sterben im Ersten Weltkrieg führt die Ausstellung unter einem völlig neuen Blickwinkel vor: Drei große Säle versammeln Hörstationen mit Lautgedichten, DADA-Collagen, Assemblagen, Fotografien, Alltagsdesign und Installationen. Diese Arbeiten korrespondieren mit Musik, Masken, Figuren und Objekten aus außereuropäischen Kulturen. Und die offenbaren, was bisher keine Ausstellung interessiert hat: Dass DADA-Künstler angesichts des Krieges nicht nur alle vorherrschenden bürgerlichen Vorstellungen zerschlugen, sondern zeitgleich. 

"Die Dadaisten haben darauf reagiert, indem sie sagten: Wenn die Kultur, wenn die Idee des Wahren, Guten und Schönen es nicht vermocht hat, dieses Millionenfache sterben in den Schützengräben zu verhindern, dann kann das nicht mehr unsere Kultur sein, auf der wir eine neue Gesellschaft aufbauen wollen. Justament aus diesem Impuls heraus gibt es die Hinwendung zu dem – ich nenne das mal ´kulturell Fremden`, ´kulturell Anderen`, wobei das Eigene immer mitgedacht wird. Wenn Dada gegen die bürgerliche Geistigkeit angeht, gegen Nationalismus und Militarismus, so ist das das der Gesellschaft eigene. Und deshalb ist das ein Widerspiel: Das Fremde und das Eigene. Also DADA wendet sich dem kulturell Fremden zu, um sich auch aus dem eigenen zivilisatorischen Korsett loszulösen."

Die buntbemalten Papiermasken, die die Dadaisten bei ihren Auftritten im Cabaret Voltaire trugen, schuf Marcel Janko nach Vorbildern aus Kamerun. Jetzt hängen seine Masken und die afrikanischen nebeneinander in der Ausstellung. Sophie Taeuber griff für ihr Damenkostüm mit rot-grünen Mustern auf die geometrischen Muster der Hopi-Indianer zurück.

Zahlreiche Fotos, Briefe und Plakate dokumentieren die produktive Beschäftigung mit Kunst aus außereuropäischen Ländern. Und die bedrohlich wirkende, lebensgroße Figur mit behörntem Holzkopf und Bastkleid aus Tansania, mit der einst Sanktionen durchgesetzt wurden. Sie steht neben Collagen von Hannah Höch, die Abbildungen des behörnten Kopfes zerschnitt und mal mit einem Polizeihut versah, mal klebte sie unterhalb der martialischen Hörner die feisten Gesichtszügen eines weißen Mannes. Ralf Burmeister:

"Das kann man hier nicht erkennen, das weiß ich aber, dass die Gesichtspartien darunter von Herrn Zörgiebel stammen. Zörgiebel war 1930 Polizeipräsident hier. Das heißt also, intuitiv verbindet sie außereuropäische, männliche Sanktionsformen mit hiesigen."

Eine Art Utopie entgegensetzt

Hannah Höch, John Heartfield, George Grosz gingen in ihren Arbeiten besonders scharf gegen Militarismus und Chauvinismus vor, die in der Weimarer Republik schnell wieder das Sagen hatten. Hannah Höch entwickelte aber gleichzeitig auch Collagen, in denen sie dem herrschenden Exotismus und damit der weißen Überheblichkeit gegen alles Fremde eine Art Utopie entgegensetzt: Zerschnittene Fotos von außereuropäischen Holzfiguren und Bildern der "modernen Frau mit Bubikopf" fügt sie zu völlig neuen, sehr ästhetischen Figuren.

"Sie schafft sozusagen eine Harmonie der Differenzen. Und das ist am Ende eine sehr klare humanistische Aussage, dass wir nämlich alle eines sind, egal aus welchem Kulturraum wir kommen, und egal welche kulturelle Form wir finden, um uns auszudrücken."

Immer wieder stößt einen die Ausstellung darauf, wie politisch DADA war. Und wie aktuell DADA bis heute ist. Denn was wäre drängender, als dem schon wieder beängstigend laut auftretenden Militarismus so entschieden entgegenzutreten, wie DADA es tat? Und wo fände ein solch interessierter "Dialog mit dem Fremden" statt, wie ihn die Dadaisten führten? Da klingt es fast wie ein Versprechen, wenn Ralf Burmeister abschließend betont:

"Dada ist nicht statisch. Dada hat unterschiedlichste Gesichter. Dada ist kein Stil, sondern eine Haltung. Und ich bin mir auch sicher, dass Dada heute noch existiert, ohne dass das Dada-Label drauf klebt. Man muss nur hingucken!"

Die Ausstellung "Dada Afrika. Dialog mit dem Fremden" ist bis zum 7. November in der Berlinischen Galerie zu sehen.

 

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