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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 06.06.2014

D-DayWie aus Feinden Freunde wurden

Erinnerungen eines deutschen Veteranen mit französischem Pass

Von Ursula Welter

Landung der Invasionstruppen am 6. Juni 1944 in der Normandie (dpa / picture alliance)
Landung der Invasionstruppen am 6. Juni 1944 in der Normandie (dpa / picture alliance)

Vor genau 70 Jahren begannen alliierte Truppen mit ihrer Landung in der Normandie. Der 88-jährige Veteran Johannes Börner lebt heute bei den ehemaligen Landungsstränden. Die Geschichte einer Annäherung.

Das Wetter ist unfreundlich an diesem Sommertag, das Licht am Strand ist grau. Die Tribüne für die Feierlichkeiten an diesem 6. Juni steht im trüben Licht da und wartet auf einige tausend Gäste, die heute aus der ganzen Welt anreisen: 18 Staats- und Regierungschefs, Obama, Putin, die Queen, auch Angela Merkel. Etwa 1800 Veteranen werden dabei sein, eine Handvoll Franzosen, die mit diesem Strandabschnitt eine besondere Erinnerung verbindet.

177 Franzosen, Freiwillige aus den Kolonien und französischem Protektorat darunter, landeten mit den Alliierten am Morgen des 6. Juni in Ouistreham. Lange Zeit war das "Kommando Kieffer", auch weil de Gaulle es weitgehend ignorierte, ein nahezu vergessenes Thema in Frankreich.

Dort, wo der Sand in die gepflasterte Promenade übergeht, erinnert inzwischen ein Monument an die 177 Franzosen. Der Staatspräsident wird die noch lebenden Mitglieder dieser Einheit heute ehren, und sie werden neben Männern auf der Tribüne sitzen, die 1944 ihre Feinde waren.

Unweit des Strandes eine Wohnsiedlung. Hier wohnt Johannes Börner:

"Gautier, das ist einer, der auch hier gelandet ist, das vierte französische, 'Kommando Kieffer', da war er dabei. Wir sind Freunde geworden. Wir haben uns kennengelernt, '94 schon."

Versöhnliche Annäherung

Johannes Börner spricht von Léon Gautier, der heute, mit anderem, vom Präsidenten, geehrt werden wird. Johannes Börner wird dabei sein, 1944 war er Feind, 1994 reichte ihm der Franzose Gautier die Hand:

"Er hat bei uns gegessen, deswegen kannten wir uns."

Im Restaurant der Börners in Ouistreham.

"Da habe ich meine Frau kennengelernt, später, ja."

Sie ist Französin.

"Und 1969 haben wir in Ouistreham hier ein Hotel-Restaurant gekauft."

Börner zeigt auf eine Fotografie an der Wand.

"Wir haben da draußen hingeschrieben: 'Gasthaus'."

In zwei Sprachen warben die Börners nach dem Krieg für ihr Restaurant. 1944, am Tag der Landung der Allilierten ist der spätere Restaurantbesitzer deutscher Soldat in der Bretagne:

"Es war sehr hart bei uns Fallschirmjägern und in der Nacht vom 6. auf den 7. sind wir bis nach Saint Lô, da waren wir gleich an der Front."

Der alte Herr, der bald seinen 89. Geburtstag feiert, sitzt am Wohnzimmertisch in der engen Stube, gepflegte Strickjacke, grünes Hemd:

"Das war furchtbar - furchtbar, was wir da gesehen haben!"

Börner gefiel es in Frankreich

Nach dem Krieg kehrt Börner nicht in die Heimat zurück, der Vater sagt, hier in Leipzig läuft es nicht gut, wenn es Dir gefällt in Frankreich, dann bleib. Und Börner bleibt, arbeitet auf einem Bauernhof, später als Kellner, trifft schließlich seine Frau Therèse und landet privat wieder dort, wohin ihn die Wehrmacht einst gezwungen hatte:

"Ja, ich habe ja die französische Staatsangehörigkeit, seit '56."

Aus dem Deutschen wurde ein Franzose. Mit einem der ehemaligen Gegner wie Léon Gautier Freundschaft zu schließen, war das schwer?

"Das erste Mal, etwas - ich weiß nicht, damals ich als Deutscher, aber wir haben uns sehr gut verstanden."

Und im Dorf, ausgerechnet in der Normandie, hinter den Landungsstränden zu wohnen, mit französischer Frau zwar, aber unverkennbar sächsischem Akzent?

"Es war kein Hass, das nicht, das kann ich nicht sagen."

Über dem Tisch des Franzosen mit deutschen Wurzeln hängt eine Lampe mit Verzierungen, an allen vier Seiten baumeln Fallschirmspringer, Alliierte. Werden die jedes Jahr im Juni aus der Truhe geholt?

"Das erste Mal in diesem Jahr, weil es 70 Jahre sind - das kann man hier im Museum in dem Bunker kaufen."

Die Kuckucksuhr an der Wand meldet sich, die haben wir bei einer unserer Reisen in die DDR gekauft, sagt Johanés Boerner, dessen Name inzwischen einen Akzent auf dem é trägt und keinen Umlaut mehr im Nachnamen.

Schlägt das Herz doch noch ein bisschen deutsch?

"Der Kuckuck, ja, ja, kann man sagen!"

Und die Politik heute, 70 Jahre danach?

"Muss zusammensein, Europa, dass wir uns alle verstehen."

Fürchtet er die Populisten, die Extremen, den rechten Front National?

"Das sieht nicht gut aus, hier!"

...sagt der deutsche Soldat von einst, der französische Staatsbürger von heute:

"Ich möchte das nicht, ich hab es ja erlebt, wie das damals war, als ich jung war, in Leipzig, für mich darf Le Pen nicht hochkommen, das ist nicht gut."

Beim Abschied lacht Johannes Börner mit seiner Frau noch einmal über seinen sächsischen Akzent, den jeder höre, nur sie nicht. An diesem Freitag, wenn er die Bundeskanzlerin trifft, will er das Beste daraus machen:

"Ich werde sächsisch mit ihr sprechen, sächsisch!"

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