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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.07.2011

Da ist ein Knoten

Ingrid und Renate Müller: "Zwillingskrebs: Ein Schicksal, zwei Geschichten", Rowohlt Verlag, 288 Seiten

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Angst vor Brustkrebs: Das "Mammotom" dient der Früherkennung (AP)
Angst vor Brustkrebs: Das "Mammotom" dient der Früherkennung (AP)

Ingrid und Renate Müller legen ein Protokoll vor, in dem sie das Thema Brustkrebs schonungslos, informativ und humorvoll umkreisen. Achim Greser liefert dazu großartige Karikaturen, die Neuland betreten - Witze über Krebs.

Es sollte eine verwegene Liebesnacht mit einem Fremden werden. Zum Abschied sagte er: "Da ist ein Knoten in deiner Brust. Den musst du untersuchen lassen." Nachdem Renate Müller so von ihrem Krebs erfahren hatte, ließ sich ihre Zwillingsschwester testen - auch sie ist krank.

In ihrem Buch "Zwillingskrebs" erzählen Renate und Ingrid Müller vom Verlauf ihrer Brustkrebserkrankung, angefangen von der Diagnose über die schweren Wege im Krankenhaus, Gespräche mit Ärzten und Freunden, Operationen und Bestrahlungen bis hin zum Kauf von Perücken und dem nächtlichen Ringen mit Ängsten und Schmerzen. Die Biologinnen und Journalistinnen reflektieren zudem viele medizinische Fragen, von OP-Techniken bis zum Chemotherapie-Cocktail.

Als eineiige Zwillinge stehen sich Renate und Ingrid Müller denkbar nah. Sogar der Krebs trifft beide fast gleichzeitig, obgleich es sich nicht um die testbare, erbliche Form handelt. Spannend liest sich, wie die gleichzeitige Diagnose die Schwestern zunächst in einen heftigen Streit stürzt: Während Ingrid das Duo auf eine zackige Kampfrhetorik verpflichten möchte, wartet Renate lieber ab, horcht in sich, zögert mit dem nächsten Schritt. In zähen, nächtelangen Debatten lernen die Schwestern, einander in ihrer Unterschiedlichkeit zu akzeptieren.

Viel ist in diesem Buch vom Wert der Freundschaften die Rede; nur sie machen die dunklen Stunden einigermaßen erträglich. Während sich manch ein Bekannter mit lapidaren Trostfloskeln in die Versenkung verabschiedet, bleibt einer immer an ihrer Seite: Achim Greser, der unermüdliche Freund der beiden Schwestern. Er begleitet Renate bei den ersten schweren Gängen zum Onkologen, schippert über den Rhein mit ihr, wenn das Warten auf Testergebnisse unerträglich wird, lacht über ihre verzweifelten Witze und hält still, wenn sie Gespräche in ätzender Laune ertränkt. Als Ingrid dann auch noch erkrankt, macht er alles wieder von vorne mit - die schweren Wege, die Stimmungen, die schiefen Perücken.

Achim Greser ist zudem ein begnadeter Karikaturist. Für dieses Buch hat er schwieriges Neuland betreten - Witze über Krebs. Es ist großartig, wie ihm das gelingt. "Krebsdiagnose" steht auf dem Zettel, den die aufgeregte weiße Touristin dem afrikanischen Medizinmann entgegenstreckt. In der Sprechblase heißt es: "Ich brauche unbedingt eine Zweitmeinung." In einer anderen Karikatur liegt eine von der Chemotherapie ausgemergelte Patientin auf ihrem Krankenhauslager und schaut die Fernsehnachrichten. "Krebsaktien auf Talfahrt", hört sie, "Parlamentswahlen in Metastasien. Prince William will seine Perücke heiraten."

Ingrid und Renate Müller legen ein Krankheitsprotokoll vor, in dem sie das Thema offenherzig, schonungslos, informativ und humorvoll umkreisen, auch wenn sie mit ihrer Liebe zur flotten Metapher sprachlich mitunter etwas dick auftragen. Dass die Natur sie als eineiige Zwillinge in die Welt entlassen hat, liefert den Autorinnen eine ungewöhnliche Folie, auf der sie Grundthemen erkunden, die für Kranke und ihr Umfeld wichtig sind - Skepsis und Vertrauen, Einsamkeit und Miteinander, Möglichkeiten und Grenzen der Solidarität.

Besprochen von Susanne Billig

Ingrid und Renate Müller: Zwillingskrebs. Ein Schicksal, zwei Geschichten
Rowohlt Verlag, Reinbek 2011
288 Seiten, 11,99 Euro

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